Zu wenig Mut? Es gibt scharfe Kritik am Konzept für Radverkehr in Neumarkt

Viele Neumarkter fahren mit dem Fahrrad. Eine Befragung ergab 2022 einen überdurchschnittlichen Wert für eine Stadt der Größe Neumarkts. Trotzdem gibt es hartnäckige Kritik insbesondere an den Radwegen. Ein Radverkehrskonzept soll das ändern. Seit vier Jahren wird daran gearbeitet. Jetzt ist es auf der Zielgeraden. Doch es gibt Zweifel, dass es der große Wurf wird.
Dass das Radfahren in Neumarkt gefördert werden soll, darin sind sich alle an der Diskussion Beteiligten einig. Uneinig sind sie sich bei den Fragen: Auf welche Weise soll es geschehen? In welchem Umfang ist es praktisch überhaupt möglich? Und wie schnell?
Das wird aus den Reaktionen auf den Entwurf des Radverkehrskonzepts ersichtlich. Am Montag berät der Bau-, Planungs- und Umweltsenat darüber. Der Stadtrat soll in der folgenden Sitzung das Konzept beschließen. Die einen betonen, dass Pragmatismus nötig sei. Die anderen sehen darin ein überkommenes Festhalten am Vorrang des Autos. Zwischen diesen Polen gibt es viele Nuancen in der Diskussion.
Radverkehrskonzept in Neumarkt: Kosten in Höhe von 9,23 Millionen Euro
Für das Konzept haben sich die Planer des Büros PB Consult insbesondere die Verkehrsströme und das bestehende Radwegenetz angesehen. Herauskamen Haupt- und Nebenrouten, die in unterschiedlicher Stärke und Form ausgebaut bzw. gestaltet werden sollen.
Dabei gibt es laut Konzept einiges zu tun. Im Abgleich der Ziele und des aktuellen Zustands kamen die Experten zu dem Ergebnis: 65 Prozent der Routen erfüllen nicht die angedachte Qualität. Die häufigsten Mängel sind zu schmale Wege, fehlende Beleuchtung und, dass es überhaupt keine Infrastruktur für Radler gibt.
Das Konzept soll laut Planern eine Richtschnur sein, die Ziele und mögliche Maßnahmen festlegt. Aber: Es sei nicht starr und als unverrückbar zu verstehen. Das Konzept spricht davon, dass die Stadt in den kommenden rund 15 Jahren 9,23 Millionen Euro investiert, um die Ziele zu erreichen.
Allerdings bemängeln ADFC und manche Parteien im Stadtrat, dass das Konzept nicht aus ihrer Sicht neuralgische Punkte enthält und damit auch nicht deren Kosten. Ein Beispiel ist die Rittershofer Kreuzung. Die Planer sehen hierbei aber ein allgemeines Radverkehrskonzept als überfordert an. Sie empfehlen derartige Schwerpunkte gesondert anzugehen, da viele unterschiedliche Interessen und Zuständigkeiten unter einen Hut gebracht werden müssten. Das gilt auch für die Marktstraße, die seit jeher ein vielfach angesprochener Problemfall ist – nicht nur für Radfahrer.
ADFC und Grüne werfen Radverkehrskonzept in Neumarkt Mängel vor
Die schärfste Kritik am vorgelegten Konzept kommt vom ADFC und den Grünen. Was nicht verwundert, ist doch Grünen-Stadtrat Olaf Böttcher auch Vorsitzender des ADFC in Neumarkt. Das Konzept bleibe deutlich hinter den Möglichkeiten zurück, die Neumarkt für eine zukunftsfähige Verkehrsplanung hätte, heißt es von den Grünen. Das Konzept beachte nicht ausreichend bundesweite Empfehlungen und Richtlinien, beispielsweise bei den Radwegbreiten. „Es manifestiert bestehende Mängel und setzt keine klaren Impulse für eine echte Verkehrswende.“ Für die Grünen ist klar: Das Konzept muss grundlegend überarbeitet werden.
Das sagen weitere Parteien im Neumarkter Stadtrat zum Radverkehrskonzept
• CSU: Die CSU vertraut auf die Experten und erachtet es als wenig sachdienlich, jeden Punkt des Konzepts in Frage zu stellen. Dieses sei eine grobe Richtschnur, an die die Stadt sich aber nicht sklavisch halten müsse. Es gehe darum, das Radwegenetz besser zu machen. Maßnahmen müssten aber finanziell und praktisch umsetzbar sein.
• UPW: Die UPW drängt darauf, ins Machen zu kommen. Haupt- und Nebenrouten sollten klar priorisiert vorangetrieben werden. Es solle ein verbindlicher Zeitplan aufgestellt werden und ein Budget für die Maßnahmen im Haushalt verankert werden.
• SPD: Wie CSU und UPW hält sich die SPD mit ihrer Stellungnahme kurz. Generell merkt sie an, dass jeder noch so schöne Radweg wenig nutzt, wenn ihn Autos zuparken. „Es reicht nicht, Maßnahmen umzusetzen, man muss sie auch durchsetzen.“
ADFC und Grüne bemängeln vor allem, dass es im Konzept eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gebe. Es sage zwar, dass bevorzugt auf Fahrradstraßen, Radwege und getrennte Geh- und Radwege gesetzt werden sollte. In den Plänen der Hauptrouten sei das aber nur für zehn Prozent vorgesehen. Mindestens 50 Prozent der Hauptrouten sollten es jedoch nach Ansicht von Grünen und ADFC sein.
Nach Meinung der Planer ist aber genau das im Konzept erfüllt. Sie verweisen zudem auf den Ausgleich zwischen dem, was wünschenswert sei, und dem, was möglich sei. Wie der Radverkehr in ihren Plänen geführt werde, „richtet sich maßgeblich nach den zur Verfügung stehenden Breiten der bestehenden Straßen“. In der Mehrheit der Fälle habe man auf teure Umbauten verzichtet und stattdessen Lösungen gefunden, die sich in den Bestand integrieren lassen.
FDP will mehr praxisgerechte Lösungen für Radwege in Neumarkt
Am anderen Ende der Pragmatismus-Bandbreite ist die FDP. Sie glaubt, dass Neumarkter Radfahrer zu praxisgerechteren Ergebnissen gekommen wären als die Planer. Statt Straßen durch Radstreifen zu verengen, sollte herausgearbeitet werden, welche Straßen prioritär Autos und welche Radlern vorbehalten sein können. Zudem gebe es zahlreiche Wege, die Radfahrer aus praktischen Gründen unerlaubterweise schon jetzt nutzten und die man freigeben bzw. umbauen könnte – auch wenn dies möglicherweise nicht immer den Richtlinien entspreche.
Die verschiedenen Äußerungen zeigen einmal mehr: Der Radverkehr wird in Neumarkt auf absehbare Zeit ein heiß diskutiertes Thema bleiben.