Bestseller-Autorin Caroline Wahl liest im Theater Regensburg aus ihrem neuen Roman

Ein kometenhafter Aufstieg: Caroline Wahl schrieb in kurzer Zeit drei Erfolgsromane, einer wurde verfilmt. In ihrem neuen Buch „Die Assistentin“ arbeitet sich ihre Hauptfigur Charlotte an den Machtstrukturen eines Verlagshauses ab.
Die Kronleuchter des Neuhaussaals im Theater Regensburg tauchen das Publikum in festlich-schummriges Licht. Unten auf der Bühne steht ein cleaner weißer Sessel, daneben eine Cola Zero. Ein Bruch, der nur zu gut zu Caroline Wahl passt, nach der sich an diesem Abend alle Hälse recken. Die Buchhandlung Pustet hat die Bestseller-Autorin mit ihrem im August erschienenen dritten Roman „Die Assistentin“ erneut nach Regensburg eingeladen.
Ihre ersten Romane „22 Bahnen“, das in diesem Jahr unter der Regie von Mia Maariel Meyer verfilmt wurde, und „Windstärke 17“ sind klassische Coming-of-Age Geschichten. Mit Büchern, die nahbar, emotional und schnell zu lesen sind und einer ganzen Generation junger Erwachsener aus der Seele sprechen, schlug Wahl im deutschen Buchmarkt ein und mauserte sich zügig vom Publikumsliebling zur aufmüpfigen Erfolgsautorin.
Unaushaltbarer Zustand
In „Die Assistentin“ nimmt sich die 30-jährige nun einem Thema an, das sie schon lange umtreibt. Protagonistin Charlotte, die eigentlich Musikerin werden will, zieht auf Rat ihrer Eltern für einen Assistenzjob in einem renommierten Verlag nach München. Zunächst hoch motiviert und ehrgeizig, später desillusioniert und ohnmächtig, arbeitet sich Charlotte an den Machtstrukturen des Verlagshauses ab.
Mit „Die Assistentin“ präsentiert Wahl an diesem Abend einen Roman, der um sich selbst kreist. In endlosen stakkatoartigen Schleifen zieht der unverkennbare Ton der Autorin die Leser mit abwärts in die Spirale des Machtmissbrauchs, der sich Protagonistin Charlotte zunehmend ausgeliefert sieht. Am Anfang war es nur die Stadt, die sie hasste; die Wohnung, in der sie sich unwohl fühlte; die ulkigen Eigenheiten ihres neuen Chefs, die sie nicht ganz ernst nehmen wollte. Irgendwann aber steckt Charlotte irgendwo zwischen Panikattacke, Dauererreichbarkeit und der Sehnsucht nach Meer endgültig fest. Genau wie die endlosen Wiederholungen stellenweise an der Geduld des Lesers nagen, zehrt Charlottes Assistenzjob an ihr. Viele kleine Übergriffigkeiten summieren sich zu einem unaushaltbaren Zustand. Ein geregelter Feierabend oder mehrere Tage mit ihrem Date Bo – Typ sanftmütiger Bär und Handwerker – auf eine Hütte in den Bergen fahren, sind nicht drin.
Zwischen Charlottes Erlebnissen und Wahls eigenen Erfahrungen als Assistentin in einem Verlagshaus steht an manchen Stellen nur die Erzählerstimme, die sich mal skeptisch, mal allwissend, mal reflexiv aufdrängt und Distanz zwischen dem Echten und dem Fiktionalen schaffen soll. „Aber jetzt erstmal der Reihe nach“, schiebt die Stimme sich in einer Art metafiktionalem Kommentar an Charlottes personaler Erzählweise vorbei, „Allmählich Spannung aufbauen, ein bisschen mehr von Charlottes Innen- und Privatleben erzählen, ein paar Mitarbeiter vorstellen, das Haus errichten.“ Bei ihrer Lesung betont Wahl explizit, dass sie nicht autobiografisch schreiben wollte, sondern Charlottes Geschichte erzählen will. Wie sie das tut, verhandelt sie noch auf dem Papier mit dem Erzähler. Insgesamt eine stilistische Entscheidung, die aneckt, aber das Potenzial hat „Die Assistentin“ von vorhersehbaren Plotstrukturen zu befreien, die in den Vorgänger-Büchern noch zum Charme der Autorin gehörten, für Wahls dritten Roman jedoch zu platt daherkämen.
Sie ist am Boden geblieben
Interessanterweise ist es oft Wahl selbst, der unterstellt wird, sie kreise zu sehr um sich und ihren eigenen Erfolg. Offen gibt die Autorin in Interviews zu, wie gerne sie erfolgreich ist. Kritikern tritt sie damit zu arrogant auf, sie sei eigensinnig und lechze zu sehr nach der Anerkennung der Branche. Besonders für ihre Darstellung der Familiendynamik in ihrem Debütroman, in dem die Mathematikstudentin Tilda ein Leben mit einer alkoholkranken Mutter und einer ängstlichen kleinen Schwester zu jonglieren versucht, wurde die Autorin jüngst immer wieder kritisiert. Vorgehalten wird ihr dabei ihr eigenes behütetes Aufwachsen und, dass sie sich Alkoholismus und Armut unrechtmäßig zu eigen mache.
Von all dem ist an diesem Abend nichts zu sehen – außer den anhaltenden Preis-Ambitionen vielleicht. Wahl ist am Boden geblieben und ehrlich, scherzt mit dem Publikum, kichert über ihre eigenen Dialoge – „das ist so doof“, lacht sie an einer Stelle, „kein Wunder, dass ich dafür nicht den Buchpreis gewonnen habe“ – und nimmt sich im Anschluss endlos viel Zeit, um zahlreiche Exemplare von „22 Bahnen“, „Windstärke 17“, und natürlich „Die Assistentin“ zu signieren. Nicht einmal ein spontaner Feuerwehreinsatz, bei dem direkt hinter dem Signiertisch zwei Damen aus dem Aufzug befreit werden müssen, kann Wahls Aufmerksamkeit von ihrer sehr jungen und überwiegend weiblichen Leserschaft ablenken.