Mit Benjamin Appl auf Winterreise: Erst in der Schweiz, jetzt in der Heimat

Er gibt dem deutschen Kunstlied einen Frische-Kick. Die BBC verfilmte mit dem Bariton Schuberts Winterreise spektakulär auf einem Schweizer Pass. Nun gastiert der Ex-Domspatz in der Oberpfalz.
Benjamin Appl steht auf dem Julierpass in Graubünden, in 2284 Metern Höhe. Der Himmel schüttelt dicke Flocken aus, es ist bitterkalt. „Weht der Schnee mir ins Gesicht...“ singt Benjamin Appl aus Franz Schuberts „Winterreise“ und so wie die weißen Tupfer auf seinem Haar schmelzen, so verschmelzen Wort und Musik, Seele und Stimme, Kunst und Natur.
Schubert, der Biedermeier-Komponist, ist plötzlich in zeitlose Frische getränkt. Ein sehr reflektierter und warmherziger 40-Jähriger, optisch eine Art Justin Bieber ohne Tattoos oder Brad Pitt in seiner frühen, skandalfreien Zeit, singt in der herrlichen Schweizer Bergwelt von „Feinsliebchen“ und von „Tränen, die der Brust entspringen“, ganz so, als würden die Lieder dringend und unmittelbar genau jetzt, genau uns gelten.
Im Schneesturm und bei minus 16 Grad
Der Film ist ein Ereignis, einen Geniestreich nennt ihn „Die Welt“, und die Fans schicken sich Files für nicht frei zugängliche Sequenzen untereinander zu wie illegale Drogenpäckchen. Schubert und sein Meisterwerk werden auf einmal ein must-have, auch bei Nicht-Schubertianern.
Man muss über Benjamin Appl – Bariton, Regensburger, Ex-Domspatz, seit 2010 in London lebend – nicht viel wissen, um zu ermessen, wie sehr er die Rezeption des Kunstlieds kickt. Man muss sich nur den Film vor Augen halten: Da lässt die BBC also unter maximalem Aufwand die „Winterreise“ vom preisgekrönten Dok-Filmer John Bridcut inszenieren, einen Flügel auf den Berg schleppen, elf Tage lang drehen, live, auch draußen, auch bei Schneesturm und minus 16 Grad, um am Ende 90 kostbare Minuten Sendezeit dem deutschen Lied und einem deutschen Sänger zu widmen.
Eine Grenzerfahrung
Benjamin Appl ist der Stern unter den Liedsängern seiner Generation. Er wurde – nur ein Beispiel – zum „Echo Rising Star“ gekürt und die „Times“ nennt seine Kunst „unerträglich bewegend“. Jetzt kommt der Künstler, der die großen Häuser füllt, in die Oberpfalz. Zuvor gastiert er in Mailand, danach in Brüssel, Liverpool, Barcelona. Warum singt er, für vermutlich kleine Gage, im Aurelium Lappersdorf, im Konzerthaus Blaibach? „Weil’s meine Heimat ist“, sagt er der Mediengruppe Bayern. „Ich bin froh über jede Begegnung mit Familie und Freunden. Und viele Menschen hier haben mich lange nicht gehört.“
Die Appls sind eine musikalische Familie: die Mutter, der Großvater, mit dem der Enkel oft den „Lindenbaum“ aus der Winterreise gesungen hat, ein Bruder, der eine schöne Bassstimme besitzt. Als Zehnjähriger ging Benjamin Appl zu den Domspatzen, ungern zuerst und nur aus praktischen Gründen, weil auch die Brüder dort Schüler waren. Aber die Musik ließ nicht los, trotz der Lehre als Bankkaufmann und trotz des Diploms als Betriebswirt.
Der letzte Schüler von Fischer-Dieskau
„Ich habe in der Bank etwas vermisst, was mir fehlte“, sagt er: „Die Reflexion. Die Chance, sich selbst besser kennen zu lernen und sich zu entwickeln. Eine Aufgabe, bei der man nicht nur etwas abliefert, sondern etwas schafft. Deshalb bin ich auch überzeugt, ich habe den schönsten Beruf der Welt.“
Die Haltung – schaffen, nicht bloß liefern – bewunderte er an Dietrich Fischer-Dieskau, so beschrieb er es in einem Interview. Appl war der letzte Schüler des legendären Sängers, der ihn prägte und bei dem er bis zu dessen Tod 2012 studierte.
Die „Winterreise“ auf dem Julierpass führte das Team an den Rand der Kräfte. „Eine Grenzerfahrung“, sagt Appl im Rückblick. „Aber das passt ja zu Schubert.“ Der Komponist schrieb seinen Zyklus 1827, ein Jahr vor seinem Tod mit gerade mal 31. Fremd und ungeborgen irrt sein Wanderer durch die Welt und kippelt ständig zwischen Dur und Moll, höchstem Glück und Untröstlichkeit.
Nichts wird ausgeblendet
Benjamin Appl singt die 200 Jahre alten Lieder völlig ungekünstelt, warm, innig, textklar und technisch souverän. Er sagt: „Wir sprechen diese Art Sprache nicht mehr, aber diese Emotionen kennen wir alle.“ Einsamkeit zum Beispiel. Benjamin Appl ist auf Konzertreisen viel allein. „Wenn man nach dem Auftritt die Tür des Hotelzimmers schließt, ist das eine Art freier Fall.“
Schubert trifft das Gefühl einer Zeit, in der Flüchtlinge von Land zu Land ziehen, in der Menschen wegen eines Virus’ Angst vor Kontakt haben. Wohin führt der Weg? Die Fragen, die sich der Winterwanderer stellt, reflektiert Appl selbst. „Ich habe lange versucht, diese Dinge im Konzert auszublenden. Heute nehme ich das alles in die Musik und die Worte hinein, und gehe jedes Mal ganz persönlich auf die Reise.“ Das ist es wohl, warum einen sein Schubert so packt.
Die Konzerte
Programm:Benjamin Appl führt mit James Baillieu am Klavier – der Pianist hatte ihn auch auf dem Julierpass begleitet – die „Winterreise“ von Franz Schubert auf.
Termine:Appl und Baillieu gastieren bei zwei Veranstaltern, die ebenfalls Ex-Domspatzen sind: am 3. Februar (19 Uhr) im Konzerthaus Blaibach (kulturgranit.de) bei Thomas Bauer und am 5. Februar (17 Uhr) im Aurelium Lappersdorf bei Klaus Wenk. Der Leiter des Kulturhauses führt vorab (16.15 Uhr) ein Künstlergespräch.

