Nele Heaslip zeichnet Goethes „Faust“ als Comic - und interpretiert ihn dabei neu

Von Katharina Kellner · 25. November 2025 um 11:00

Zeichnerin Nele Heaslip studiert in Regensburg und setzt mit ihrer ausdrucksstarken Graphic Novel Goethes Faust in Szene. Ihre Zeichnungn verleihen den Figuren psychologische Tiefe. Heaslips eigenständige Interpretation des Klassikers liefert einen neuen Blick auf den Faust.

Video ansehen

Fast jeder kennt das Zitat vom „Pudels Kern“. Oder dieses: „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust!“ Diese und viele andere populäre Wendungen stammen aus dem wohl berühmtesten deutschen literarischen Werk, Johann Wolfgang von Goethes „Faust Eins“. Unzählige Theaterinszenierungen, Kompositionen, Bücher und Bilder beziehen sich auf den 1808 erstmals veröffentlichten „Faust“.

Für Nele Heaslip ist damit zu „Faust 1“ längst nicht alles gesagt. Die Zeichnerin aus Regensburg hat sich an Neuinterpretation gemacht: Ohne Computer, nur mit Tusche, Feder und Kopierpapier, schuf sie in den vergangenen rund sechs Jahren ein wahres Mammutwerk: Sie zeichnete den „Faust“ als Comic in schwarz-weiß – in drei Bänden auf 800 Seiten.

Das Böse in Menschengestalt

Goethes Text ließ sie im Original bestehen, kürzte nur an einigen Stellen. Den dritten und letzten Band hat sie jetzt fast fertig gezeichnet, wie Heaslip am Telefon sagt. Der erste, nun erschienene Band ist eine Wucht. Er endet mit der Episode in Auerbachs Keller, die Gretchen-Tragödie kommt erst in Band 2. Beim Blättern wird klar, warum sich die Zeichnerin für Schwarz-Weiß entschied (einzige Ausnahme ist ein Blutstropfen in Rot): Das passt zu ihrem psychologischen Ansatz. Sie zeichnet Faust die ganze Palette menschlicher Emotion in seine Züge: Mal ist er ernüchtert, mal verzweifelt, erstaunt, erfreut, ängstlich oder angewidert.

Ihre Geschichte siedelt Heaslip auf drei Zeitebenen an, die sich abwechseln: Mittelalter, Nationalsozialismus und Gegenwart. Ihr Band zeigt Frauen in Mittelalter-Tracht, Hakenkreuzbanner, ein modernes Uni-Gebäude, in dem Faust einen Computer auf dem Schreibtisch hat. Sie sagt: „Für mich ist der Faust als Figur ein Sinnbild für den Menschen selbst, weil er so viele Entwicklungen durchmacht und eigentlich jede Facette des menschlichen Daseins darstellt.“

Die Essenz der Faust-Geschichte, der Versuch, sich zu befreien von den Fesseln, die Tradition oder Religion vorgeben, das „Ausbrechen wollen und Weiterstreben wollen“, wie Heaslip sagt, ist für sie eine menschliche Konstante, die die Zeitalter übergreift. In dieser Hinsicht haben sich Mensch und Gesellschaft aus Heaslips Sicht nicht groß verändert in den vergangenen 200 Jahren. Das „immer mehr, immer schneller“, das der „Faust“ thematisiert, zeigt sich äußerlich eindrucksvoll in ihrer Darstellung eines zugepflasterten Planeten: Als Mephisto aus der Unterwelt herauffährt, blickt er auf Reaktoren, Raffinerien und raumgreifende Städte.

Der Teufel erscheint manchmal fast charmant

Auch inhaltlich drückt Heaslip dem Faust ihren Stempel auf: Er ist nicht wie bei Goethe ein gesellschaftlich hoch stehender Wissenschaftler. Bei ihr trägt er in einigen Bildern einen Judenstern am Revers. Indem sie ihn als Verfolgten zeigt, will sie ihre Lesart des Faust als eines Anti-Ideologen betonen: Für sie ist er ein selbstkritischer Zweifler und als solcher „ein sehr progressives Beispiel für die Art, wie man mit Ideologien umgeht“. Darauf brachte sie die Rezeptionsgeschichte: Da die Nazis Faust instrumentalisiert hatten, sei er nach 1945 „als Negativbeispiel eines Deutschen dargestellt“ worden, sagt sie. „Ich finde aber, in Faust steckt viel mehr, als ihn komplett negativ zu lesen.“

„Faust - Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfang von Goethe - Foto: Nicolas Armer/dpa

Wie kam Heaslip zur intensiven Beschäftigung mit einem Werk, über das die so viele in der Schule stöhnen? Sie sei über Mephisto zum Faust gekommen. Denn sie hatte Spaß daran, sich zu überlegen: Wie sieht eine Personifikation des Bösen in menschlicher Gestalt aus? Und: „Wie vermischt sich das banal-menschliche mit der Tatsache, dass die Figur etwas unglaublich Großes darstellt?“ Für sie ist „Mephisto eine fantastische Figur – extrem witzig, tragisch und ein bisschen unheimlich.“ Im Comic erscheint Mephisto teils frappierend menschlich, beinahe charmant. Nur Details erinnern an sein teuflisches Wesen: Ein schwarzes Dreieck unterm Auge, spitz zulaufende Ohren.

An anderer Stelle fährt Mephisto sein ganzes diabolisches Potenzial auf: Wenn er in Auerbachs Keller den Saufbrüdern erst Wein auftischt, um diesen dann mit eiskaltem Blick in ein Fegefeuer zu verwandeln, bringt Heaslip das so expressiv aufs Papier, dass die Bilder zu schwingen beginnen. Das liegt auch an ihrer Bildeinteilung, die sich nicht an gleichförmige Rechtecke hält, sondern – auf jeder Seite unterschiedlich – in beständiger Bewegung ist.

Wer sich also mit dem Reclam-Heft von „Faust“ allein gelassen fühlt, sollte es mit Heaslips Comic versuchen: Ihre Bilder bringen den Text in die Gegenwart. So springt bestimmt der Funke über.

Nele Heaslip: Die Zeichnerin ist 28 Jahre alt und wuchs in der Nähe von Regensburg auf. Sie studiert an der Uni Regensburg Anglistik. Ihre von der Universität veröffentlichte Illustration zu „The Tempest“ von Shakespeare habe ihr gezeigt, dass sie Graphic Novels zeichnen könne. Das Zeichnen hat sich die Tochter einer Kunstpädagogin autodidaktisch beigebracht und ihren ganz eigenen Stil entwickelt.

Buch: Johann Wolfgang von Goethe, Nele Heaslip: Faust. Der Tragödie erster Teil. Band 1. Jaja-Verlag Berlin 2025. 32 Euro. 284 Seiten. Band 2 der dreiteiligen Graphic Novel erscheint im März 2026, Band 3 im Oktober 2026.