Nächster Start von Isar Aerospace heute: Das sind die Szenarien für die zweite Bayern-Rakete

An diesem Mittwoch gilt es wieder für Isar Aerospace, den Raketenbauer aus Ottobrunn (Landkreis München) mit Wurzeln in Reischach (Landkreis Altötting). Um 21 Uhr öffnet sich erneut ein Startfenster an der Abschussrampe in Nordnorwegen für die zweite Bayern-Rakete. Das hat Isar Aerospace vor – und das sind die möglichen Szenarien.
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Im schlechtesten Fall – und das wäre auch schon beim ersten Flug der Super-GAU gewesen – explodiert die Rakete schon beim Start und beschädigt dabei die Startrampe. Das würde Isar Aerospace um Monate, wenn nicht sogar um Jahre zurückwerfen, bis die Rampe wieder aufgebaut ist.
Denkbar ist auch, dass die Rakete wie beim ersten Start abhebt und einige Sekunden fliegt – im Frühjahr waren es 30 Sekunden – bevor sie ins Trudeln gerät und wieder ins Eismeer stürzt. Das wäre dann allerdings kein echter weiterer Erkenntnisgewinn, den sich die Ingenieure aber dringend wieder erhoffen.
Stattdessen setzt man bei Isar Aerospace darauf, dass die Rakete so lange fliegt, dass sie möglichst viele „Flugphasen“ einer Trägerrakete absolviert. Diese reichen vom erfolgreichen „Lift off“ – diesen hatten die Raketenbauer bereits im vergangenen Jahr gezeigt – über das „Max Q“ – hier lässt die Trägerrakete eine Raketenstufe fallen – bis hin zum „Stage 2 Burn“, der weiteren Schub verleiht.
Satelliten an Bord wurden von europäischen Universitäten gebaut
Gelingt auch diese Phase, wird die Rakete wohl eine Umlaufbahn erreichen, die weit genug von der Erde entfernt ist. Um die fünf Satelliten und ein Experimenten-Element zu entlassen, die die Spectrum-Rakete an Bord hat. Diese wurden unter anderem von der TU Berlin, der Universität Maribor und der Universität Trondheim gebaut.
Aus dem Archiv: Knall statt All – Und trotzdem war der bayerische Raketenstart ein Erfolg
Gelingt es, nur einen der Satelliten auf eine Umlaufbahn zu entlassen, wäre das ein großer Erfolg. Denn diese „Dienstleistung“ – also der Transport von Satelliten ins All – ist das eigentlich Geschäftsmodell von Isar Aerospace. Denn mit diesem Versprechen wurde Isar Aerospace 2018 von Studenten der TU München gegründet: Josef Fleischmann, Daniel Metzler und Markus Brandl glaubten an eine Möglichkeit, kostengünstiger als bis dahin möglich Trägerraketen ins All zu befördern.
Denn einerseits stieg bereits damals der Bedarf an neuen Satelliten rasant – ob für autonomes Fahren, für Internet in entlegenen Gebieten, für Militärtechnik oder für landwirtschaftliche Anwendungen. Andererseits hatten nur wenige staatliche Institutionen wie die NASA oder die ESA die Kapazitäten, die Satelliten in den Orbit zu bringen. Das machte jeden Start ausgesprochen teuer.
Einer der Ersten, der erkannte, wie viel günstiger eine privatwirtschaftliche Raumfahrt sein könnte, war Elon Musk. Der heute umstrittene Tesla- und X-Eigentümer gründete 2002 SpaceX, eine Firma, die schnell durchschlagenden Erfolg mit eigenen entwickelten Trägerraketen feierte, die perspektivisch sogar wiederverwendet werden können.

Fleischmann ging in Mainburg aufs Gymnasium
Hätte Fleischmann die amerikanische Staatsbürgerschaft, dann wäre er vielleicht auch bei SpaceX gelandet. Und das, obwohl er als Kind – anders als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder – kein großer Raumfahrt-Fan war. Im Kinderzimmer des Reihenhauses in Nandlstadt (Landkreis Freising), wo Fleischmann mit zwei Geschwistern aufgewachsen ist, hingen keine Poster von StarTrek, sondern von Fußballspielern.
Aus dem Archiv: Vor Isar Aerospace-Testflug: „Die Rakete darf explodieren“.
Während der Gymnasialzeit in Mainburg (Landkreis Kelheim) hatte Fleischmann zwar gute Noten, doch ein Nerd – für die Raumfahrt-Fans klischeehaft gehalten werden – war er nicht. Auf den Gedanken, er könnte einmal als Raumfahrtunternehmer durchstarten, wären seine Klassenkameraden und Lehrer deshalb auch nie gekommen.
Erst durch das Maschinenbau-Studium an der TU München tauchte er in die Raumfahrt ein. Fleischmann trat der Studiengruppe WARR bei, kurz für „Wissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft für Raketentechnik und Raumfahrt“. Ein Schlüsselmoment war, als er mit seinen Kommilitonen in den USA am Hyperloop-Wettbewerb teilnahm, den Musk zusammen mit SpaceX ausrichtete. Der „Hyperloop“ war die Idee von einem Vakuum-Rohrsystem, durch das eines Tages superschnelle Züge rauschen könnten.
Event von SpaceX gab einst den nötigen Schub
Fleischmann und seine TU-Kommilitonen maßen sich mit 1000 Studenten aus aller Welt. „Die Aufgabe war, dass wir damals das Geld selber zusammensammeln und den Prototypen auch selber bauen.“ Fleischmann und seine Kollegen können nicht nur mithalten, sondern räumen sogar einen der Preise ab. „Das hat uns den Ruf verschafft, dass wir sehr schwierige technische Fragestellungen oder Probleme extrem schnell und innovativ lösen können. Dieser Ruf von damals eilt uns bis heute voraus.“
Viele der anderen erfolgreichen Teilnehmer des Wettbewerbs bekommen danach Arbeitsverträge von SpaceX angeboten: „Im Nachhinein hatten wir den Eindruck, der ganze Wettbewerb war vor allem ein großes Recruiting-Event“, meint Fleischmann. Doch obwohl er und seine Kollegen gut abgeschnitten haben, fliegen sie wieder zurück: Weil die Raumfahrt von den US-Amerikanern als besonders sensibler Bereich eingestuft wird und SpaceX staatliche Aufträge erhält, dürfen nur US-Amerikaner dort arbeiten.
Isar Aerospace und die Anfänge in der Garage
Kurzerhand fassen Fleischmann und seine Kommilitonen zurück in Deutschland den Beschluss, selbst in die Raketenentwicklung einzusteigen. Und beginnen – ganz amerikanisch – quasi in der Garage: Fleischmann erinnert sich an den leerstehenden Kuhstall auf dem Hof von Tante und Onkel, wo die Milchwirtschaft schon lange aufgegeben worden war. „Der war ausreichend groß, gut von München aus zu erreichen und trotzdem abgelegen genug, um in Ruhe zu testen.“
Während dieser Gründungsphase nützt dem Trio ein wertvoller Kontakt, den es während des Hyperloop-Wettbewerbs geknüpft hat: Der ehemalige SpaceX-Ingenieur Bulent Altan nimmt das Start-up als „Business Angel“ unter seine Fittiche. Altan bringt Isar Aerospace mit internationalen Kapitalgebern zusammen, die in den folgenden Jahren dreistellige Millionenbeträge bereitstellen. „Altan ist bis heute sehr wichtig für uns und unser Board Chairman, also der Aufsichtsratschef“, erklärt Fleischmann, der selbst heute CTO, also technischer Direktor bei Isar Aerospace ist. Vorstandschef (CEO) wiederum ist Mitgründer Daniel Metzler.
Teststand auf dem Hof in Reischach
Die Geldgeber setzen große Hoffnungen in das neue Start-up – darunter etwa die Porsche SE, die Holding hinter dem Volkswagen-Konzern. Dank des Kapitals kann Isar Aerospace weiter wachsen: Mittlerweile sind 400 Mitarbeiter für das Start-up tätig, das seinen Sitz nun in Ottobrunn bei München hat. Aktuell entsteht außerdem eine neue Zentrale in Vaterstetten. Den Teststand auf dem Hof in Reischach betreibt Isar Aerospace aber weiter. „Unsere Kraftstoffpumpe, quasi eines der wichtigste Bestandteile eines Raketenantriebs, ist dort entwickelt worden“, erzählt Fleischmann und meint: „Reischach ist jetzt ein zentraler Bestandteil der europäischen Raumfahrtindustrie.“ Die großen, lauten Antriebstests finden mittlerweile aber nicht mehr in Reischach, sondern in Kiruna in Nordschweden statt, wo noch weniger Nachbarn gestört werden können als im Holzland von Altötting.
Söder signiert Trägerrakete
Auch Söder war schon dort: Im Februar 2024 stapft der Ministerpräsident in einer blauen Winterjacke und einer Freistaat Bayern-Mütze auf dem Kopf durch den nordschwedischen Schnee. In einer Testhalle bleibt er vor einem der Raketentriebwerke stehen und begutachtet es interessiert. Von Fleischmann erfährt der CSU-Chef, dass es in die erste Testrakete verbaut wird, die Isar Aerospace starten lassen will. Jemand aus der Delegation schlägt vor, das Triebwerk zu signieren. Söder bekommt einen Edding gereicht, überlegt kurz – dann schreibt er darauf „Bavaria One“. Spätestens jetzt ist die Trägerrakete auch in den Medien die „Bayern-Rakete“, auch wenn man sie bei Isar Aerospace intern „Spectrum“ getauft hat.“
Erste Testflug wurde zur Nervenprobe
Ein Jahr später, im März 2025, steht die Bayern-Rakete dann endlich an der Startrampe. Bei Isar Aerospace hat man sich für den ersten Test Nordnorwegen ausgesucht. Die Bedingungen scheinen perfekt: Kaum Zivilisation und direkt vor der Startrampe tausende Kilometer Meer, damit kein Schaden entsteht, wenn die Rakete abstürzt. Denn damit rechnen Fleischmann und seine Kollegen: Dass die erste Rakete nicht sofort bis ins Weltall fliegt, sondern die Reise in weniger als einer Minute wieder beendet ist. „Man kann nicht alles vorberechnen. Stattdessen war bei uns das Entwicklungsziel, möglichst schnell eine fertige Rakete zu haben und die dann im Testflug einfach auszuprobieren“, erklärt Fleischmann.
Doch zuerst spielt das Wetter nicht mit: Eine ganze Woche muss das Team warten, bis die Bedingungen passen. Eine nervenzehrende Geduldsprobe. Erst am letzten Tag des von den norwegischen Behörden gewährten Zeitfensters heißt es 3 - 2 -1 - Go. Die Rakete hebt kerzengerade ab und fliegt dann rund eine halbe Minute, bevor sie ins Trudeln gerät. Das Team betätigt den Mechanismus, der die Triebwerke abschaltet, um einen kontrollierten Absturz herbeizuführen. Die Rakete knallt daraufhin ins Meer und geht in einem Feuerball auf.
Noch heuer zwei bis drei weitere Starts?
Für den bayerischen „Rocket Man“ Fleischmann alles so, wie man es sich erhofft hatte. Der Flug habe lange genug gedauert, um die nötigen Erkenntnisse zu gewinnen, damit der nun stattfindende Flug noch erfolgreicher wird. Und dann? Falls es tatsächlich gelingt, die Satelliten auf ihre Umlaufbahn zu befördern, könnten noch heuer bereits zwei bis drei weitere Starts mit der Fracht zahlender Kunden geben, sagt Isar Aerospace Vorstandschef Daniel Metzler. An Nachfrage mangle es nicht: Bereits jetzt gebe Frachtverträge mit Unternehmen, die bis in die 2030er Jahre hinein gebucht hätten.
