Schockanruf in Arnschwang: Polizei spricht von perfiden Methoden und hohen Fallzahlen

Von Alexander Frimberger · 15. Januar 2026 um 05:00

Eine angebliche Polizistin fordert von einer 85-jährigen Frau aus Arnschwang (Landkreis Cham) 69.000 Euro, weil ihre Tochter einen Unfall verursacht hat und jetzt in Schwierigkeiten steckt. Gerade noch rechtzeitig konnte der Coup verhindert werden. Doch die Maschen werden immer perfider, der Druck, der ausgeübt wird, immer größer, längst betrifft es nicht mehr nur ältere Menschen, die in die Fänge von Schockanrufen geraten.

Video ansehen

„Das ist schon seit längerer Zeit ein ganz großes Thema“, sagt Melanie Bäumler von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberpfalz in Regensburg. Den konkreten Fall beschreibt Polizeihauptkommissar Josef Weindl, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Furth im Wald, in einer Pressemitteilung so: „Die 85-jährige Frau erhielt einen Anruf von einer unterdrückten Nummer.

Niemand ist sicher

Die Anruferin sprach fließend Deutsch und gab sich als Polizistin aus Furth im Wald aus. Sie behauptete, eine Tochter der Rentnerin habe bei einem Verkehrsunfall einen Radfahrer angefahren und müsse nun mit einer Haftstrafe rechnen. Um eine Inhaftierung abzuwenden, verlangte die Anruferin eine sofortige Zahlung von 69.000 Euro. Die angebliche Tochter könne selbst nicht sprechen, da sie sich bei dem Unfall auf die Zunge gebissen habe. Im Hintergrund waren weinende und schluchzende Geräusche zu hören, offenbar um zusätzlichen emotionalen Druck aufzubauen.

Die Seniorin war zunächst verunsichert, da sie tatsächlich mehrere Töchter hat. Im weiteren Verlauf des Gesprächs fragte die Betrügerin gezielt nach Bargeld, Gold und Wertsachen sowie danach, ob die Frau selbst Auto fahren könne, um eine Übergabe zu ermöglichen.

Die Rentnerin erklärte, über kein Vermögen zu verfügen, und erkannte schließlich den Betrugsversuch. Sie machte der Anruferin deutlich, dass sie von einer falschen Polizistin ausgehe. Daraufhin wurde das Gespräch umgehend beendet.“

Problem betrifft nicht nur ältere Menschen

Anrufe von falschen Polizisten sind die eine Masche. Aber es geht noch gemeiner, wie Bäumler erläutert. „Derzeit rufen vermehrt angebliche Ärzte aus Krankenhäusern an.“ Sie fordern demnach häufig einhunderttausend Euro und mehr, um sofort eine teure Krebsbehandlung beginnen zu können und so das Leben zu retten. Wenn man nicht sofort bezahle, sterbe der Sohn, die Tochter, der Enkel oder die Enkelin in kürzester Zeit.

Weindl und Bäumler sind sich einig, dass das Problem längst nicht mehr nur ältere Menschen betrifft. Inzwischen wird von den Tätern ein so hoher psychischer Druck ausgeübt, dass man irgendwann alles glaubt. Bäumler: „Das gilt auch für Leute, die vorher gesagt haben, ihnen würde so etwas nicht passieren.“ Doch natürlich sind ältere Menschen ein beliebtes Ziel dieser kriminellen Banden. In Telefonbüchern wird gezielt nach alten Vornamen und kurzen Telefonnummern gesucht. Deswegen empfiehlt die Pressesprecherin, Telefonbucheinträge löschen zu lassen. Das geht online. Senioren, die keinen Zugang haben, sollen sich von jüngeren Verwandten helfen lassen. Doch auch genau das ist ein Problem: Häufig hätten die alten Menschen kaum oder wenig Kontakt zu Kindern und Enkeln. In einem funktionierenden Familienverbund könne so ein Raubzug kaum möglich werden.

Weindl stimmt im Gespräch mit unserer Zeitung der Aussage zu, dass es ein probates Mittel sein kann, innerhalb der Familie ein geheimes Codewort auszumachen, das bei einem verdächtigen Anruf abgefragt und das Gespräch gegebenenfalls schnell abgebrochen werden kann.

Er sagt auch, dass die Polizei niemals Geld von Bürgern verlangen würde. Er erinnert sich dabei an einen Fall aus seiner Bad Kötztinger Zeit. Da war ein älterer Herr in die Polizeiinspektion gekommen und wollte seine Münzsammlung wieder abholen. Auf die fragenden Blicke der Beamten antwortete er, dass tags zuvor ein angeblicher Polizist Wertgegenstände eingesammelt hat, weil es in der Nachbarschaft eine Einbruchserie gebe. Einen Tag später, so der Betrüger zu seinem Opfer, könne er seine Wertgegenstände wieder abholen.

Es ist ein Irrtum zu glauben, nur Ältere fallen auf Telefonbetrug rein. - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

„Wie hoch die Dunkelziffer in solchen Fällen ist, wissen wir nicht“, sagt der Further Polizeihauptkommissar. Oftmals sei die Scham, übers Ohr gehauen worden zu sein zu groß, um sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Das kann auch Bäumler bestätigen, die sagt, man habe oft versucht, Betroffene dazu zu bewegen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Bisher ist das nicht gelungen.

Scham ist nicht angebracht

Dabei ist Scham gar nicht nötig. „Das sind Extremsituationen“, bekräftigt Weindl und ergänzt: „Wenn mit deiner Tochter (angeblich) etwas passiert ist, dann machst du dir riesige Sorgen.“ Wichtig ist, sofort die Polizei zu verständigen, um den Täter vielleicht noch zu schnappen. Allerdings sind die „Keiler“, wie sie in Polizeikreisen genannt werden, also diejenigen, die Geld oder Wertsachen entgegen nehmen, meist auch nur Boten. Wer hinter den Call-Centern, die immer professioneller arbeiten, steckt, wissen die selbst nicht.

Richtiges Verhalten

Tipps von Josef Weindl: Egal, welche Geschichte erzählt wird, vorsichtig sein. Gesundes Misstrauen ist keine Unhöflichkeit. Niemals unter Druck setzen lassen. Auflegen, wenn Geld gefordert wird. Keine privaten Details oder Verstecke von Geld und Wertgegenständen preisgeben.

Ist der Anruf echt?: Niemals Geld an Unbekannte geben (die Polizei fordert niemals Geld). Wenn die Polizei anruft, erscheint nie 110 im Display. Die Echtheit des Anrufs überprüfen, indem Sie die Nummer des angeblich Betroffenen anrufen und nicht die des Verdächtigen. Informieren Sie auch ältere Familienmitglieder.