Sprache lernen ohne Blatt vorm Mund: Burglengenfelder Lehrerin will echte Integration

„Die Integration von Zugewanderten soll Chancengleichheit und die tatsächliche Teilhabe in allen Bereichen ermöglichen“, heißt es in einem Leitfaden des Bundesinnenministeriums. Dafür sind Sprachkurse ein wichtiges Instrument. Doch decken sie auch alle Bereiche ab, die im Alltag relevant sind? Nein, sagt Anja Enzersberger, Lehrerin für Deutsch, Englisch und Ethik am Johann-Michael-Fischer Gymnasium Burglengenfeld.
Schon als Studentin begann sie, sich nebenbei in der Erwachsenenbildung zu engagieren. Dabei fielen schnell Lücken auf. So bemerkte sie, dass der menschliche Körper in den Deutschbüchern stets mit Bikini oder Badehose abgebildet ist und entscheidende Vokabeln fehlen. „Die Lernenden müssen doch wenigstens wissen, wie sie ihre Genitalien benennen können“, findet Enzersberger.
Am Anfang stand eine WhatsApp-Gruppe
Mit der eigenen Biologie sind auch Themen wie der Toilettengang, der weibliche Zyklus, Sexualität und physische sowie psychische Einschränkungen verbunden – Bereiche, die im Alltag von großer Relevanz sind, im Sprachunterricht als Tabuthemen jedoch ausgespart werden. Kurzerhand rief sie eine WhatsApp-Gruppe ins Leben, in der sie sich mit Studienkollegen austauschte und Arbeitsblätter erstellte.
Das war 2018. Seitdem ist aus Anja Enzersbergers ehrenamtlicher Initiative eine siebenköpfige Arbeitsgruppe geworden, die ein gemeinsames Ziel verfolgt: „Die Sprache des Alltags mit all ihren Facetten und Details muss Teil eines jeden Sprachunterrichts sein, der zur kommunikativen Bewältigung des Alltags befähigen will. Alles, was Teil des Lebens ist, muss auch Teil des Sprachunterrichts sein.“
Mit im Boot sind Han-Min Kufner, Lehrer für Englisch und Informatik am Carl-Friedrich-Gauß Gymnasium Schwandorf, sowie seine Schwester Han-Nah Kufner, die hauptberuflich Forstbeamtin ist, und das Projekt mit dem Namen „STiDU – Sensible Themen im DaF- und DaZ-Unterricht“ als Illustratorin bereichert. Auch Julia Höfer und Lisa Wrosch sind Gymnasiallehrerinnen. Mit Christopher Maschek und Livia Seeber gehören außerdem Fachleute für Sprecherziehung und Logopädie zur Arbeitsgruppe.
Sie alle teilen Erfahrungen im Unterrichten des Deutschen als Fremd- oder Zweitsprache. Bis vor kurzem gab Maschek beispielsweise Integrationskurse an der VHS Neumarkt, in denen er vor allem Menschen aus der Ukraine, aus dem afrikanischen und dem arabischen Raum betreute. Anja Enzersberger hingegen arbeitet freiberuflich bei IKS Sprachtrainings vornehmlich mit Ingenieuren der Regensburger Automobilindustrie und deren Familien, die aus China, der Türkei, Indien oder den USA stammen.
Sie alle sollen zu einer würdevollen Kommunikation befähigt werden. Dazu gehören nicht nur Smalltalk oder Arbeitsgespräche, sondern auch der Austausch über sensible Themen. Tiefe Gespräche fänden oft über eben jene Tabuthemen statt, erklärt die Gymnasiallehrerin. Wer über diese nicht sprechen könne, erlebe Gesprächsabbruch und einen Ausschluss aus kulturell geprägten Situationen. Dies verhindere zwischenmenschliche Verbindungen und damit nachhaltige Integration.
Ein Arbeitsheft zum Selbstlernen entwickelt
Um den Wortschatz zu vermitteln, der in solchen Alltagssituationen verwendet wird, hat die Arbeitsgruppe STiDu ein Arbeitsheft zum Selbstlernen für Erwachsene ab dem Sprachniveau A2 sowie eine Handreichung für Lehrkräfte erarbeitet, die 2025 im Schinken Verlag erschienen ist. Darüber hinaus ist dieses Jahr eine Kooperation mit dem Klett-Verlag gelungen, einem der größten Anbieter für Lehr- und Lernmittel in Deutschland. Das Team um Anja Enzersberger veröffentlicht bei Klett Unterrichtseinheiten für Kinder und Jugendliche.
„Alles, was in den gängige Lehrwerken ausgespart wird, das machen wir“, erklärt sie. „Während konventionelle Lerneinheiten zum Einkauf in der Drogerie Begriffe wie Seife, Shampoo und Duschgel enthalten, gibt es bei uns Vokabeln wie Menstruationstasse, Schwangerschaftstest oder Kondome.“
Neben Gesundheitsthemen und Sexualität sind auch Themen wie Tod und Sterben, Religion oder der Umgang mit Geld sensibel. Sie alle verlangen Empathie, aber auch das Wissen um die richtigen Worte und verschiedene Sprachebenen, je nach dem Kontext. Während man dem Arzt von „Problemen beim Wasserlassen“ berichtet, wird man einer guten Freundin gegenüber eher sagen, dass man „mal muss“ – feine Unterschiede, die jedoch unerlässlich sind, wenn man sich sicher in einer Kultur bewegen möchte.
Um Sicherheit geht es auch dann, wenn es zu beurteilen gilt, ob man beleidigt oder gar belästigt wird. Anja Enzersberger berichtet beispielsweise von einer Sprachschülerin, die im Bus von Männern auf Deutsch angesprochen wurde, die Situation aber mangels Wortschatz nicht richtig einordnen konnte.
Gerade für solche Fälle sei es wichtig, in Sprachkursen auch vulgäres Vokabular zu vermitteln – nicht zur aktiven Verwendung, sondern um Übergriffe zu erkennen. „Nur dann kann man sich wehren oder distanzieren und Delikte anzeigen“, betont die Autorin.
Schulungen, Vorträge und Workshops im Angebot
Neben den Arbeitsmaterialien, die die Arbeitsgruppe veröffentlicht, bietet Enzersberger auch Multiplikatorenschulungen, Vorträge und Workshops an. Einen finanziellen Nutzen ziehen sie und ihre Mitstreiter kaum aus ihrem Engagement. Antrieb ist der Wunsch nach einer nachhaltigen Integration mit Hilfe tief gehender Gespräche. „Dass wir einfach mal mit mehr Feingefühl miteinander umgehen“, dafür wollen sich Enzersberger und ihr Team auch in Zukunft einsetzen.