Hier wächst Kultur aus Baumstümpfen: Zwei Rentner verwandeln den Chamer Stadtwald in Galerie

Ein arbeitsreiches Jahr liegt hinter den Pensionisten Dr. Hans Schneider (80) und Franz Rackl (74). Sie schnitzten nicht nur für die Further Landesgartenschau. Als einige Bäume im Chamer Stadtwald gekappt wurden, war die Kreativität der beiden Männer erneut gefragt. „Die Baumstümpfe haben uns herausgefordert, was zu unternehmen“, sagt Rackl.
Einige der Stämme im Stadtwald sind mit Farbe besprüht. „H8“ bedeutet, dass diese Bäume auf einer Höhe von acht Metern gekappt werden. Punkte zeigen an, dass der Baum geprüft werden soll. Diejenigen, die mit einem Kreuz markiert sind, kommen ganz weg, erklärt Rackl. Den vorderen Teil des Parks haben die Forstarbeiter zur Sicherheit der Spaziergänger bereits abgearbeitet. Zurück bleiben einige Baumstümpfe.

Holztiere: Schmaler Grad zwischen Kunst und Kitsch
„Natürlich sind die Stämme auch Nisthilfen. Einige sind mit Spechthöhlen oder Kobeln von Eichhörnchen belegt“, meint Rackl. Dennoch sei die Parkanlage ein Naherholungsgebiet und die gekappten Bäume nicht unbedingt schön anzusehen. Das wollten die beiden Männer ändern.
17 Holzsilhouetten – vom Vogel bis zum Baummarder – haben die Stadtmitarbeiter auf den Baumstümpfen angebracht. Drei Stunden haben Rackl und Schneider pro Tier gebraucht. Mal sind sie bunt angemalt, mal naturbelassen.
Und inflationär darf man die Tiere auch nicht aufstellen.Hans Schneider
„Das ist ein schmaler Grad zwischen Kunst und Kitsch“, findet Rackl. „Und inflationär darf man die Tiere auch nicht aufstellen“, fügt Schneider hinzu. Weitere Ideen hätten die beiden dennoch in petto. Für den Katzberger Ortseingang wollen sie Katzen schnitzen. Und vielleicht ist bald auch ein Dachs im Waldpark zu sehen? So einen hat Schneider – zumindest in der Natur – noch nie gesehen.
„Da ist man extrem verwöhnt vom Fernsehen. Da bekommt man die kleinsten Kleinigkeiten präsentiert“, findet der ehemalige Arzt. Mit ihrem Projekt sei das nicht zu vergleichen. Wer beim Spazierengehen nur auf den Boden starre, laufe an den Holztieren schlicht vorbei. Dabei seien die Silhouetten ein besonders niederschwelliges Kultur-Angebot. Schneider findet: „Die Natur steigert die Kultur und die Natur wird durch die Kultur gesteigert.“

Die beiden Pesnionäre ergänzen sich
Einen großen Vorteil hat dieses Projekt auch für die beiden Pensionäre. „Wenn man miteinander was macht, muss man von vornherein eine ordentliche Portion Toleranz und natürlich Kompromissfähigkeit mitbringen. Das lernt man dabei. Das ist eigentlich, was vielen Leuten heute abgeht.“
Ihre Entwürfe und Ideen entfachten oft lange Diskussionen, die am Ende dazu beitragen, dass sie weniger Fehler machten, sagt Schneider. „Zu zweit macht man weniger Fehler als alleine. Die Fehler werden erst durch die Auseinandersetzung vermieden.“
Wenn du Rufbereitschaft hast, musst du in fünf bis zehn Minuten im Krankenhaus sein. Da brauchst du eine Beschäftigung im Haus.Hans Schneider
Bei ihren Projekten ist Rackl für die Entwürfe und die künstlerischen Ideen zuständig. Schneider übernimmt die Schreinerarbeit, die ihm seit der Kindheit geläufig ist.
In seinem Haus am Kalvarienberg hat sich der 80-Jährige eine eigene Werkstatt eingerichtet. Der ehemalige Arzt erzählt: „Wenn du Rufbereitschaft hast, musst du in fünf bis zehn Minuten im Krankenhaus sein. Da brauchst du eine Beschäftigung im Haus.“

Wenn aus Nachbarn Freunde werden
Seit seiner Pensionierung schnitzt Schneider jedes Jahr 80 Krippenschafe, die er an Verwandte verschenkt. Darauf ist auch Rackl aufmerksam geworden, der nur wenige Häuser weiter wohnt. „Ich habe vom Schwiegervater Schnitzeisen geerbt, die waren stumpf. Dann hab ich gehört, dass der Hans schnitzen kann. So sind wir zueinander gekommen.“
Drei Tage hätten sie die Eisen geschliffen, ehe Schneider Rackl zeigte, wie er selbst ein Schaf schnitzen könne. Als erstes gemeinsames Projekt haben sie dann für die Kapelle am Kalvarienberg eine Krippe geschnitzt. Das ist inzwischen nur eines von vielen Projekten. Wirklich Kontakt hatten die beiden vorher nie, obwohl Rackl seit 1983 am Kalvarienberg wohnt. Was als Nachbarschaftshilfe begann, hat sich nun zu einer wahren Freundschaft entwickelt.