„Kleinstadtnovelle“ erzählt eine queere Coming-of-Age Geschichte

Ausbrechen aus provinzieller Enge: 1980, mit 19 Jahren, schrieb Ronald M. Schernikau eines der ersten Werke, das offen Queerness thematisierte. In Regensburg wurde daraus ein kurzweiliges Stück, das auch heute Mut macht.
Ausbrechen aus provinzieller Enge: 1980, mit 19 Jahren, schrieb Ronald M. Schernikau eines der ersten Werke, das offen Queerness thematisierte. In Regensburg wurde daraus ein kurzweiliges Stück, das auch heute Mut macht.
Mitten in der Aufführung gibt es diese praktische Übung. Schauspieler Paul Wiesmann webt sie ein, als es darum geht, wie unerhört es ist, dass der Schüler b. eine Strass-Brosche trägt und einen Ring. „Tragen Sie eigentlich einen Ring?“, fragt Wiesmann ins Publikum. Und macht weiter: „Mal Hand hoch: Wer hat keinen Ring? Wer hat eine Halskette? Alle mit kurzen Haaren mal bitte aufstehen! Wer Linkshänder ist, bitte hinsetzen. Wer eine Zahnlücke hat, bitte aufstehen!“
Dem Publikum macht das bei der Premiere von „Kleinstadtnovelle“ am Samstagabend im Jungen Theater Regensburg Spaß, alle kichern vergnügt. Was sinnfrei erscheint, ist ein schlauer dramaturgischer Kniff: Man soll das, was da auf der Bühne Thema ist, nicht nur mit dem Kopf verstehen, sondern erfahren, mit dem ganzen Körper.
„bin weiblich, bin männlich“
„Kleinstadtnovelle“ bezieht sich auf das gleichnamige, 1980 erschienene Buch, das Ronald M. Schernikau mit 19 Jahren schrieb, duchgehend in Kleinbuchstaben. Geboren 1960 in der DDR, war seine Mutter mit ihm 1966 nach Lehrte bei Hannover geflohen. Mit „Kleinstadtnovelle“ schuf Schernikau „eines der ersten Werke der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, das offen queere Themen verhandelt“, heißt es im Programmheft. In seinem autobiographischen Werk schreibt er: „ich habe angst. bin weiblich, bin männlich, doppelt“. Dann wechselt vom „ich“ in die dritte Person und unterstreicht damit seine innere Zerissenheit. Seinen Protagonisten nennt Schernikau „b“.
Für Regensburg kürzte Gast-Regisseur Jan Preissler die Textvorlage um die stark zeitbezogenen Stellen. Er will ein Publikum ab 14 Jahren ansprechen. Preissler und Dramaturgin Twyla Zuschneid legen das Stück als Monolog an: Am Anfang blickt b. (Wiesmann) zurück auf seine Schulzeit: Er ist da auf dem Weg nach Berlin, um der Enge der Kleinstadt zu entfliehen: „Ich könnt‘ heulen, dass ich frei bin.“ Denn in der Schule hatte b. ein „Strafgericht“ erlebt, nachdem er mit seinem Mitschüler Leif eine Liebesbeziehung begonnen hatte. Leif, viel stärker in traditionellen Rollenbildern verhaftet als b., berichtete alles seinen Eltern. Danach arbeiteten „alle Kräfte der Kleinstadt“ gegen b. Im Theatersaal leuchtet ein riesiger Schriftzug auf: „Fagott“ – Schwuchtel. Der Schulleiter will b. loswerden - schließlich habe er Leif verführt. b., der sein Coming-Out hat, lernt seine Lektion: „Glück gibt‘s nicht gratis, Glück wird erkämpft, noch immer!“ Nur Mutter Lea hält zu ihm. Sie will nicht begreifen, warum die sexuelle Identität eines Schülers die Schule etwas angeht.
Der hochgewachsene Wiesmann spielt den im Stück 17-jährigen b. überzeugend: Gut gelaunt, mit federndem Gang ist er in ständiger Bewegung, schwingt auf der Schaukel quer durch den Raum, wechselt ständig sein Outfit. Den Lateinlehrer parodiert er mit peitschender Stimme. Gelungene szenische Einfälle bringen Abwechslung auf die Bühne: Mal sieht man b.s Silhouette beim Umkleiden hinterm Vorhang, mal zieht er seinen Lidstrich nach oder spricht er Auge in Auge mit einem lebensgroßen Kunststoff-Pudel. Und er singt hinreißend, auf einem drehbaren Podium stehend. Preissler ist auch Musiker, hat eigens ein Lied über Queerness aus David-Bowie-Songzitaten entwickelt und Brechts „Liebeslied aus einer schlechten Zeit“ als poppige Folk-Ballade vertont.
b. singt auch vom sterbenden Mann, der sich von toxischer Männlichkeit verabschiedet: „Nur noch einmal Eimersaufen, nur noch einmal generisches Maskulinum, nur noch einmal mit Markus im Heimatministerium.“ Dazu werden „männliche“ Statussymbole eingeblendet. Songs und Projektionen kommentieren gesellschaftliche Mentalitäten und fügen damit dem Text eine Ebene hinzu.
„Für alle Tunten“
Die Bühne gleicht einem Spielplatz. Der Schachbrett-Boden verweist auf die kleinbürgerliche Ordnung, die aber durchbrochen wird: Die Quadrate sind pink und lila – wichtige Farben im LGBTQI-Kontext.
Ein spannend inszenierter kurzweiliger Abend ist das. Doch warum sollten junge Menschen sich mit diesem 45 Jahre alten Konflikt befassen? Zumal wir als Gesellschaft im Vergleich zu 1980 weiter sind, was die Gleichstellung sexueller Identitäten angeht? Eine Antwort gibt der Grabstein im Bühnenbild. Auf ihm steht: „Für alle Tunten“: Er erinnert an all jene, die diese Rechte erkämpften – teils unter Einsatz von Leben und Freiheit – und auf deren Schultern wir alle stehen. Und dann ist da noch die eingangs erwähnte Übung. Sie zeigt einerseits, wie facettenreich Menschen sind. Aber auch, wie schnell sie willkürlich einen Stempel aufgedrückt bekommen. Am Ende gab es langen Applaus und Jubel.