Regensburg taucht ab in die Flut der Bilder

Von Peter Geiger · 21. November 2025 um 16:08

Die Macher bieten mit 44 Seiten Programm eine überbordende Vielzahl an Veranstaltungen. Die vierte Auflage kreist um das Thema Fake und Fakten.

Aus dem Defizit entsteht der Fortschritt! Auch die Geschichte des Internationalen Festivals fotografischer Bilder, das am Wochenende seine vierte Auflage erfährt, hat seine Ursprünge darin, dass jemandem etwas fehlte. Martin Rosner, der mit Andy Scholz fürs „Management“ zuständig ist, bringt es am Donnerstagabend im Leeren Beutel auf den Punkt: „Trotz seiner vielen Vorzüge war Regensburg bisher nicht für den Diskurs zum Thema zeitgenössische Fotografie und Fotokunst bekannt.“

Mit „bisher“ meint der umtriebige Fotograf, der auch als Unidozent tätig ist, die Jahre vor 2012. Da nämlich beendete er den Missstand und begründete ein Symposium, das unter dem aufsehenerregenden Titel „echt?jetzt!“ an den Start ging. Damit war der zentrale Grundstein für das seit 2017 stattfindende Festival gelegt.

Lesen Sie mehr: Durch den Advent mit den Domspatzen und Benjamin Appl

Ein weiterer entscheidender Satz, der bei der Eröffnung fällt, ist wohl der: „Wir fokussierten uns ganz auf die fotophilosophische Idee der Fotografie.“ Andy Scholz sagt das und er meint damit, dass das Festival vor allem ein Ort sein will, an dem Vorträge, Diskussionen und theoretische Abhandlungen aufzeigen sollen, was zeitgenössische fotografische Bilder beim Publikum auslösen. „Wie reflektieren wir fotografische Bilder? Und warum faszinieren sie uns?“

Der Leere Beutel in Regensburg wird geflutet mit Bildern. - Foto: Stefan Effenhauser

Das Festival 2025 steht unter dem Titel „Fact/Fake“. Bayerns Kunstminister Markus Blume betont in seinem Grußwort den Segen, der mit der „nie gekannten Bilderflut“ unserer Gegenwart einhergeht – weil dies „Spiegel unserer Lebensrealität“ sei. Im gleichen Atemzug aber weist er auf die Herausforderungen hin, vor die unsere freiheitlich-demokratischen Gesellschaften mit KI und Fake News gestellt sind.

Überbordendes Programm

Der Begriff Flut trifft ganz gewiss auch auf das Veranstaltungsprogramm selbst zu: Ist es doch mit seinen 44 Seiten für vier Tage so gehaltvoll und reich, dass man sich kaum imstande sieht, alles Gebotene auch wahrzunehmen und abzurufen. Auf dem Titelblatt ist eine Arbeit von Andrea Grützner zu sehen. Trifft man die Fotokünstlerin, 1984 in Pirna geboren, im ersten Stock des Leeren Beutel, dort also, wo die Ausstellung „Fact/Fake“ zu sehen ist, beginnt sie gleich munter zu erzählen. Die Effekte, die der Betrachter für digital erzeugt halten könnte, erzielt sie ganz einfach auf analoge Weise: Indem sie nämlich mit Kunststofffolien arbeitet. Die filtern nicht nur UV-Licht heraus, sondern erzeugen auch Spiegelungen und Reflexionen.

Lesen Sie mehr: Aus der Hölle von Mauthausen führt eine Spur nach Regensburg

Aber – so wird bald klar – es geht Andrea Grützner bei diesem ausgefuchsten Spiel mit Material und Technik vor allem darum, Verluste zu dokumentieren. Und zwar auf künstlerisch so eindrucksvolle Art, dass Arbeiten, die hier in Regensburg hängen, soeben auch auf der „Paris Foto“ zu sehen waren, im Grand Palais: Bei einem frühsommerlichen Aufenthalt im Gutspark Neukladow hatte Grützner ihr Objektiv auf vertrocknete Natur fokussiert. Sie wollte so darauf verweisen, dass Klimawandel und daraus folgende Wassernot auch Landstriche betreffen, die einst Havelwasser führten und eigentlich als ein „Arkadien“ vor den Toren Berlins gegründet wurden.

Im zweiten Stock öffnet sich in Gestalt des Fotobuch-Wohnzimmers ein Paradies ganz eigener Art. Auch muss um dessen Bestand deshalb nicht gebangt werden, weil es erst im Aufbau begriffen ist: Die Vergabe des Deutschen Fotobuchpreises hat sich seit 2023 als fester Festivalprogrammpunkt etabliert. Heute (Samstag, 19 Uhr) findet dieses gewiss wieder mehrstündige Spektakel statt. Die Bücher, die zuletzt prämiert wurden und in Stuttgart untergebracht waren, hat nun allesamt Bernhard Lübbers, der Direktor der Staatlichen Bibliothek, unter seine Obhut genommen und sie jetzt dem Leeren Beutel als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

„In Momenten blättern“

Man kann sich also für die nächsten Wochen (das Wohnzimmer wird, wie auch die Ostkreuz-Sonderausstellung, bis 1. Februar geöffnet sein) mal vornehmen, einen gemütlichen Nachmittag mit Fotobüchern zu verbringen. Man kann sich dabei von der anspruchsvollen Aufbereitung des Raums mit klugen Sinnsprüchen wie „In Bildern lesen“ oder „In Momenten blättern“ inspirieren lassen. Man kann in der Flut der Jahrgänge von Siegerbüchern versinken. Und über einen Satz philosophieren, der sich in einem Band über Alpenpässe findet, der für den Fotobuchpreis zur Auswahl steht. Der Satz geht so: „Wenn Du wissen willst, was ein Sieg wert ist: Schau Dir an, wer Zweiter geworden ist!“

Sieben Partner-Ausstellungen zu sehen

Martin Rosner und Andy Scholz begründeten 2017 das Internationale Festival Fotografischer Bilder, das auch die Vergabe des Deutschen Fotobuchpreises koordiniert. Zum 50. Geburtstag des Preises ist im Leeren Beutel ein Fotobuch-Wohnzimmer eingerichtet. Die Ausstellung „Fact/Fake“ ist bis 1. Februar in der Städtischen Galerie Leerer Beutel zu sehen. Fotokunst wird außerdem in sieben Partnerausstellungen in Regensburg gefeiert, etwa in der Galerie Lesmeister oder im DEZ. Alle Details unter: festival-fotografischer-bilder.de