OB erklärt seine Strategie für Neumarkt: „Deshalb ist Priorisierung so entscheidend“

Oberbürgermeister Markus Ochsenkühn stellte zu Jahresanfang eine Strategie für Neumarkt bis 2035 vor. Sie wirft Fragen auf: Warum braucht es sie? Was ist wirklich neu an ihr? Und: Ist sie personell überhaupt zu schaffen? Im Interview gibt Ochsenkühn darauf Antworten.
Herr Oberbürgermeister, warum braucht Neumarkt eine Agenda 2035?
Markus Ochsenkühn: Der Auslöser waren die finanziellen Herausforderungen, gepaart mit der Fülle der zukünftigen Aufgaben. Unser Verwaltungshaushalt ist zu hoch. Und weil das Finanzkorsett enger wird, spüren wir deutlich, dass uns unter anderem bisherige abgeschlossene Projekte dauerhaft belasten. Deshalb brauchen wir ein Zielbild für 2035 und daraus folgend eine klare Priorisierung, die sowohl die finanziellen Möglichkeiten, die personellen Kapazitäten als auch die Folgekosten berücksichtigt. Nur so können wir angesichts der Vielzahl von Aufgaben und Projekten entscheiden, was wir wirklich schaffen – und was die höchste Priorität für die Entwicklung der Stadt hat. Ohne eine Strategie kann das nicht gelingen.
Wie ist die Strategie entstanden?
Ochsenkühn: Gestartet sind wir 2025 auf Abteilungsleiterebene. Wir haben uns bewusst Zeit genommen, Stärken und Schwächen Neumarkts zu analysieren. Wir haben mehrere Workshops gemacht, hunderte mögliche Maßnahmen gesammelt und dann bewertet. Am Ende stand eine klare Reihenfolge. So sind zunächst sieben prioritäre Handlungsfelder entstanden.

Wenn man priorisiert, lässt man zwangsläufig etwas weg. Welche Themen sind herausgefallen?
Ochsenkühn: Manche Punkte wurden gebündelt. Nachhaltigkeit ist beispielsweise kein Extra-Baustein, sondern steckt in Klimaschutz und Klimaanpassung. Wir hätten sonst 20 oder mehr Felder gehabt – das wäre nicht umsetzbar gewesen. Sieben in der Priorität eins sind machbar.
Was ist denn wirklich neu an der Agenda? Oftmals klingt sie wie eine Sammlung von bekannten Projekten.
Ochsenkühn: Neu ist die konsequente Priorisierung. Wir sagen klar: Das schaffen und brauchen wir für die Zukunftsfähigkeit der Stadt – und das nicht. Beispiel Innenstadt: Es war mal angedacht, die gesamte Altstadt zu sanieren. Das werden wir nicht tun. Wir konzentrieren uns auf bestimmte Bereiche und arbeiten das in klassischer Projektarbeit ab.
Diese sieben Handlungsfelder priorisiert die Agenda 2035 für Neumarkt
• Innenstadt: Die Innenstadt soll urbanes Wohnzimmer mit mehr Grün, Aufenthaltsqualität und Begegnung werden, heißt es in der Agenda 2035.
• Familienfreundlichkeit: Die Stadt will weiter in moderne Kitas, flexible Betreuungszeiten und sichere Schulwege investieren. Zudem soll verstärkt das Wissen und die Zeit von Senioren angezapft werden, die sich beteiligen wollen.
• Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort: Neben der klassischen Wirtschaftsförderung geht es darum, Gründer zu fördern und Start-ups mit Unternehmen zu vernetzen.
• Bezahlbarer Wohnraum: Die Stadt will selbst mehr bauen und Anreize für Bauträger und Privatleute schaffen.
• Infrastruktur: Die Stadt will einen Plan erarbeiten, mit dessen Hilfe die Infrastruktur gestärkt und modernisiert wird. Von Brücken über Schulen bis hin zur Energieversorgung.
• Klimaanpassung: Klimakonzepte sollen die Stadt und ihre Bürger vor Hitze, Unwettern und anderen Folgen des Klimawandels schützen.
• Digitalisierung: Bis 2035 soll die Verwaltung digitalisiert sein.
Wird sich diese Priorisierung bereits im nächsten Haushalt zeigen?
Ochsenkühn: Ja. Der Vermögenshaushalt bleibt in etwa gleich, aber der Spielraum ist begrenzt. Große Projekte wie die Schule in Woffenbach werden uns über Jahre beschäftigen. Gleichzeitig kommen ungeplante Kosten – etwa der Containerbau an der Grundschule Holzheim. Genau deshalb brauchen wir eine klare Linie.
Welche Handlungsfelder werden in nächster Zeit priorisiert angegangen?
Ochsenkühn: Wir können nicht mit allen sieben Handlungsfeldern gleichzeitig starten. Priorität haben die Digitalisierung der Verwaltung, die Innenstadtgestaltung und die Infrastruktur. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz müssen wir schnell voranbringen. Wir dürfen nicht hinter Wirtschaft und Gesellschaft zurückfallen. Zum Thema Infrastruktur: Straßen wie die Ringstraße oder die Bahnhofstraße sind in keinem guten Zustand. Und der Neubau der Schule in Woffenbach wird uns auf Jahre beschäftigen.
Warum ist die Strategie bis zum Jahr 2035 datiert?
Ochsenkühn: Weil zehn Jahre ein realistischer Horizont sind. Es geht nicht um meine Amtszeit, sondern um eine langfristige Entwicklung. Wir setzen dabei bewusst auf eigene Mitarbeiter, die das zusätzlich zu ihrem Tagesgeschäft stemmen. Ich weiß, dass wir die Kompetenz im Haus haben. Zumal es nicht darum geht, umzusetzen, was ich will. Ich erwarte mir schon, dass die Mitarbeiter mit eigenen Ideen kommen. Sonst könnte ich ja gleich sagen, es ist keine Vision, sondern 2035 wird es fix so und so sein.
Wird dafür neues Personal eingestellt?
Ochsenkühn: Nein. Es gibt keine Personalmehrung.
In der Vergangenheit war aber regelmäßig zu hören, dass die Verwaltung im Rathaus stark ausgelastet ist. Ist diese Zusatzaufgabe überhaupt zu stemmen?
Ochsenkühn: Deshalb ist Priorisierung so entscheidend.
An wen richtet sich die Agenda? Nur an die Verwaltung?
Ochsenkühn: An alle: Verwaltung, Stadtrat, Bürger. Wir wollen deswegen auch die Bürgerbeteiligung ausweiten – digital und vor Ort. Wir denken über neue Formate nach. Denn wir müssen uns fragen, warum oft nur immer die zehn gleichen Leute zu Beteiligungsformaten kommen. Unser Ziel ist mehr Teilhabe.
Wie stellen Sie sicher, dass die Strategie nicht nur ein viel versprechendes Stück Papier bleibt?
Ochsenkühn: Es gibt eine klare Struktur: Projektgruppen mit verantwortlichen Leitern und regelmäßige Reports. Die Gesamtverantwortung liegt bei mir. Wenn etwas in die falsche Richtung läuft, greife ich oder meine Abteilungsleiter ein. Die Projektleiter erhalten Schulungen, damit sie professionell arbeiten können.