Für sie ist es fünf vor zwölf: Hebammen schlagen in Lappersdorf Alarm

Auf Einladung der Frauen-Union-Lappersdorf und der Initiative Damenwahl 2026 sprachen Hebammen im Aurelium in Lappersdorf (Kreis Regensburg) über ihre aktuelle Not mit Vertreterinnen aus Politik, Praxis und Ausbildung.
„Ich konnte im Januar nicht einmal mehr meine laufenden Kosten decken“, fasst eine junge freiberufliche Hebamme unter Tränen zusammen. Sie wolle sich um Frauen und Kinder kümmern, Leben begleiten, doch stattdessen verbringe sie einen Großteil ihrer Zeit mit Bürokratie, Abrechnung und Existenzsorgen. „Ich schaffe das nicht mehr allein, ich brauche politische Unterstützung.“
Um 25 Prozent sind die Einnahmen von freiberuflichen Hebammen bei stark gestiegener Bürokratie gesunken, seit zum 1. November ein neues Abrechnungssystem im Fünf-Minuten-Takt in Kraft trat, das ihre Vergütung neu regelt. Viele von ihnen arbeiten als flexible Kräfte im Belegdienst der Geburtskliniken. Auf Einladung der Frauen-Union-Lappersdorf und der Initiative Damenwahl 2026 sprachen sie im Aurelium in Lappersdorf über ihre aktuelle Not mit Vertreterinnen aus Politik, Praxis und Ausbildung.
„Unverzichtbare Arbeit für Familien und Frauen“
Plakate machten deutlich, wie groß der Handlungsbedarf ist. Zu lesen waren Botschaften wie „Hebammen sind nicht nice to have, sondern essenziell“ oder „Wir wollen verdienen, was wir verdienen“. „Hebammen leisten täglich unverzichtbare Arbeit für Familien, Frauen und die Gesellschaft“, führte Moderatorin Yvonne Ühlin ins Thema ein, und ihre Kollegin Stefanie Goß berichtete von ihren persönlichen Erfahrungen: „Ich erinnere mich an keine Ärztin und keinen Arzt bei meinen drei Geburten, aber an meine Hebamme, sie war Vertraute, Verbündete und Beschützerin.“ Eine Kämpferin für die Anliegen der Hebammen ist die ehemalige Landtagsabgeordnete Sylvia Stierstorfer. „Wie kann man eine so zentrale Daseinsvorsorge an die Wand fahren?“, fragte sie. Hebammen müssten die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wie sie arbeiten wollen.
Bernhard Seidenath, Mitglied des Bayerischen Landtags und Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit, Pflege und Prävention sowie gesundheitspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, erklärte, dass der Landtag hinter den Hebammen stehe. „Die Situation ist schwierig, fast dramatisch.“ Die Vorsitzende des Bayerischen Hebammenlandesverbandes, Mechthild Hofner, warnte davor, die freiberufliche Struktur zu schwächen: „Bayern kann es sich nicht leisten, alle Hebammen anzustellen, vor allem nicht im ländlichen Raum.“ Das Thema müsse Chefsache werden. „Sonst wird ein funktionierendes System geschrottet.“ Als kleiner Lobbyverband stehe man einem übermächtigen Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung gegenüber. Die Verwaltungsdirektorin des Krankenhauses Barmherzige Brüder, Kliniken St. Hedwig, Anke Hanneter, berichtete, dass viele der dort tätigen freiberufliche Hebammen über zehn bis 20 Jahre Berufserfahrung verfügten und nicht in ein Angestelltenverhältnis wechseln wollen würden, sondern dann lieber in die Nachsorge gehen oder ganz aus dem Beruf ausscheiden würden. Laut Berichten soll es bereits vermehrt zu Kündigungen in dem Berufsfeld gekommen sein. Kerstin Hartmann vom Studiengang Hebammenkunde an der Ostbayerischen Technischen Hochschule berichtete, dass die Studierenden zunehmend verunsichert seien, welche Zukunft sie erwarte.
Geht es zurück an den Verhandlungstisch?
Eindringlich schilderte Tanja Lehner, Beleghebamme und Sprecherin von 1300 Hebammen, die Situation. In Kliniken gelte häufig ein Betreuungsschlüssel von eins zu vier oder sogar fünf Gebärenden. „Wo bleibt da die Sicherheit für Mutter und Kind?“
Falle eine Kollegin krankheitsbedingt aus, verschärfe sich die Lage. Ihre Prognose ist düster: „Noch drei Monate, dann geht es so nicht mehr weiter, denn die Schlinge ist schon sehr eng.“ Politik, Kostenträger und Gesellschaft müssten jetzt handeln und zurück an den Verhandlungstisch.
Neue Vergütungsregeln und viel Bürokratie
■ Vertrag: Zum 1. November trat ein neuer Hebammenhilfevertrag in Kraft, der bundesweit einheitlich die Vergütungsregelungen zwischen den gesetzlichen Krankenkassen und den Hebammenverträgen neu regelt. Ursprünglich wurden viele Leistungen der freiberuflich tätigen Hebammen über Pauschalen abgerechnet. Mit dem neuen Vertrag gilt ein zeitbasierter Abrechnungsmodus. Leistungen werden nach tatsächlicher Zeit in Fünf-Minuten-Einheiten bestimmt.
■ Betreuung: Hausbesuche und kurze Gespräche lohnen sich weniger, weil die Einnahmen dafür nicht ausreichen. Im neuen System können viele freiberufliche Hebammen bei mehreren gleichzeitig betreuten Frauen nicht mehr für jede Betreuung denselben Betrag abrechnen wie zuvor. Zudem gibt es mehr Dokumentations- und Abrechnungsaufwand.