Knall statt All – Und trotzdem war der bayerische Raketenstart ein Erfolg

Von Johannes Geigenberger · 30. März 2025 um 18:13

Nach langem Warten startete am Sonntag die erste bayerische Rakete in Nordnorwegen. Trotz kurzen Flugs und „Selbstzerstörung“: Isar Aerospace wertet den Test als Erfolg. Mitgefiebert wurde auch in Reischach (Lkr. Altötting), wo das Start-up seine Wurzeln in einem ehemaligen Kuhstall hat.

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Nach einer halben Minute war dieser historische Moment auch schon wieder vorbei. Andøya, eine Insel in Nordnorwegen, Sonntag um 12.30 Uhr: Am „Andøya Space Port“ steht „Spectrum“, die erste jemals gefertigte bayerische Rakete, an der Startrampe. 3 - 2 - 1 - 0: Die Triebwerke zünden und die 28 Meter hohe Rakete steigt kerzengerade in den Himmel – der erste Start einer Orbitalrakete vom europäischen Festland überhaupt. Doch nach 20 Sekunden gerät die „Bayern Rakete“ ins Trudeln und senkt sich zurück in Richtung Erde. Daraufhin wird der 50 Tonnen schwere Flugkörper gezielt gesprengt – die Überreste stürzen mit einem Knall ins Meer.

Was sich anhört wie ein großer Misserfolg ist für Isar Aerospace, dem bayerischen Unternehmen hinter dem Raketenstart, das genaue Gegenteil. Denn schon im Vorfeld hatte Firmenchef Daniel Metzler die Erwartungen heruntergeschraubt. Ziel des ersten Flugs – ausdrücklich ohne Material an Bord – sei es, möglichst viele Daten zu sammeln. Denn dass eine neue Rakete gleich beim ersten Flug den Weltraum erreicht, sei so gut wie ausgeschlossen, hatte der Isar-Aerospace-Vorstandschef erinnert und betont: „Es ist schon ein Erfolg, wenn die Rakete nicht am Start explodiert und die Startrampe zerstört.“

Entsprechend zufrieden zeigte sich Metzler im Nachgang in einer ersten Pressemitteilung: „Unser erster Testflug hat alle unsere Erwartungen erfüllt und ist daher ein großer Erfolg. Wir hatten einen sauberen Start, 30 Sekunden an Flug und konnten auch das ,Flight Termination System‘ erfolgreich testen.“

Das „Flight Termination System“ ist jener Mechanismus, der ausgelöst wird, wenn bei einem Flug etwas schief geht – dann zerstört die Rakete sich selbst. So kann verhindert werden, dass weiterer Schaden entsteht. Und das habe gut geklappt – auch wenn der Feuerball, den Bilder des norwegischen Rundfunks zeigen, durchaus spektakulär aussieht.

Vor sieben Jahren von drei Studenten gegründet

Dass der Test tatsächlich ein Erfolg war, bestätigen auch Experten wie Marie-Christine von Hahn, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie. Sie spricht gegenüber der Deutschen Presseagentur von einem „wegweisenden Schritt für die deutsche Raumfahrt“. Von Hahn: „Dieser Test einer hochkomplexen, in Deutschland gefertigten Rakete hat enorm viele Daten erbracht, die uns weitere Fortschritte ermöglichen.“

Vor rund sieben Jahren von drei Absolventen der TU München gegründet, schickt sich Isar Aerospace an, die internationale Raumfahrt zu verändern. Denn bisher ist diese in der Hand sehr weniger, häufig außereuropäischer Firmen – allen voran Space X von Elon Musk. Dessen Firma führte 2024 mit 138 ganze 95 Prozent aller Raketen-Starts in Amerika durch.

Hier unabhängiger zu werden, war eine der Ideen hinter der Gründung von Isar Aerospace. Denn der Markt für kostengünstigere Möglichkeiten, Satelliten in den Weltraum zu befördern, ist riesig: Ob autonomes Fahren, Internet für entlegene Gebiete, Militärtechnik oder auch landwirtschaftliche Anwendungen: In Zukunft werden viel mehr Satelliten als heute benötigt. Jeder einzelne Start ist aber noch immer sehr teuer – insbesondere, da Raketen bisher nicht wiederverwendet werden konnten.

Im kalten Kuhstall geschraubt

Die drei Studenten – neben Daniel Metzler Markus Brandl und Josef Fleischmann – begannen an einer Möglichkeit zu tüfteln, wie das billiger geht – und suchten dafür einen Ort, an dem sie ungestört testen konnten. So kam es, dass das Trio in einem ehemaligen Kuhstall auf den Hof von Fleischmanns Onkel und Tante im Reischacher Ortsteil Kolbersberg (Lkr. Altötting) unterkamen. „Sie saßen im Winter mit dicken Jacken im kalten Kuhstall und haben geschraubt und getestet“, erinnert sich Fleischmanns Tante. Ganz bescheiden will sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen und ist doch unheimlich stolz über das, was ihr Neffe zusammen mit den Kollegen aufgebaut hat. In kürzester Zeit wuchs die Mitarbeiterzahl des Start-ups auf heute rund 400, die überwiegend am Stammsitz in Ottobrunn bei München arbeiten. Das rasante Wachstum wurde durch namhafte Investoren wie der Porsche SE ermöglicht, die einen dreistelligen Millionenbetrag in das Start-up investierten. Das Kapital finanzierte einen großen Testprüfstand in Nordschweden und auch eine neue Firmenzentrale in Parsdorf (Landkreis München), die aktuell gebaut wird.

Gleichzeitig unterhält Isar Aerospace aber auch weiterhin eine Außenstelle auf dem Hof in Reischach, wo alles begann: Dort finden kleinere Komponententests statt. Und zwar gleich neben dem Haus, in dem auch Tante und Onkel von Josef Fleischmann wohnen. Logisch, dass die beiden die ganze vergangene Woche über mitgefiebert haben. Denn das Zeitfenster der norwegischen Behörden zum Start der ersten Rakete hatte sich bereits am 20. März geöffnet.

Seitdem hatten aber schlechte Windverhältnisse immer wieder eine Verschiebung des Starttermins notwendig gemacht. Erst am gestrigen Sonntag passten die Bedingungen. Eine Punktlandung – denn die Behörden hatten den 30. März als vorerst letztmöglichen Termin ausgegeben. Anschließend hätte die Genehmigung erneut beantragt werden müssen, was große Verzögerungen bedeutet hätte.

Der Livestream wird zum Wechselbad der Gefühle

Entsprechend froh war man auch auf dem Kolbersberg, als es am Sonntag losging. Das Verfolgen des Livestreams sei dann aber ein Wechselbad der Gefühle gewesen: „Zunächst der kerzengerade Start, aber dann tut’s natürlich schon weh zu sehen, wie die Rakete abstürzt – auch wenn man natürlich damit gerechnet hat“, meint Fleischmanns Tante. Aber sie freue sich nun, dass die Ingenieure viele Erkenntnisse sammeln konnten, die sie bei den nächsten Starts einsetzen können.

Und der soll bereits bald stattfinden: Rakete 2 und 3 seien bereits in der Produktion, sagt Metzler in einer Pressekonferenz am Nachmittag. Wann der nächste Start stattfindet? „So schnell wie möglich“, so der Vorstandsvorsitzende, kann aber noch kein Datum nennen.

Gut passen würde der Herbst: Dann findet in Deutschland auch die ESA-Ministerratskonferenz statt. Diese sei „richtungsweisend“, meint Raumfahrtlobbyistin von Hahn und nutzt den historische Raketenstart, um für höhere staatliche Budgets zu werben. Europa müsse seine Souveränität im All sicherstellen. „Elon Musks Starlink ist nicht alternativlos – und darf es auch nicht sein.“