BBW in Abensberg: Hier backen sie sich zurück ins Leben

Von Lucia Pirkl · 12. Dezember 2025 um 19:00

In der Adventszeit wird die Konditorei des BBW Abensberg zur „Weihnachtsbäckerei“ und manches Mal auch zum Wunscherfüller. Warum die Backstube mehr ist als ein Lernort, erfahren Sie hier.

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Baumkuchen, Mandelhörnchen und dann noch die riesige Cremetorte, die für eine Benefizveranstaltung gebacken werden muss: Heiner Fischer hält ein Brett in der Hand, 30 mal 60 Zentimeter. Und da soll die Torte drauf. Wie in vielen anderen Betrieben herrscht auch in der Konditorei vom BBW vor Weihnachten Hochbetrieb. Dass seine Lehrlinge da gut durchkommen, dafür sorgen Ausbilder Fischer und seine Kollegin Sophia Hanwalter.

Elf Azubis haben die Beiden momentan und vier, die das Handwerk für sich erst einmal austesten wollen. Das Konditorenhandwerk erlebt am BBW derzeit einen Boom, bedingt durch Backsendungen, durch Social Media und nicht zuletzt auch durch Mundpropaganda: „Die erzählen es sich untereinander und dann stehen schon wieder welche vor der Tür“, so Fischer.

Backen fürs BBW

Damit den Lehrlingen der Backstoff nicht ausgeht, dafür sorgen schon alleine die 500 Angestellten und noch einmal so viele Bewohner. Dazu wird so mancher Sonderwunsch erfüllt, eine Torte mit Lego-Figuren und Legosteinen aus Marzipan etwa oder 400 Lebkuchen für die Grundschulkinder - sofern es der Ausbildung, der Kreativität dient.

Hier wird gerade derTeig für den Baumkuchen vorbereitet. - Foto: Pirkl

Die Ausbildung soll den Azubis schließlich den Weg für eine Anstellung am freien Markt ebnen. Die Vermittlungsquote ist hoch, die frisch gebackenen Gesellen sind begehrt. Dafür sorgt nicht zuletzt auch Fischer durch die vielen Kontakte, die er in all den Jahren aufgebaut hat und freilich ein Team aus Fachkräften um ihn herum. Nicht selten klingelt bei Fischer das Telefon und einer seiner Berufskollegen fragt, ob er denn nicht einen Konditorengesellen für ihn hat.

„Wir arbeiten hier nicht auf Produktion, sondern es geht in erster Linie um die Ausbildung der jungen Menschen“, betont Fischer. Traditionelles Backwerk wie Schwarzwälder Kirsch oder Käsesahnetorte stehen deshalb genauso auf dem Lehrplan wie moderne Patisserie. Und auch am BBW arbeitet man mit handelsüblichen Maschinen. Nach drei Jahren Ausbildung legen die Lehrlinge die gleiche Prüfung ab wie ihre Konditor-Kollegen, die außerhalb des BBW arbeiten.

Bis dahin ist es aber für so manchen jungen Menschen ein weiter Weg. In der wilden Fahrt des Lebens wurde der ein oder andere aus der Kurve geworfen.

Die neue Baumkuchenmaschine ist heuer zum ersten Mal im Einsatz und hat jetzt, vor Weihnachten, natürlich Hochsaison. - Foto: Pirkl

Sie dann mit Schneebesen und Rührschüssel wieder zurück in die Bahn zu lenken, ist für Fischer und seine neue Kollegin Hanwalter eine Herzensangelegenheit, die ihnen viel Fingerspitzengefühl abverlangt. Jeder der Azubis bringt sein Päckchen mit, sei es durch traumatische Erfahrungen, durch prekäre familiäre Verhältnisse, oder weil sie eine Autismus-Diagnose hinter sich haben. „Ab und zu braucht auch mal einer seine Ruhe“, weiß Fischer. Sie dann aus dem Geschehen herauszunehmen, sei hier kein Problem.

Die Prüfungen dauern acht Stunden. Ich sag dann schon mal, ,geh‘ raus, geh' schnell weinen, dann geht‘s wieder‘Heiner Fischer, Ausbilder

Dass jemand nicht rechtzeitig am Arbeitsplatz erscheint, weil er verschlafen hat, auch das kommt schon mal vor. Wenn Fischer frühmorgens sein Tagwerk beginnt, weiß er nie, was der Tag bringt.

Ein offenes Ohr zu haben, eine verlässliche Bezugsperson zu sein und vor allem Vertrauen aufzubauen, das sei ganz wichtig für den Job. „Einer hat sich mal unter dem Brezendrehen geoutet“, erzählt Fischer. Auch, wenn der Chef zusammen mit den Lehrlingen putzt, erfährt er so manche Detail aus dessen Leben, das er dann natürlich für sich behält.

Ausbilder Heiner Fischer weiß um die besonderen Bedürfnisse seiner Lehrlinge. - Foto: Pirkl

Ein ander Mal musste Fischer einen Lehrling zur Berufsschule in Regensburg begleiten. Er war zum ersten Schultag nicht erschienen, weil ihm die fremde Umgebung Angst machte. „Das sind nur Kleinigkeiten, und danach flutscht es“, weiß Fischer.

Beziehung sei eben alles. „Wir begegnen uns auf Augenhöhe“, betont auch Hanwalter, „mit einem gesunden Maß an Respekt“. Dass das nicht nur so daher geredet ist, beweist ein Zitat einer Auszubildenden: „Die sind einfach wundervoll“, sagt Joy Sonntag über ihre Ausbilder.

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Klare Absprachen, zu wissen, was die Lehrlinge aus dem Konzept bringt, das ist ein weiterer Baustein dafür, dass die Lehre gelingt. Beispielsweise wollen die meisten Lehrlinge hier nicht angetippt oder angefasst werden, und sei es nur, um sie zu loben. Das müsse man auch den Praktikumsbetrieben kommunizieren, in denen die Lehrlinge einmal die Woche mitarbeiten. Nur so könnten Missverständnisse vermieden werden, so Fischer.

Am Ende der Lehre begleitet Fischer seine Azubis zur Prüfung, wohlwissend, dass das ein besonders stressiger Tag, der Druck für manchen Azubi immens ist. „Die Prüfungen dauern acht Stunden. Ich sag dann schon mal, ,geh‘ raus, geh schnell weinen, dann geht‘s wieder‘“. Das helfe, um Druck abzubauen.

„Wir bedienen den Markt“

„Die Betriebe könnten gar nicht so in die Förderung gehen, die wir ihnen geben“, sagt dann auch Silvia Haumer, am BBW zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. Dafür profitierten die dann später von fertigen Gesellen, die gut ausgebildet und gereift sind, „wir bedienen den Markt“, ist Haumer überzeugt.

Wenn dann, nach drei Jahren und erfolgreicher Prüfung, der frisch gebackene Geselle sein Zeugnis überreicht bekommt, dann freut sich auch Fischer und ist ein bisschen stolz.

Wenn Fischers Schützlinge dann nach Jahren beim Tag der offenen Tür am Berufsbildungswerk vorbeischauen, von ihrem Leben berichten, erzählen, wie sie eine Aufgabe gefunden haben, die sie erfüllt, dann weiß er, dass sie mehr gelernt haben als Torten zu backen, nämlich, ein selbstgestimmtes, zufriedenes Leben führen zu können.

BBW in Zahlen

Größe: Das Berufsbildungswerk Abensberg ist 1978 in Betrieb gegangen. Rund 500 Jugendliche werden hier in rund 40 unterschiedlichen Berufen ausgebildet, besuchen, nach Bedarf, auch eine therapeutische Wohnstädte. Knapp 500 Menschen sind im BBW angestellt. In Bayern ist das BBW in Abensberg unter dem Dach der Katholischen Jugendfürsorge eines der größten und hat sich unter anderem auf Autismus-Spektrum-Störungen und auf gewisse Berufe spezialisiert.

Erfolg: Azubis, die bis zum Ausbildungsende durchhalten, bestehen zu einem sehr hohen Prozentsatz, zwischen 95 und 99 Prozent, ihre Prüfungen. Eine Untersuchung, die 2015 vom Institut der deutschen Wirtschaft durchgeführt wurde, zeigte, dass von 1500 Absolventen des BBW aus den vergangenen 30 Jahren noch 70 Prozent in der Arbeit sind.