Der Mann, der Franz Josef Strauß zur Weißglut trieb, mahnt heute vor der AfD

Der Schwandorfer Altlandrat Hans Schuierer wird 95: Was den SPD-Mann antreibt, warum das Wort des einstigen Kämpfers gegen die WAA Wackersdorf noch immer Gewicht hat und weshalb ihm die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen Sorge bereiten.
Ein Jahr ist es her, da mischte sich Hans Schuierer auf Krücken gestützt wieder einmal unter Demonstranten. Die AfD hatte nach Schwandorf geladen und rund 400 Menschen zeigten Flagge gegen wachsenden Rechtsextremismus. „Ich habe als Zeitzeuge das Dritte Reich miterlebt. Die AfD verfolgt die gleichen Ziele“, begründete er seine Teilnahme trotz körperlicher Beschwerden. Schuierer will politisch Haltung zeigen, solange er noch die Kraft dafür hat. Vor über 40 Jahren hat ihn das zum Erzfeind von Franz Josef Strauß gemacht. An diesem Freitag, 6. Februar, wird Bayerns einziger Altlandrat, nach dem ein Gesetz betitelt ist, 95 Jahre alt.

In seinem Haus hängen viele Erinnerungen an den Wänden. Von 1970 bis 1996 war der gebürtige Burglengenfelder Landrat – zunächst in Burglengenfeld, nach der Gebietsreform in Schwandorf. „Hätte es die Altersgrenze nicht gegeben, hätte ich nochmal kandidiert“, sagt er über das ihn so erfüllende Amt. Bereits mit 15 Jahren war Schuierer, jüngstes von sieben Kindern, politisch aktiv, engagierte sich in der SPD. Mit 25 war er jüngstes Mitglied im Kreistag. Am Ende brachte er es auf 52 aktive Jahre. Und kein Jahr will er missen. Auch nicht die Zeit, in der er bundesweite Bekanntheit erlangte.
„Gäbe es die WAA, bekämen wir hier das Endlager“
Schuierer zeigt auf ein Foto am Franziskusmaterl im Taxöldener Forst. Dem Ort, an dem in den 1980er Jahren die Demonstranten gegen die geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf beteten, bevor sie am 4,7 Kilometer langen Bauzaun der mit Knüppeln und Tränengas bewaffneten Polizei gegenübertraten. Vor Weihnachten war er wieder einmal dort, sagt Schuierer. Und mit ihm viele damalige Mitstreiter. „300 bis 400 waren wir, obwohl es an dem Tag so greislich war.“ Der Kampf, der Zusammenhalt. Das haben die Menschen nicht vergessen. Und der Altlandrat betont: „Dass wir hier ohne eine WAA leben, das ist das große Verdienst der Bevölkerung. Und dafür möchte ich einfach nur Danke sagen.“ Schuierer ist überzeugt, dass eine Ansiedelung der Atomfabrik weitere einschneidende Folgen für die Region gehabt hätte: „Stünde hier die WAA, dann gäbe es die Debatte um ein Endlager gar nicht. Dann würde man es hier bei uns errichten.“

Es ist ein 200 Meter hoher Kamin, der den anfänglichen Befürworter zum erbitterten Gegner machte. Schwandorf hatte Anfang der 80er Jahre mit die höchste Arbeitslosenquote. Der Braunkohleabbau endete. Die Maxhütte baute Stellen ab. „Da war ich freilich zunächst froh, dass sich hier ein großer Arbeitgeber mit 3600 Arbeitsplätzen ansiedeln wollte.“ Doch Schuierer merkte schnell, dass das Bauprojekt anders war. Alle drei bis vier Wochen, so erinnert er sich im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern, seien Verantwortliche der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) angereist, um im Landratsamt für die Fabrik zu werben, in der abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in ihre Bestandteile Uran, Plutonium und Spaltprodukte zerlegt werden sollten. Dann entdeckte Schuierer auf dem Bebauungsplan besagten Kamin und erhielt auf Nachfrage die Antwort: „So können wir die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit über die Region verteilen.“ Vor allem das radioaktive Edelgas Krypton-85 wird über Abluft ausgestoßen, wie man von Greenpeace-Messungen in La Hague weiß. Dort werden regelmäßig Grenzwerte überschritten.
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Als von Radioaktivität die Rede war, sei ihm klar gewesen, dass er den Bau mit allen Mitteln verhindern müsse. Wie fordernd dieser Kampf werden würde, ahnte Schuierer bald. Denn Strauß wollte die Anlage, die er als unbedenklich wie eine Fahrradspeichenfabrik einordnete, unbedingt in der Oberpfalz. Die Lex Schuierer sollte den Landrat für die Entscheidung über die WAA-Baugenehmigung kaltstellen. Der ließ sich davon nicht beeindrucken. Im Magazin „RadioAktiv“ der Anti-AKW-Bewegung wurde Schuierer 1986 so zitiert: „Für die CSU ist das Demokratie, was Strauß sagt. Ich bin hier vom Unrecht überzeugt, und wenn ich Unrecht merke, bin ich zum Widerstand verpflichtet, zum legalen Widerstand.“

Ein Satz, den der SPD-Mann bei unzähligen Schulbesuchen wiederholt hat, wenn er Heranwachsende über die Zeit des Nationalsozialismus aufklärte. Denn Schuierer zog auf dem Höhepunkt der Proteste Parallelen zwischen 1933 und dem Vorgehen Strauß‘ gegen die WAA-Gegner. Und begründete es so: „Ich ziehe einen Vergleich zu 1933, als auch die Gegner dieses System völlig ohnmächtig waren und nichts machen konnten gegen diese Übermacht.“ Noch heute spricht Schuierer von „Demokratur“ und „Demokratie Strauß‘scher Prägung.“ Und jetzt, wo die AfD immer stärker werde, dürfe das nicht in Vergessenheit geraten, sagt er und sein Blick verrät, dass ihn das Thema umtreibt. „Ich bin wirklich besorgt, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt!“
Schuierer gilt heute als „demokratischer Influencer“
SZ-Kolumnist Heribert Prantl, gebürtiger Nittenauer, hat Schuierer kürzlich als „demokratischen Influencer“ betitelt. Ein Mensch, dessen Wort noch immer Gewicht hat. „Das muss ich erst im Lexikon nachschlagen, was er mit Influencer meint“, sagt der Grand Seigneur der Kommunalpolitik und schmunzelt. Social Media braucht Schuierer nicht, um gehört zu werden. Damals, in den 1980ern machten sie Telefonkette, sagt er. Das hat genauso funktioniert.

2018 kam der Film „Wackersdorf“ in die Kinos, der dem unbeugsamen roten Landrat ein Denkmal setzte. Was er im Rückblick als größten Erfolg sieht? „Dass es Strauß nicht gelungen ist, mich politisch aus dem Weg zu räumen.“
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Seinen Geburtstag will Schuierer, der noch täglich mit dem Auto unterwegs ist, viel liest und seine Lebensgefährtin nachmittags ins Cafe ausführt, nicht groß feiern. Sein Wunsch: Fit im Kopf bleiben und eine mahnende Stimme sein – „so lange ich noch kann“.