Zehn Jahre Sinocur in Bad Kötzting: Das Thema Prävention muss „auf die Straße“

Von Stefan Weber · 3. März 2026 um 05:00

In der Stadt Bad Kötzting (Landkreis Cham) gibt es seit zehn Jahren etwas, das auch in Heilbädern einzigartig ist: Ein eigenes Präventionszentrum. Bei allem Leben, das sich seit 2016 hier eingestellt hat, gibt es auch Stimmen die sagen, dass es nun an der Zeit wäre, das Thema „raus auf die Straße“ zu bringen.

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Video aus dem Jahr 2016

Die Anfänge klingen nicht besonders spannend: Eine Anbindung der Stadt an den Kurpark sollte her. So sah es ein städtebauliches Gutachten im Jahr 2010 vor. Eine Handlungsempfehlung ohne konkreten Vorschlag hatte es von den Städteplanern gegeben, die letztlich zu einem Steg über das Bahngleis, ein Präventionszentrum und einen Auenwall im Kurpark geführt haben. Vor zehn Jahren kam die damalige bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml eigens in die Stadt, um das mittlerweile Sinocur genannte Projekt seiner Bestimmung zu übergeben.

Rund neun Millionen Euro wurden ausgegeben, bis es zu diesem Moment am 27. Februar 2016 kommen konnte. Nicht nur für das Präventions-Zentrum (das in seiner Planungsphase übrigens noch Prophylaxe-Zentrum hieß), sondern auch für den Steg über das Bahngleis und den Auenwall im Kurpark (der ursprünglich unter dem Arbeitstitel Chinesische Mauer geplant worden war).

„Dreh- und Angelpunkt für die Weiterentwicklung“

„Es ist etwas Besonderes, weil hier viele gemeinsam etwas gemacht haben und dieses Projekt der Dreh- und Angelpunkt für die Weiterentwicklung der Stadt ist“, sagte die Ministerin an diesem Tag.

Damit meinte sie nicht nur die Fördermittel von Freistaat und Europäischer Union, die in das Projekt geflossen waren, sondern auch den Landkreis Cham, die Stadt Bad Kötzting und natürlich die Unternehmer-Familie Staudinger. Letztere hatte rund drei Millionen Euro in den Bau des Gebäudes investiert – weitere gut acht Millionen wurden durch die Stadt für das Aufgangsgebäude am Sinocur sowie Wall und Steg fällig, wobei es dafür rund 70 Prozent öffentliche Fördermittel gab.

Während die städtischen Teile eher von Bewohnern und Besuchern der Stadt mit Leben gefüllt werden, sind es im Gebäude selbst viele verschiedene Menschen: Rund 1800 Teilnehmer jährlich zählt alleine die Stadt bei den wöchentlich stattfindenden Gesundheits-Vorträgen im Hörsaal im zweiten Stock und den Gesundheitsworkshops oder Kochkursen (die allerdings dann im Erdgeschoss in der Lehrküche).

Im Eingangsbereich befinden sich außerdem seit 2016 auch die Räume des Kur- und Gästeservices. Was die Stadt betrifft, sei das Sinocur nicht nur sehr gut ausgelastet, gaben die Verantwortlichen erst vor kurzem bei der Präsentation des Jahres-Programmes bekannt: Die Mitarbeiter stießen aktuell auch an die Grenze dessen, was noch leistbar sei. Wenn es nach dem Sinocur-Bauherren Anton Staudinger und seiner Tochter Christina Staudinger, der Geschäftsführerin der Klinik für Taditionelle Chinesische Medizin (TCM), geht, ist das aber noch lange nicht genug. „Ideen gibt es viele: Wir müssen die Gesundheitsregion plus, den Campus und das Sinocur noch viel mehr zusammenführen.“ Rückblickend auf die vergangenen zehn Jahre zeigt sich Anton Staudinger überzeugt: „Es ging in der Vergangenheit sehr viel um die Hardware, nun muss die Software wieder im Mittelpunkt stehen.“

Dass es das Gebäude überhaupt gibt und die Familie Staudinger für den Bau verantwortlich zeichnet, hat eine längere Vorgeschichte, wie Anton Staudinger sagt. Letztlich hätten sich im Jahr 2010 mehrere Stränge getroffen, die im und durch das Sinocur durch die Eröffnung vor zehn Jahren zusammenliefen.

Es ist etwas Besonderes, weil hier viele gemeinsam etwas gemacht haben und dieses Projekt der Dreh- und Angelpunkt für die Weiterentwicklung der Stadt ist.Melanie Huml 2016 Bayerische Gesundheitsministerin

Da sei zum einen die Erkenntnis im eigenen Haus, dass die Behandlung von chronisch Kranken zwar in der westlichen Medizin heute auch noch die Regel sei, die TCM mit einem gesunden Lebensstil – den viele Patienten während ihres Aufenthaltes in der Klinik beigebracht bekommen – viel effektiver sei. „Da haben wir sehr nachhaltige Ergebnisse gesehen“, erinnert sich Anton Staudinger.

Lebensstil-Zentren, die habe es damals in Japan bereits gegeben, aber in Europa? Oder eben gar in Bad Kötzting? Da habe es sich gut getroffen, dass die Stadt gleichzeitig, dem Ratschlag von Stadtentwicklern folgend, auf der Suche nach einer barrierefreien Anbindung der Stadt an den Kurpark war. Das Areal rund um den ehemaligen Bahnhof habe sich dafür angeboten; Die Familie Staudinger habe nicht nur über das passende Grundstück, sondern eben auch über die Idee verfügt, wie das alles und noch mehr in einem damals noch Prophylaxe-Zentrum genannten Gebäude zusammengeführt werden könnte.

Lebensstil-Medizin, Kur- und Gästeservice, eine Heimat für den Kneipp-Verein als zweite Säule des Gesundheits-Standortes Bad Kötzting, mit einem Hörsaal auch ein Ort, in dem Vorträge und Schulungen gehalten werden können, für die TCM-Klinik mehr Platz im Hauptgebäude, in dem die Ambulanz auch hierhin verlagert wurde – und auch der Gesundheitscampus der Technischen Hochschule Deggendorf kann hier nun Seminare abhalten. Viel Energie sei in den vergangenen zehn Jahren in das Erstellen niederschwelliger Angebote geflossen, um Einheimische und Gäste zum gesunden Lebensstil hinzuführen.

„Es muss sich noch viel mehr rühren als bisher“

Alles gute Ziele, aber: Der Gesundheitscampus müsse noch erweitert werden, sagen Anton und Christina Staudinger. Das Thema Prävention müsse wieder viel mehr in den Mittelpunkt des Interesses rücken, im Landkreis Cham und darüber hinaus. Das Sinocur müsse noch mehr Platz etwa für Foren zur Gesundheit werden, für Symposien, „wir müssen das noch mehr ausrollen“, sagt Anton Staudinger: „Es muss sich noch viel mehr rühren als bisher. Nur anzubieten reicht nicht aus.“

Ideen gibt es viele: Wir müssen die Gesundheitsregion plus, den Campus und das Sinocur noch viel mehr zusammenführen.Anton Staudinger Sinocur-Bauherr

Vielleicht sei er da auch ein wenig ungeduldig, gibt Staudinger zu. Doch Prävention sei ein relevantes Thema in einer immer älter werdenden Gesellschaft. Darum lautet seine Ansage nach zehn Jahren Präventions-Zentrum und allen bisher erzielten Erfolgen: „Wir müssen vom Reden ins Handeln kommen, jetzt muss das Thema auch mal raus auf die Straße.“

Sinocur: Gebäude mit vielen Nutzungen

■ Fläche: Drei Stockwerke zu je 600 Quadratmetern bilden das Sinocur, das die Unternehmer-Familie Staudinger errichtet hat. An dessen Kopfende steht das Aufgangsgebäude der Stadt, das einen barrierefreien Zugang sichert.

■ Erdgeschoss: Hier sind nicht nur Toiletten, sondern auch vier Lehrküchen, ein Kneipp-Schulungsraum, ein Wartebereich und die Kurverwaltung untergebracht.

■ Erster Stock: Bereich für die traditionelle Chinesische Medizin.

■ Zweiter Stock: Seminarraum für 111 Zuhörer, Unterrichtsräume, ein Turnraum sowie ein großes Foyer

■ Kennzahlen: 2000 Tonnen Beton wurden für den Bau des Walles im Kurpark benötigt, der ursprünglich unter dem Projektnamen „Chinesische Mauer“ geplant worden war. Der Großteil ist allerdings aus 12 000 Tonnen Erdreich errichtet worden.

■ Optik:D ie Betonteile wurden mit Holzschindeln aus Rot-Zedernholz verkleidet. Das Erdreich rund um den Wall ist begrünt, die Bepflanzung erfolgt als Blumenwiese mit einer dünnen Humusschicht und möglichst langem „Blühaspekt“ und muss nur zweimal im Jahr gemäht werden.

■ Barrierefrei: Das Gefälle am Wall wurde rollstuhlgerecht geplant.

■ Übergang: Am Beginn des Walles steht der Anschluss über den Steg vom Sinocur aus über die Bahngleise.

■ Brunnenhof: Wenige Meter danach haben Spaziergänger die Option, entweder dem Weg weiter zu folgen oder in den Brunnenhof abzusteigen. Hier befinden sich unterschiedliche Bodenbeläge für Kneipp-Anwendungen und ein Brunnen aus Granit.

■ Theatron: Ein Stück weiter liegen die an die Außenwand integrierten Sitzflächen vor einer Bühne, die für Veranstaltungen genutzt werden kann.

■ Ende: Der Wall endet kurz hinter dem Kiosk im Kurpark.

■ Verbindung: Eigentlich das Herzstück der rund acht Millionen Euro (Stadt und Staudinger gesamt) teuren Investition ist der Steg, der in 6,20 Meter Höhe über die Bahngleise führt.

■ Verlauf: Er beginnt auf dem Parkplatz der Sparkasse in der Bahnhofstraße und führt – ebenfalls barrierefrei – über den Parkplatz durch das Sinocur und über die Bahngleise auf die Aussichts-Plattform auf dem Wall im Kurpark.

■ Vorgabe: Die Anbindung der Stadt an den Kurpark war eine der zentralen Forderungen im Stadt-Entwicklungskonzept, das bereits im Jahr 2010 vorgestellt worden war. wf