Zu wenige Plätze: Regensburger Bub mit Handicap ist seit Jahren auf der Kita-Warteliste

Auch Eltern von Kindern mit speziellem Förderbedarf haben einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. In Regensburg gehen manche leer aus. Was bedeutet das für Betroffene?
Das Wohnzimmer von Familie K. (Name geändert) in einer Mietwohnung im Regensburger Norden sieht aus wie ein Mini-Spielplatz. In der Mitte steht eine bunte Plastik-Rutsche, darunter ein Gefäß mit Sand. Im Türrahmen hängt eine Schaukel, die gerade der Vater anschubst. Der kleine Elias sitzt friedlich in dem Gestell aus Stoff und Holz. Mutter Lara K. erlebt täglich Tag und Nacht, wie schnell sich das ändern kann: Sie betreut den Vierjährigen seit seiner Geburt zu Hause.
Lara K. erzählt: Mit zweieinhalb Jahren sollte er mit dem Kindergarten anfangen. Erstmals angemeldet habe sie ihn, als er sieben Monate alt war. „Eineinhalb Jahre war er, da haben wir es erfahren.“ Die Kinderärztin notierte im Heft für die Vorsorgeuntersuchungen eine Verhaltensauffälligkeit. „Kein Blickkontakt“, schrieb sie auf. Geäußert habe sie einen „Verdacht auf Autismus“ beziehungsweise auf eine Entwicklungsstörung, so erinnert sich Lara K. Bis heute tue sich Elias schwer mit dem Blickkontakt, flattere mit den Händen. Und er spricht nicht. Um eine gesicherte Diagnose bemüht sich die Mutter noch; bei den Spezialisten gebe es lange Wartezeiten.
Psychologin unterstützt Familie
Lara K. verbringt viel Zeit allein mit dem Jungen, ihr Mann arbeitet Schicht in München. Nur zweimal in der Woche bekommt Elias Frühförderung. Wenn ihr Sohn etwas von ihr will, zeigt er darauf oder zieht sie am Arm. Passt ihm etwas nicht, schreit er. Stunden verbrächten sie in den Einkaufszentren, wo Elias die Treppen rauf und runter laufe, oder bei schönerem Wetter auf Spielplätzen. Sich mit anderen Familien zu verabreden, sei nicht möglich, Elias wolle immer weiterziehen, sein Bewegungsdrang sei groß. Am Tisch müsse sie ihn zum Teil füttern, selbst könne er den Löffel nicht halten. Auch Verwandten könne sie Elias nicht anvertrauen, sie fühlten sich dem nicht gewachsen. Ins Bett gehe er erst um Mitternacht, und dann müsse sie bei ihm bleiben. Wie anstrengend all das ist, lässt sich die Mutter nicht anmerken. Deutlich wird aber, dass sie enttäuscht ist. „Die lassen die Kinder einfach im Stich.“
Vor der Geburt ihres Sohnes arbeitete sie in der Produktion einer großen Firma im Südosten der Stadt. Eigentlich wollte sie in Teilzeit wieder ins Arbeitsleben einsteigen, aber ohne Kita-Platz geht das nicht. „Das Geld reicht vorne und hinten nicht“, sagt Lara K. Inzwischen hat sie mit Marianne Schwabe-Höllein eine Fachfrau als Unterstützerin: Die 72-Jährige, die die Familie privat kennt, führte bis 2021 eine Praxis für psychologische Gutachtenerstellung und Beratung. Für Elias telefonierte Schwabe-Höllein 18 Betreuungseinrichtungen in der Stadt ab. „Ich habe überall das Gleiche gehört: dass es Wartelisten gibt.“ Ihr Eindruck: Plätze gebe es nur für Vorschulkinder, also Fünfjährige. Schwabe-Höllein findet das empörend. „Es wird hier ganz wertvolle Zeit vertan. Vielleicht wäre er viel, viel weiter.“
Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra bestätigt, der Rechtsanspruch auf Betreuung gelte auch für Kinder mit Behinderung, derzeit seien aber alle Plätze belegt. Auf der „Vermittlerliste“ stünden weniger als zehn Kinder. Ausschlaggebend für eine Aufnahme sei „nicht unbedingt das Alter des Kindes“, eher seien es die Rahmenbedingungen. Diese müssten „so gestaltet sein, dass eine dem jeweiligen Kind mit seiner individuellen Behinderung entsprechende und folglich sinnvolle Betreuung und Förderung ermöglicht werden kann.“ Der Bedarf nehme zu, aber das Platzangebot werde ausgebaut, so würden neue Kinderhäuser immer mit Integrations-Plätzen (I-Plätzen) geplant. Einzelne I-Kinder würden von allen städtischen Kitas aufgenommen.
Es fehlt das Geld für mehr schulvorbereitende Einrichtungen
Zudem gibt es spezialisierte Anlaufstellen: die schulvorbereitenden Einrichtungen (SVE) an den Förderzentren. Michael Eibl ist Direktor der Katholischen Jugendfürsorge, die selbst SVE betreibt, in denen Kinder sehr intensive therapeutische Unterstützung bekommen. Auch er bestätigt: „Es ist so, dass es bei Einzelfällen im Moment noch Probleme gibt, Plätze zu finden.“ Bayernweit fehlten etwa 500 Plätze für Kinder mit speziellem Förderbedarf, in Regensburg mit seinen Förderzentren sei die Zahl wohl nur einstellig, so Eibl.
Nichtsdestoweniger sei die Lage für betroffene Familien „absolut dramatisch“. „Wir könnten mehr Entspannung schaffen, wenn wir mehr SVE genehmigt bekommen würden“, sagt Eibl, der auch Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Förderschulen der Caritas ist. Dafür aber fehlten Mittel vom Freistaat.
Betreuungsangebot
Integrativplätze: In Kindertageseinrichtungen wie Krippen, Kindergärten und Horten werden Kinder mit Einschränkungen wie zum Beispiel Behinderungen gemeinsam mit Kindern ohne Handicap betreut.
Schulvorbereitende Einrichtungen: Bischof-Wittmann-Schule, Pater-Rupert-Mayer-Zentrum, das Förderzentrum Jakob-Muth sowie das Blindeninstitut nehmen Vorschulkinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf auf.