Rokc pustete in Regensburg die Gehörgänge frei

Von Michael Scheiner · 24. November 2025 um 14:53

Das Publikum ist spärlich, hört aber mit spürbarer Lust diesem musikalischen Abenteuer zu. Alle anderen müssen sich begnügen mit dem neuen Album der Band.

„Es sitzen ganz viele im Saal und hören zu; man sieht sie nur nicht“, blickt Gitarrist Kalle Kalima, Finne aus Berlin, mit beschwörendem Humor über die leeren Stuhlreihen. Für regelmäßige Jazzclubbesucher ein ungewohnter Anblick: Die Konzerte im Leeren Beutel sind fast immer gut besucht, manchmal ausverkauft.

Das Rokc Quartett, besetzt mit zwei E-Gitarristen, spielt also vor nur einer Handvoll Besuchern. An der Musik kann das keineswegs gelegen haben. Die vier Instrumentalisten zählen alle in unterschiedlichen Besetzungen und Projekten zu herausragenden Vertretern des zeitgenössischen europäischen Jazz’. Der scheinbar falsch geschriebene Name verweist darauf, dass Ronny Graupe an der zweiten Gitarre, Schlagzeuger Oli Steidle sowie Kalima und der New Yorker Altsaxofonist Chris Pitsiokos in ihre Musik Rock und Hardcoreelemente einfließen lassen.

Laut? Ja, aber auch differenziert

In den komplexen Kompositionen hat viel an stilistischen Formen Platz. Der Sound, den die Vier mit brachialen Akkordgewittern, druckvollen Improvisationen, sanftem Gesäusel, breiten Unisonolinien und schrillem Überblasen kreieren, pustet auch ohne großes Einsortieren und Ordnen die Gehörgänge frei. Dabei geht es den Musikern gar nicht in erster Linie um Lautstärke, die hat auch ihren Auftritt, sondern um das Wie des Zusammenspiels. Das ist trotz der oft kraftstrotzenden und expressiven Energie differenzierter, als es ein erster Eindruck vermitteln mag.

Rokc spielt Musik zwischen Jazz, Rock und Hardcore. <?ZE?><?ZE?> - Foto: Michael Scheiner

Wenn Rokc gerade keine Unisonolinien spielen, die weit über das hinausgehen, was alte Rockhaudegen von Status Quo im Ohr haben, ergänzen sich die beiden kreativen Gitarristen ganz trefflich. Wuchtige Akkordflächen des einen kontert der andere mit schwebenden und filigranen Sounds. Da hinein schneidet Pitsiokos am Altsaxofon mal aggressiv gestoßene Spitzen, mal lässt er die Töne flattern oder er bläst eine schöne, ans Gemüt gehende Melodie. Steidle hält mit seinem am Puls orientierten offenen Spiel, das sich immer um das der anderen Bandmitglieder herumlegt, das packende musikalische Geschehen furios zusammen.

Lesen Sie mehr: Die Aids-Tanzgala: Gewaltiges Paket an Tanzkunst im Theater Regensburg

Obwohl der Gruppensound in seiner ganzen Komplexität und Energie dominiert, sticht hie und da ein solistischer Alleingang heraus, der zum obligatorischen Zwischenapplaus animiert. Einem Zuhörer ist diese spontane Form der Zustimmung deutlich zu wenig. Von Anfang an feuert er die Band mit lauten Zurufen und schrillen Pfiffen an, bis es einigen Leuten im Saal zu viel wird. Als er aufgefordert wird, sich zu mäßigen, pfeift er noch eifriger. Ein versteckter Hinweis von Kalima mit der Ansage der nächsten Nummer: „Someone Will Stop Him“ entfaltet zwar musikalisch, nicht aber sozial seine Wirkung. Erst als der Betrunkene vom Clubvorstand gebeten wird, Konzert und Saal zu verlassen, können die anderen Gäste aufatmen.

Das Publikum hört mit spürbarer Lust diesem musikalischen Abenteuer zu, das mehr Aufmerksamkeit und mehr Zuspruch verdient hätte. Eine rasant schnelle, punkig-ironische Zugabe ist für die begeisterten Menschen im Saal noch drin. Alle anderen müssen sich begnügen mit dem neuen Album von Rokc: „How to prioritize differently“, erschienen bei Unit Records.