Sorge um die Liebsten zerfrisst Exil-Iraner aus Regensburg: Regensburgerin nicht mehr zu erreichen

Ob es um die Schwester geht, die Mutter oder den Vater – die Versuche vieler Iraner aus Regensburg, Angehörige in ihrem Heimatland zu erreichen, laufen seit Wochen ins Leere. Gleichzeitig lesen sie seit Beginn der Proteste viele Stunden am Tag Nachrichten, in denen es um Tausende Getötete in dem Land geht. Leben ihre Angehörigen also noch? Was neben dieser quälenden Frage bleibt, ist Hoffnung auf einen erlösenden Anruf und den Sturz des Regimes.
Eine in dieser Situation ist die in Teheran geborene Stadträtin Monir Shahedi (Grüne). Ihre Schwester, die seit 1999 in Regensburg gelebt hatte, plante zuletzt ihren Umzug nach Dubai, vor dem sie noch vier Wochen beim Bruder der Frauen im Iran verbringen wollte. Zwei Tage nach der Ankunft ihrer Schwester in dem Land seien die Demonstrationen losgegangen, sagt Shahedi. „Sie hat noch Bescheid gegeben, dass sie gut angekommen ist und von Besuchen bei Cousinen oder Cousins erzählt, aber dann ist der Kontakt abgebrochen“, berichtet die Stadträtin. Deswegen plagen sie nun große Sorgen.

„Ich weiß, wie brutal das Regime ist. Und ich kann hier nichts machen, außer Petitionen zu unterschreiben, auf Demonstrationen zu gehen und dort Reden zu halten“, schildert sie ihre Situation. Und noch etwas treibt sie um: Die Debatte darüber, ob es Reza Pahlavi und damit der Sohn des 1979 gestürzten Schahs sein sollte, der die Iraner vom Regime befreit.
Alle Entwicklungen zu den Protesten in Iran in unserem Newsblog: Über 3400 Demonstranten im Iran getötet – Dunkelziffer noch höher?
„Ich bin keine Monarchieanhängerin, aber es ist jetzt nicht die Zeit für diese Diskussion. Die Menschen sterben“, erklärt Shahedi. Es gebe so viele intellektuelle Oppositionelle aus dem Iran im Ausland. Von denen habe sich aber keiner zur Verfügung gestellt, eine mögliche Übergangsphase nach dem Sturz des Regimes zu begleiten. „Was danach passiert, soll das Volk entscheiden“, so wünscht es sich Shahedi.

Ringen um Worte für Gewalt
Weil die Sorgen um ihre Familie kein Ende nehmen wollen, Kontaktversuche scheitern und sie ständig auf der Suche nach Informationen aus dem Iran sind, verbringen auch die Brüder Sajad und Bahram Elahi gerade schlaflose Nächte ohne Ende. „Unser Vater ist bestimmt aktiv“, vermutet Bahram Elahi. Er könne an nichts anderes denken und habe deswegen sogar schon vergessen, zu essen. Sein Bruder erklärt, woher ihre Informationen stammen, die sie seit der Abschaltung des Internets in dem Land wesentlich langsamer erreichen: „Es gibt im Iran Menschen, die setzen ihr Leben aufs Spiel, fahren Tausende Kilometer mit einem Handy über die Grenze, wechseln die Karte und verschicken dort Bilder und Videos.“
Auch Menschen, die über Starlink Zugang zum Internet haben, tun dies seiner Auskunft zufolge. Was Sajad Elahi zu sehen bekomme, sei beispiellose Gewalt. „Das ist so grausam, es gibt keine Worte die passend sind, das zu beschreiben. Egal, was ich sage, es würde der Gewalt dort nicht gerecht werden“, sagt er. Er fühle sich wie gelähmt, weil er so weit weg und zur Passivität verdammt sei. Er habe aber auch Hoffnung, denn eines sei dieses Mal anders: „Die Demonstranten haben keine Angst.“ Deswegen fühle Sajad Elahi sich dazu verpflichtet, den Demonstranten im Iran ein Sprachrohr zu sein. Aus seiner Sicht brauche es auch niemanden, der das iranische Volk rette. „Es reicht schon, das Regime nicht zu unterstützen, damit es stürzt“, verdeutlicht er. Und sein Bruder ergänzt: „Jede Unterstützung für das Regime ist eine Kugel auf einen Menschen“. Und: „Der Islam muss weg!“

Freund unter den Getöten?
Angesichts der schieren Anzahl an Toten innerhalb weniger Tage ist auch die aus Teheran stammende Studentin, Künstlerin und Aktivistin Mahla Tehrani sicher: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ich jemanden kenne, der getötet wurde, ist groß.“ Seit über einer Woche habe sie ihre Mutter nicht mehr gesprochen. Ein Freund, dem es über Starlink gelungen sei, ins Internet zu gehen, habe Tehrani zugesichert, zu ihrer Mutter zu gehen, damit diese ihre Tochter anrufen könne. „Aber er ist jede Nacht auf der Straße und ich habe bis jetzt nichts mehr von ihm gehört“, erklärt sie. Es könne sein, dass er getötet oder verhaftet wurde. Wie Shahedi sagt auch Tehrani, keine Monarchistin zu sein, aber den Plan Pahlavis zu unterstützen.
Eine Schneiderin aus Regenstauf, die aus Sorge vor Konsequenzen für ihre Angehörigen anonym bleiben möchte, hat ihre Schwester seit 8. Januar nicht mehr gesprochen. „Wir haben telefoniert, dann habe ich auf dem Bildschirm gesehen, wie ihr jemand das Handy aus der Hand schlägt“, schildert die Frau den letzten Kontakt. Seither habe sie unzählige Male versucht, mit ihrer Schwester zu telefonieren – vergeblich. Wegen der Situation greift die Schneiderin inzwischen zu Antidepressiva.
Eine ihrer Freundinnen habe deren Tochter im Iran erreichen können – und Unsagbares geschildert bekommen: Dort sollen die Toten auf der Straße liegen. Es stinke nach Blut. Unentwegt sollen die Handys der Getöten läuten, weil deren Angehörige verzweifelt versuchten, diese zu erreichen.