Von Gerhard Polt bis Benjamin Appl: Im Bergson wurde der neue Kunstpreis gefeiert

Bayern zeichnete im Bergson in München neun höchst unterschiedliche Künstlerinnen und Kulturbeweger aus. Der Ehrenpreis ging an den „Giganten des Kabarett“.
Der neue Bayerische Kunstpreis erlebte am Dienstagabend im Bergson eine rauschende Premiere. Jazzrausch, die Hausband des Kunstkraftwerks in München-Aubing, spielte mitreißend und schräg und setzte den stimmigen Ton für die Ehrung von neun höchst unterschiedlichen Künstlern, Künstlerinnen und Kulturbewegern – ein Echo der Vielstimmigkeit der Szene. „Was uns heute begeistert, ist nicht nur das Talent, sondern der Mut, Neues zu wagen und Grenzen zu sprengen“, betonte der Gastgeber, Kunstminister Markus Blume.
Die Bandbreite der Preisträger reichte von Christoph Kürzeder, Direktor des Diözesanmuseums Freising, den Reinhard Kardinal Marx als Glücksfall feierte und als „burning person“, als Mann, der brennt, bis zu Performerin Polina Lapkovskaja, die als Frontfrau von Pollyester mit irrwitzigen Dada-Gesängen und mit Klängen zwischen Krautrock und Cosmic, Disco und New Wave Grenzen sprengt. Uff! Mehr Spagat haben selbst die Kessler-Zwillinge nicht geschafft.

Der Ehrenpreis des Ministerpräsidenten ging an Gerhard Polt. „Er ist eine Legende. Er hat mich und viele andere ein ganzes Leben lang begleitet. Er dechiffriert auf ganz humorvolle Weise Menschen und beschreibt die skurrilen Momente und Begegnungen des Lebens auf eine ganz eigene Art“, sagte Markus Söder, der ungewohnt befangen wirkte, vielleicht weil – wie er auch selbst im kleinen Kreis bekennt – die Kulturszene nicht sein Kernmetier ist. Dabei ist „der Polt kein politischer Mensch“, wie zwei Well-Brüder im eingespielten Clip festhielten. „Der beschreibt ned, wenn Söder eine Wurst isst, sondern eher den Koch, den Menschen in der Küche.“ Der geehrte „Gigant des Kabaretts“ nahm den Preis erfreut bis stoisch entgegen. Ob er auch über sich selbst lacht? „Ja, aber manchmal gar nicht so laut. Ich lach’ halt dann mehr gedehnt. So lustig find’ ich mich selbst gar nicht.“
„Nicht bei Kunst sparen“
Viel Beifall erhielt Söder für die Versicherung: „Die Freiheit der Kunst und Kultur ist wesentlicher Bestandteil unserer demokratischen Freiheit. Bayern wird daher auch künftig nicht bei Kunst und Kultur sparen.“ Blume bekräftigte: „Dieser Preis ist ein Versprechen: Kunst ist eine unverzichtbare Stimme unserer pluralen Gesellschaft.“
Der Kunstpreis ist je Kategorie mit 10 000 Euro dotiert, dazu gibt es eine Zerbinetta-Figur aus feinem Nymphenburger Porzellan. In der Sparte Stimme ging sie an Benjamin Appl. Der Regensburger, der in London lebt, falls er nicht gerade zu Auftritten reist, gilt als Stern am Himmel des Kunstlieds. „Als Sänger wird man süchtig nach dieser Musik.“ Er freue sich über die Ehrung in einem Genre, das die leisen Töne und die Innerlichkeit feiert, „gerade in einer Welt, die oft so laut ist“. „Wir sind uns oft nicht bewusst, dass das Kunstlied eine unserer größten Erfindungen ist im deutschsprachigen Raum, um die uns andere Länder beneiden“, so Appl.
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Den Preis überreichte ihm Schauspieler Harald Krassnitzer. Beide kennen sich lange, wie Kulturzeit-Moderatorin Vivian Perkovic sagte. Sie haben ein Projekt über existenzielle Kälte gestaltet, mit Liedern der „Winterreise“ und Texten einer historischen Polarexpedition. Für Benjamin Appl schloss sich im Bergson ein Kreis: In Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ singt er den Harlekin, der über Stunden der Zerbinetta nachjagt. „Es scheint“, sagte er, „als ob ich sie heute auf Dauer bekomme.“ Am Mittwoch ging’s für ihn schon weiter nach Hamburg, zur Elbphilharmonie. Zu Jahresende ist er dann mit den Domspatzen, bei denen er seine prägenden Jahre erlebt hat, auf Konzerttour.

Stefanie Baumann und Alexander Timtschenko sind de guten Geister von Burg Ranfels im Bayerischen Wald. Die Enthusiasten machten aus der Burg eine viel frequentierte Adresse für Konzerte, Ausstellungen und Lesungen. Das war am Dienstag einen Kunstpreis als Besonderer Ort wert. Als außergewöhnliche, innovative Location wurde das Bergson selbst ausgezeichnet, ein privat finanzierter Kultur-Hotspot und laut Jury „visionäres Gesamtkunstwerk“. Roman Sladek, Geschäftsführer und Bandleader von Jazzrausch, schwärmte von „einem der schönsten Jobs, die man haben kann“.
Zerbinettas gingen außerdem an Schriftstellerin Tanja Kinkel, an das Haus der Kunst für das Projekt „Inside Other Spaces“ und ans Kinder- und Jugendtheater „Pfütze“ Nürnberg: Viele Gäste von früher kommen heute mit den eigenen Enkeln. Was diese Anziehungskraft ausmacht, formulierten Jakob Jokisch und Elisa Merkens so: „Wir behandeln Kinder nicht als Publikum von morgen, sondern als Zuschauer von heute.“