Verein will den Halt einer Familie für psychisch Kranke vermitteln

Von Martin Hladik · 21. Januar 2026 um 05:00

Seit 25 Jahren können psychisch kranke Menschen in der Oberpfalz in Gastfamilien wohnen. Für Bezirkstagspräsident Franz Löffler „die edelste Form der Inklusion“. Nur kaum einer weiß vom „betreuten Wohnen in Familien“ (BWF). Das will ein im Jahr 2025 in Waldmünchen entstandener Verein verändern. Um diese Wohnform bekannter zu machen, wurde ein Förderverein mit dem Namen „LebensRaum Familie“ während eines Treffens an der Jugendbildungsstätte gegründet.

Doch klären wir zunächst was „betreutes Wohnen mit Familien“ für psychisch Kranke bedeutet. Dabei hilft uns Frank Gründig. Er ist Sozialpädagoge bei der MedBo. Hinter dieser Abkürzung verbergen sich die neurologischen und psychiatrischen Einrichtungen des Bezirkes Oberpfalz. Gründig und sein Team kümmern sich um die „Gastfamilien“ und die „Gäste“ des betreuten Wohnens.

Menschen, wie sie sind

„Familien nehmen diese Menschen so, wie sie sind“, sagt Frank Gründig. Diese „natürliche“ Einbindung in eine Familie „schafft ein Stück weit Normalität“, erklärt er. Dabei sei das Zusammenleben von Menschen mit psychischen Krankheiten und Familien kein neuer Trend. Gründig berichtet von einem Pilgerort in Belgien. In Geel in der Provinz Antwerpen nehmen Familien seit Jahrhunderten psychisch geschwächte Menschen auf. Hintergrund ist die Verehrung der Heiligen Dymphna, der Schutzpatronin der psychisch Kranken.

Viele solche Familien gibt es in der Oberpfalz nicht. 21 sind es im Betreuungsbereich der MedBo, mindestens eine davon im Landkreis Cham. Weitere Gastfamilien gibt es bei der Lebenshilfe (geistige Behinderung) und beim Sozialteam (nördliche Oberpfalz).

Für ehemalige Patienten sei es nach dem Klinikaufenthalt ein Vorteil, nicht in einem therapeutischen Umfeld unterzukommen, sondern in einer Familie. Die ehemaligen Patienten könnten von affektiven Störungen, Depressionen, Sucht und anderen psychischen Krankheiten betroffen sein.

Die aufnehmenden Familien seien in der Regel Laien. Faktisch seien es oft Menschen jenseits des 50. Lebensjahres, die nach der Kindererziehung wieder Kapazitäten hätten und sich engagieren wollten, berichtet Gründig. Dabei müsse es sich gar nicht um „klassische“ Familien handeln, Gastfamilien könnten auch Alleinstehende oder gleichgeschlechtliche Paare sein.

„Der Personenkreis ist weit gefasst“, sagt Gründig. Dabei gibt er zu verstehen, dass Familien, die einen Gast mit einer psychischen Krankheit aufnehmen, nicht leicht zu finden sind und das auch dies ein Anlass für die Gründung des Fördervereins gewesen sei. Ob Gastfamilie und Gast zusammen kommen, sei vollkommen „freiwillig“ , sagt Gründig . „Im Prinzip ist das wie beim Date “, erklärt er. Man müsse einfach merken, ob es passt. Weil Familien und ihr Gast zusammenwachsen, „gehören sie irgendwann einfach dazu“. Gemeint ist, sie seien Teil und Mitglied einer Familie. Das sei „gelebte Inklusion“, die von vielen Familien aber nicht als „edel“ oder gute Tat empfunden werde, sondern als ganz normal. Selbstverständlich werden die Familien auch bei der Betreuung durch ein MedBo-Team beraten.

Obwohl das finanzielle Interesse nicht im Vordergrund stehe, gebe es im Bezirk Oberpfalz 600 Euro Betreuungsgeld, sowie Miete und Verpflegungsgeld. Das nutze im übrigen auch der Gesellschaft, sagte Gründig. Die Unterbringung in einer Familie koste dem Staat deutlich weniger als die Unterbringung in einer betreuten Wohngruppe oder ähnlichem. Das sei eine Möglichkeit , dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und das Psychiatriesystem zu entlasten. Zudem sei in der Familie die Qualität der Betreuung wahrscheinlich besser, weil sie kontinuierlicher sei.

Neben den finanziellen Vorteilen für die Gesellschaft lerne sie auch besser mit psychisch Kranken umzugehen. Die Vorurteile von „Gefahr, Gewalt und Bedrohung“ würden durch den Kontakt abgebaut. Psychisch Kranke müssten „sichtbar und erlebbar“ werden, sagt Gründig, dann würden mehr Menschen erkennen, dass zwar ein Problem hätten, aber „ansonsten liebe Menschen sind“.

Weniger Diskriminierung

Diese gesellschaftliche Veränderung könnte auch helfen, dass sich Erkrankte früher Hilfe holen, weil sie keine so starke Diskriminierung befürchten müssen.

Um dem Satz „Vom betreuten Wohnen in Familien haben wir noch nie was gehört“ entgegenzuwirken, wurde im August der Förderverein gegründet. Er soll sich aber nicht nur den Verein bekannter machen, sondern auch eine Möglichkeit bieten das betreute Wohnen in Familien unterstützen zu können, in dem Spenden eingeworben werden können. Zum Beispiel für Reisen zu Treffen oder rechtliche Beratungen.