Zwischen Reformdruck und Bürgerwillen: Warum diese Kandidaten dennoch Kelheimer Landrat werden wollen

Im TV-Gespräch von MZ und TVA beziehen sechs Kandidaten Stellung - zu den Bereichen Kreis-Kliniken, Bildung und Bürgerdialog.
Kreis-Kliniken: Welche kommunalen Krankenhäuser braucht der Landkreis und wie viele kann er sich leisten, das wollten beim Wahl-Talk von MZ und TVA, die Moderatoren von den Landratskandidaten wissen.

Um es vorweg zu nehmen: Alle Sechs, die dabei waren, versprechen beide Kliniken im Landkreis zu erhalten. Die Frage ist: in welcher Form? Denn mit Blick auf die Ilmtalklinik in Mainburg, wo auf dem Papier eine Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung, kurz SüV, mehrheitlich im Kreistag beschlossen ist, ist die Krux, dass die Bundespolitik hier noch gar keine Details festgelegt hat.
Für Dr. Heinz Kroiss (FDP) ist die Entscheidung in Mainburg für eine SüV „ein Fehler“ gewesen. Eben, weil man gar nicht wisse, was so eine konkret beinhalten würde. Man müsse die Versorgung vom Bedarf der Menschen vor Ort her denken. „Für eine älter werdende Gesellschaft brauchen wir auch in Zukunft zwei Krankenhäuser. Vor allem Senioren brauchen eine gute Basisversorgung mit menschlichen Antlitz“, so der 68-Jährige, der selbst Allgemeinarzt ist.
Martin Neumeyer (CSU) wirbt um Geduld bei den Menschen. „Veränderungen brauchen Zeit.“ Klar sei, dass die Kliniken für die Zukunft gerüstet werden müssten. Als amtierender Landrat müsse er zudem auch „Beschlüsse erfüllen“, so der 71-Jährige. Er verwies auf die einstimmigen Voten im Kreistag: für elf Leistungsgruppen in Kelheim und für eine SüV in Mainburg, ergänzt um den Antrag auf fünf Leistungsgruppen als „Rückfallebene“.
Für Beatrix Kappelmeier (SPD) ist an einer wohnortnahen Versorgung der Menschen nicht zu rütteln. Mit Blick auf Mainburg fordert die 57-Jährige, dass die Landespolitik den Bedarf über Kreis- und Bezirksgrenzen hinweg bayernweit planen müsse.
Dr. Andreas Fischer (SLU) kritisiert, dass sich der Landkreis an Partner von außen hänge, „die dann das Sagen haben und letztlich Entscheidungen treffen, auf die wir keinen Einfluss haben.“ Die Entscheidung „in Mainburg mit Ingolstadt“ hält der 59-Jährige für falsch. Er würde lieber die Option einer Zusammenarbeit der beiden Kliniken im Landkreis prüfen.
Christian Nerb (FW) hielte in Mainburg „auch als SüV“ neben einer Inneren Abteilung auch eine Intensivstation, eine Chirurgie und den Weiterbetrieb des Herzkatheterlabors für nötig. Mit diesen vier Bereichen sei dann auch wieder eine Notaufnahme aufrecht zu erhalten, glaubt der 65-Jährige.
Peter-Michael Schmalz (ÖDP) sieht, nach jahrzehntelanger Fehlpolitik in Berlin, auch bei den Kreis-Kliniken die „OP am offenen Herzen“. Für Kelheim gebe es einen einstimmigen Beschluss. Dass sich die Menschen im Raum Mainburg benachteiligt fühlten, liege auf der Hand, sagt der 63-Jährige. Bekanntermaßen unterstütze seine Partei den Kampf für den Erhalt der Mainburger Klinik. Zudem sieht er Verbesserungsbedarf bei der Facharztversorgung.
Wie kann man die Bevölkerung besser mitnehmen?
Der mögliche Umbau der Mainburger Klinik ist in der Bevölkerung umstritten. Auch in den nächsten sechs Jahren wird der neue Landrat oder die Landrätin hier weitere „schwierige Entscheidungen herbeiführen und umsetzen“ müssen, resümierte MZ-Redakteurin Martina Hutzler. Ihre nächste Frage an die Kandidaten: Wie kann man die Menschen bei Debatten und in der Entscheidungsfindung „besser mitnehmen?“
Beatrix Kappelmeier verweist auf ihre Reihe „Red’ mit mir“. Hier holten sie und ihre Mitstreiter Experten. Mit Blick auf die Klinik regt sie an, „noch einmal alle Möglichkeiten anzuschauen“.
Für Peter-Michael Schmalz wären gemeinsame Kreisausschuss-Sitzungen der Kelheimer und Pfaffenhofener Seite eine Möglichkeit, um aus dem Übereinander-Reden ein Miteinander-Reden zu machen. Das käme auch bei den Bürgern besser an, findet er. Im Rückblick sagt Schmalz: „Die Eskalation wäre vermeidbar gewesen.“
Andreas Fischer sieht in Kommunikation und Transparenz das A und O. Vor allem beim Thema Krankenhaus, „das jeden betrifft“. In der Vergangenheit sei da „zu wenig passiert“. Das Vertrauen gelte es „zurückzugewinnen“. Zudem müsse der Bedarf der Menschen für die Kreispolitik ganz oben stehen.
Martin Neumeyer sagt, man habe in der emotionalisierten Debatte sehr wohl kommuniziert. Er verweist auf Prospekte, digitale Infos, Gespräche, Zeitungsberichte. Fakt sei aber auch, dass Vieles Berlin vorgebe, nicht der Landkreis.
Christian Nerb war die Öffentlichkeitsarbeit „zu wenig“, der Dialog mit den Mainburgern „kam zu spät“. Man müsse den Dialog mit dem Bürger suchen. Er hätte in Mainburg auch Berufsvertretungen wie IHK und HWK einbezogen. Als Landrat würde er jedes Vierteljahr Bürgerversammlungen vor Ort anbieten. „Und wenn es ein Problem gibt, früher hingehen.“
Heinz Kroiss findet, dass sich die Bürger „ferngesteuert“ fühlten. Der Kreispolitik attestiert er als „Kardinalfehler“, sich versteckt zu haben und den „Stab der Entscheidung“ an Dritte weitergeben zu haben, in Mainburg wie in Kelheim. „Wir müssen Herr im eigenen Haus sein und den Leuten sagen: ,Wir stehen dafür! ‘ Statt uns hinter anderen zu verstecken.“

Wie geht es den weiterführenden Schulen, was ist hier zu erwarten?
Wie zufrieden sind die Kandidaten mit bestehenden Schulen und Bildungsangeboten, fehlt noch etwas?
Bei diesem Thema waren sich die Kandidaten beim Wahl-Talk von MZ und TVA einig, dass man viele große und millionenschwere Aufgaben sehr gut gemeistert habe in den vergangenen Jahren. Vom Neubau und der Sanierung des Beruflichen Schulzentrums in Kelheim (die noch bis 2027 läuft) bis zur Etablierung der Berufsfachschule für Kinderpflege und der Fachakademie für Sozialpädagogik. Das zuvor kirchliche Rohrer Gymnasium habe der Landkreis übernommen. Künftig stehen zahlreiche Großprojekte an – der Anbau an die Riedenburger Realschule und auch An- bzw. Ausbau und Generalsanierung der Abensberger Realschule.
Christian Nerb findet, dass man bei der Sanierung der Abensberger Realschule angesichts des künftigen Bedarfs „größer“ planen müsse, nämlich sieben- statt sechszügig. Festgelegt hat sich die Kreispolitik in der Frage noch nicht. Beim Neubau des Thaldorfer Förderzentrums würde Nerb noch einmal prüfen, ob mit Blick auf die Kosten statt in Kelheim nicht doch in Thaldorf günstiger gebaut werden könnte.
Martin Neumeyer sieht, dass der Kreis in der ablaufenden Amtsperiode „außergewöhnliche Dinge“ geschafft habe. Auch die Berufsschule in Mainburg sei „stark und modern aufgestellt“. Bei der Mainburger Realschule werde man sich „massiv einbringen“ (Anm.d.Red.: Aktuell ist diese zweizügig genehmigt).
Andreas Fischer schließt sich bezüglich der Abensberger Realschule Nerb an: Das Einzige, was er zu bemängeln habe – „man darf nicht zu klein planen“.
Beim „heißen Punkt“ Lehrschwimmhalle in Mainburg wünscht sich Peter-Michael Schmalz, dass man eine „solide, energetische Planung“ hinbekommt. Sonst müsse man „nichts kritisieren, wenn es nichts zu kritisieren gibt“.
Heinz Kroiss sieht, dass auch an den Grundschulen der Region noch viel zu tun ist; Deshalb müsse der Kreis darauf achten, dass er mit der Kreisumlage nicht den Gemeinden als Sachaufwandsträger finanziell das Wasser abgrabe.

Beatrix Kappelmeier fordert mehr Praxen für Ergo- und Logopädie für die Entwicklung kleiner Kinder. Zudem sei schlechte ÖPNV ein Haken in Sachen (Berufs-)Bildung. „Es kann nicht sein, dass sich Jugendliche ihren Beruf nur danach aussuchen können, ob sie auch zum Lehrbetrieb hinkommen.“ Da müsse der Kreis dringend etwas für die jungen Leute machen.