Hoffnung auf den Schulwechsel schwindet: Die Warteliste für St. Gunther in Cham ist lang

Von Stefanie Bauer · 31. Januar 2026 um 11:00

Drei Mütter aus Rötz, Schatzendorf und Roding haben eines gemeinsam: Sie sind absolute Inklusionsbefürworterinnen. Doch gerade ihre Bereitschaft, ihre Töchter auf Regelschulen zu schicken, bringt nun große Probleme mit sich, sagen sie.

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Eine der Töchter (15) aus Rötz besucht, ebenso wie ein Mädchen (13) aus Roding, die Montessori-Schule Schönthal, in der achten bzw. sechsten Klasse. Beide Mädchen wurden mit dem Down-Syndrom geboren. Eine Tochter (11) aus Schatzendorf, bei der im Kindergartenalter Neurodivergenz diagnostiziert wurde, geht auf die Schwarzachtal-Mittelschule in Waldmünchen. Die drei Mütter sehen ihre Kinder in den Schulen vom sozialen Gesichtspunkt aus sehr gut aufgehoben, betonen sie. Doch mittlerweile sei ein Punkt erreicht, an dem die Schere zu den anderen Kindern zu weit auseinander gehe.

Laut ihrer Schulbegleitung traue sich die 15-Jährige mittlerweile manchmal nicht mehr, ins Klassenzimmer hinein zu gehen oder etwas zu sagen, berichtet ihre Mutter. Wobei sie überwiegend in Einzelförderung sei und dadurch ohnehin weniger Kontakte zu ihren Klassenkameraden habe. So kenne sie ihre Tochter eigentlich gar nicht. Ähnlich ist es bei der Elfjährigen: Obwohl man ihrer Tochter von außen keine Beeinträchtigung ansehe: „Ihre Leistungsfähigkeit schwankt sehr“, so die Mutter. Dabei habe sie an ihrer Schule tolle Lehrer, das gelte auch für den Umgang der anderen Kinder mit ihr – auch wenn diese manchmal fragen würden, warum ihre Klassenkameradin keine Noten bekomme.

„Wäre schon immer eine Option gewesen“

Langfristig möchten die Mütter für ihre Töchter ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben. Sie sind überzeugt, dass diese an einer Förderschule größere Chance haben, darauf vorbereitet zu werden, und dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem die drei Mädchen in St. Gunther in Cham besser untergebracht wären.

Für sie sei es schon immer eine Option gewesen, dass ihre Tochter vielleicht nach der achten Klasse dorthin wechseln könnte, sagt die Mutter der 15-Jährigen. Diese ist allerdings nur auf der Warteliste, und das schon seit fast zwei Jahren – und wohl mit wenig Hoffnung darauf, tatsächlich einen Platz zu bekommen. Gemeinsam hatten zwei der Mütter schon vor den Herbstferien einen Termin bei Doris Heckel, Schulleiterin in St. Gunther. Beim diesem Gespräch sei Verfahrenslotsin Melanie Krämer vom Jugendamt mit ihrem Fachwissen eine große Unterstützung gewesen.

Doch die Aussichten auf eine Aufnahme der Mädchen sind weiterhin schlecht: Laut der Schulleiterin könne aufgrund des hohen Bedarfs an Plätzen in St. Gunther nur die Warteliste angeboten werden – auf welchem Platz die Mädchen sich dort befänden, könne man nicht sagen. Dieser richte sich nach der Dringlichkeit – erst würden diejenigen Kinder aufgenommen, die keinen Platz an einer anderen Schule hätten.

„‘Eure Kinder sind doch untergebracht‘, das hören wir jedes Mal, wenn wir unser Anliegen vortragen“, sagen die Mütter. Deshalb hätten sie keinen Anspruch auf einen Förderschulplatz. Auch ein Gespräch mit dem Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) Cham kurz vor Weihnachten habe kein anderes Ergebnis erbracht, bedauern sie. Salz in die Wunde streuen Äußerungen von ganz verschiedenen Seiten wie diese ihr gegenüber, sagt die Mutter aus Schatzendorf: „Nehmen Sie doch das große Geschwisterkind aus der Realschule raus“ – obwohl dazu keine schulische Notwendigkeit besteht, wie sie betont – „und melden sie es mit seiner Schwester an der Mittelschule an. Dann könnte es ja auf sie aufpassen.“

Solche Aussagen würden zeigen, wie unempathisch, mitunter übergriffig, wenig vorbereitet und überfordernd die Lage für die Tochter sei. „Wir haben uns für den inkludierten Weg entschieden, weil wir unserem Kind diesen ermöglichen wollen.“ Die Probleme sieht die Mutter ausdrücklich im System, nicht bei der Regelschule. Dabei könne Inklusion so viel „Lebendiges“, so viele Möglichkeiten mit sich bringen, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Auch ihre Tochter würde es sich so sehr wünschen. Doch das Regelschulsystem ziele auf homogenes Lernen ab und nicht auf Lernen im eigenen Tempo im Rahmen der Begabungen und Interessen der Kinder.

In der Schule sei es mit den räumlichen Bedingungen schwierig: In der Grundschule in Rötz habe die Tochter etwa mit ihrer Schulbegleitung aus dem Klassenzimmer gehen können, wenn ihr alles zu viel geworden sei. Obwohl ihre neue Schule alles Menschenmögliche mache, sei allein die Suche nach einem geeigneten Raum oft schwierig. Die Schule sei von den Räumlichkeiten her tatsächlich sehr gut ausgelastet, bestätigt Michael Aumann, Rektor der Schwarzachtal-Mittelschule. Bislang sei es dennoch immer gelungen, für die Schülerin und ihre Schulbegleitung einen Raum zu finden.

Auch die Schulbegleitung der 13-Jährigen aus Roding habe bestätigt, „dass es für sie nicht mehr passt“, sagt ihre Mutter. Momentan sei sie die Hauptbezugsperson für ihre Tochter. Sie glaubt, dass diese in St. Gunther neue Freundschaften knüpfen könnte. Außerdem könne dort durch kleinere Klassen mehr auf die Kinder eingegangen werden.

Früh habe sich gezeigt, dass ihre Tochter sich mit Buchstaben leicht tue, deshalb wollte die Mutter erst den Weg „Regelschule“ für sie. Schließlich sei ihr von Geburt an geraten worden, ihre Tochter zu fördern. Mit dem Wunsch, in St. Gunther aufgenommen zu werden, wolle man keine Spezialbehandlung, sondern Teilhabe möglich machen.

„Meiner Tochter täte es gut, denn so sieht sie immer, dass sie hinterherhinkt. Sie zieht sich extrem zurück und hat dann sogar körperliche Symptome.“

„Entscheidung war eigentlich eine gute gewesen“

Gerade in der Mittelstufe von St. Gunther seien die allerwenigsten Plätze vorhanden, haben die Mütter erfahren, und dass es bei der Einschulung wohl einfacher gewesen wäre, einen Platz zu bekommen. 2017 habe die Lage aber noch ganz anders ausgesehen, so die Mutter der 15-Jährigen. Damals sei die Entscheidung für die Regelschule in den ersten Mittelschul-Jahren eigentlich eine gute gewesen.

Finanzierung noch nicht sicher

Träger der Förderschule St. Gunther ist die Katholische Jugendfürsorge der Diözese Regensburg. Zur Raumproblematik erklärt deren Direktor Michael Eibl auf Anfrage, dass sich die KJF seit über einem Jahr für den Anbau mit Container einsetzt und dabei auch von Landrat Franz Löffler unterstützt werde. Bis heute gebe es noch keine sichere Finanzierung, aber im Kultusministerium arbeite man mit Hochdruck daran.

Das bestätigt ein Sprecher des Landratsamts Cham auf Anfrage: „Das Amt für Jugend und Familie steht über verschiedene Stellen (von der Leitung über den Allgemeinen Sozialer Dienst, die Verfahrenslotsen oder die Jugendhilfeplanung) im konstruktiven Austausch mit der Bildungsstätte St. Gunther, aber auch mit den betroffenen Familien, deren Kinder trotz eindeutigem Bedarf derzeit (noch) nicht in St. Gunther beschult werden können. Dabei kann der Landkreis diesen Missstand jedoch nur feststellen und gegenüber den zuständigen Stellen, hier der Regierung der Oberpfalz, kommunizieren, da wir als Landkreis keine Einflussmöglichkeit auf Anzahl und Ausgestaltung der Schulplätze in diesem Bereich haben. Auch Landrat Franz Löffler unterstützt die Bildungsstätte St. Gunther nach Kräften und hat auch schon beim Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst und Ministerin Anna Stolz interveniert.“

Helga Böhm, Geschäftsleitung der Montessori-Schule, gibt den drei Müttern in diesem Punkt Recht: Ab einer bestimmten Jahrgangsstufe, wenn die Klassenkameraden viel mit dem Prüfungsstoff beschäftigt sind, laufe für die Inklusionskinder viel Parallelunterricht, und dann seien diese nicht mehr so stark in den Klassenverband eingebunden. Damit diese nicht mit dem Stoff überfordert werden, wird dieser von vornherein ab der ersten Klasse für die Inklusionskinder angepasst. In den unteren Jahrgangsstufen funktioniere das Miteinander im Klassenverband auch bestens, später finde wegen der Prüfungsvorbereitungen viel separat statt.

Ob für die drei Mädchen eine realistische Chance besteht, in St. Gunther aufgenommen zu werden und wie lang die Warteliste tatsächlich ist, darauf kann Schulleiterin Doris Heckel derzeit noch keine verbindliche Antwort geben: „Aktuell bekommen wir fast täglich Anfragen sowohl von Schulanfängern als auch Schülern mit sonderpädagogischen Förderbedarf, die sich derzeit in Regelschulen befinden. Wir können zum aktuellen Stand keine sicheren Zusagen machen“, antwortet die Schulleiterin auf eine schriftliche Anfrage unserer Zeitung.

Das gilt auch für die Chance auf eine Aufnahme in die Berufsschulstufe. „Das variiert jedes Schuljahr – je nachdem, wie viele Jugendlichen entlassen werden. Es wechseln ja auch schulintern zum Teil mehr Schüler in die Berufsschulstufe, als entlassen werden.“ Somit gebe es auch für die Berufsschulstufe bereits Wartelisten. „Wir hoffen dennoch, dass wir davon eine kleine Anzahl im Schuljahr 2026/27 aufnehmen können“, so die Schulleiterin. Auf die Frage, ob nicht eine zusätzliche Außenklasse denkbar wäre – leer stehende Klassenzimmer gibt es ja an einigen Schulen – und auch letztlich günstiger als Schulbegleitungen für jedes einzelne Kind, gibt die Schulleiterin an, dass es bereits vor einem Jahr eine Abfrage an den Regelschulen wegen freien Klassenzimmern gegeben habe. „Leider erfüllten diese jedoch nicht die Voraussetzungen, die unsere Schülerschaft benötigt.“

Für die Platz-Situation in St. Gunther zeigen die drei Mütter Verständnis. Doch dass hier die finanziellen Mittel, sprich die Fördergelder, für das Wichtigste, nämlich die Kinder, limitiert seien, verstehen sie nicht.

Hürden im Alltag

Viel wird über Inklusion diskutiert, über Barrierefreiheit gesprochen. Doch was die Rahmenbedingungen im Schulalltag von Kindern mit besonderem Förderbedarf betrifft, läuft längst nicht alles rund. Die Mutter des elfjährigen Mädchens beschreibt zum Beispiel deren Schulweg, der große Herausforderungen für ihre neurodivergente Tochter mit sich bringt: Fast eine Stunde wäre sie von Schatzendorf nach Waldmünchen unterwegs, mit Umstieg in Rötz. Ein Handy kann sie ihrer Tochter nicht mit zur Schule geben – doch darauf befindet sich die Busfahrkarte.

Für die Mutter ist es ein Fall von Alltagsdiskriminierung, dass es keine „normale“ Busfahrkarte mehr gibt. Dabei würde ihrer Tochter eigentlich sogar eine Einzelbeförderung zustehen. So fährt die Mutter sie nun jeden Morgen nach Rötz. Nach dem Unterricht sei es zum Glück einfacher mit der Busfahrt, da sie sich dann an bekannten Kindern orientieren könne.

Ein Sprecher des Landratsamts gibt dazu auf Nachfrage an: „Die Beförderung der Förderschüler – insbesondere der schützenswerten Gruppe der Grundstufe – erfolgt in aller Regen in reinen Schulbussen, wo es kein Ticket bedarf. Im Ausnahmefall fahren diese vereinzelt auch im ÖPNV, bekommen dann aber als Fahrausweis (Deutschlandticket) die Chipkarte. Bei den weiterführenden Schülern gilt die bekannte Regelung, das neben dem Handy-Ticket gegen geringe Unkostenbeteiligung von 10 Euro auch eine Chipkarte im begründeten Fall ausgegeben werden kann. Auf Papier wird nur noch die VLC-Monatskarte ausgegeben, aber auch diese wird im Laufe 2026 digitalisiert.“

Die Mutter aus Roding fährt ihre Tochter seit nunmehr sieben Jahren morgens zur Schulbegleitung nach Cham und holt sie dort mittags wieder ab. In der Theorie könnte sie zwar mit dem Bus fahren, aber sie bekomme nicht einmal einen Sitzplatz und müsse stehen.

Motorisch brauche ihre mit dem Down-Syndrom geborene Tochter länger, sich zum Beispiel bei einem unvermittelten Bremsen festzuhalten. Hinzu kommt: Ist die Schulbegleitung krank, darf die 13-Jährige nicht allein in die Regelschule. Entweder ein Elternteil kommt mit, oder sie muss zuhause betreut werden. Das sei oft schon eine wahnsinnige Belastung, so ihre Mutter.