Fast-Fashion-Gesetz gefordert: Wegwerf-Mode überschwemmt Neupfarrplatz in Regensburg

Mit laszivem Augenaufschlag, Mund leicht geöffnet, Kopf schräg gelegt, blickt das Model von ihrem Plakat auf den Regensburger Neupfarrplatz hinab – an ihrem Körper trägt sie Lumpen. Mit dieser aufsehenerregenden Installation hat Greenpeace am Samstagnachmittag Unterschriften für ein Gesetz gegen Fast Fashion, also Mode zu billigsten Preisen, gesammelt.
Ein trauriges Lied von der Klamottenflut können auch karitative Altkleidersammler singen. „Es ist absolut unbestritten, dass die Billigkleidung allen weh tut, beginnend bei der Umwelt bis zu den Verwertern“, sagt Kolping-Diözesansekretär Markus Neft.
Junge Passanten fühlen sich ertappt
„Je größer der Anteil von Fast Fashion ist, desto weniger rentiert sich das Verwerten“, bekräftigt Stefanie Bernhard von der Regensburger Greenpeace-Gruppe zu Füßen der Installation. Im regen Trubel der samstäglichen Altstadt halten viele Passanten am Kleiderberg, informieren sich, kommen in Austausch mit den Aktivisten. Gerade ältere Bürger teilen die nachhaltigen Ansichten.
„Die Jüngeren fühlen sich eher ertappt“, erzählt Bernhard. Schließlich sind sie auch die Zielgruppe der Fast-Fashion-Marken, die mit billigsten Preisen und attraktivem Marketing in den Sozialen Medien locken. „Wir stehen hier nicht mit erhobenem Zeigefinger“, sagt Bernhard. Sie kann die Verlockung der Wegwerf-Mode nachvollziehen. Mit Appellen an individuelle Verhaltensänderungen komme man gegen die Flut an Mode-Müll nicht an. „Wir müssen auf die staatliche Ebene kommen.“
Preis soll Kosten abbilden
Greenpeace fordert ein Fast-Fashion-Gesetz nach französischem Vorbild. Dort wird bereits seit Sommer staatlich gegen Billigstmode aus Fernost vorgegangen. Drei Hebel nennt Bernhard, um Anreize zu geben, das Konsumverhalten zu ändern: zum einen ein Werbeverbot für Fast Fashion, auch in Sozialen Medien, zum anderen eine steuerliche Abgabe. So soll der Preis für Kleidung erhöht werden, um die wahren Kosten für Mensch und Umwelt abzubilden. Des Weiteren sollen nachhaltige Alternativen, wie Secondhand-Läden und Reparatur-Cafés, gefördert werden.
Kleidertauschparty als Positiv-Beispiel
Im W1 findet etwa am 27. November von 18 bis 21 Uhr eine Kleidertauschparty statt, gibt Bernhard ein Beispiel für nachhaltige Nutzung von Kleidung – wenn sie denn von entsprechend hoher Qualität und Langlebigkeit ist und nicht nach ein paar Mal Tragen im Müll landet.
Oder im Altkleidercontainer, wie Markus Neft berichtet. In den vergangenen Wochen waren Unterstützer der Kolpingfamilien bei Straßensammlungen unterwegs. Hierbei sei die Qualität der abgegebenen Kleidung besser als bei der Containersammlung. Doch Neft konstatiert: „Insgesamt ist der Kleidermarkt katastrophal.“ Schon im Frühjahr schlugen karitative Organisationen wie Kolping, Malteser und das Bayerische Rote Kreuz Alarm, dass bei der minderwertigen Altkleiderqualität das Sammel-System vor dem Kollaps stehe.
Den Regensburger Bundestagsabgeordneten sind die Probleme mit der Billigmode-Industrie nicht neu. „Wir arbeiten in Berlin derzeit an Eckpunkten für ein Textil-Gesetz“, sagt Carolin Wagner (SPD). In den Koalitionsvertrag sei die erweiterte Herstellerverantwortung aufgenommen worden, die Sammlung und Verwertung von Alttextilien abdecken soll.
Abgeordnete wollen Wende
Allerdings sei beim Thema die Zusammenarbeit in der EU entscheidend, was Marktzugang, digitale Kontrolle oder Plattformhaftung anbelangt. Daher treibt Wagner etwa die Abstimmung im Europaparlament vergangene Woche um, bei der „die von Manfred Weber geführte EVP mit Rechtspopulisten und Extremen das Lieferkettengesetz weitgehend ausgehöhlt hat“. Dabei betont Peter Aumer (CSU), wie wichtig „mehr Transparenz in der Lieferkette“ sei, um „extrem günstiger Importe aus Fernost“ Herr zu werden. Er nennt als Gegenmaßnahmen etwa Initiativen wie das staatliche Textilsiegel Grüner Knopf, das die Einhaltung sozialer und ökologischer Mindeststandards anzeige. Dieses Siegel sollte für alle relevanten Produktionsschritte weiterentwickelt werden. Allerdings liege die Verantwortung nicht allein bei Politik und Unternehmen, sondern auch bei jedem Einzelnen.
Problem geht weit über Mode hinaus
Stefan Schmidt (Grüne) nennt Fast Fashion den „Inbegriff für Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung“. Die geforderte Gesetzesänderung könne einen Beitrag leisten, geht ihm aber für „echte Kreislaufwirtschaft“ nicht weit genug. Nicht nur in Sachen Mode, sondern in allen Konsumbereichen müsse man raus aus der Wegwerfgesellschaft. „Das ist nur möglich, wenn ausschließlich Materialien genutzt werden, die gut getrennt werden können, und klar ist, welche Stoffe verarbeitet sind“, sagt Schmidt und regt einen digitalen Produktpass an. Zudem müsse bei Konsumenten ein Bewusstsein entwickelt werden für die Problematik kurzlebiger Konsumware, wie es Greenpeace nun getan hat. In vier Stunden haben die Regensburger Aktivisten am Neupfarrplatz zudem über 100 Unterschriften für die bundesweite Gesetzesforderung gesammelt.
Mode oder Müll?
• Jede Person in der EU kauft laut Greenpeace im Schnitt 19 Kilogramm Textilien im Jahr.
• In Deutschland werden jährlich schätzungsweise 1,6 bis zwei Millionen Tonnen Kleidung entsorgt.
• Mehr als zwei Drittel der weltweit eingesetzten Fasern sind verarbeitetes Plastik.
Umfrage: Sollte es ein Gesetz gegen Wegwerf-Mode (Fast-Fashion) geben, wie von Greenpeace in Regensburg gefordert?
Ja, ein starkes Fast-Fashion-Gesetz ist dringend nötig.
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Ein Gesetz könnte helfen, sollte aber nicht zu streng sein.
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Nein, die Leute können kaufen, was sie wollen.
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Ich habe dazu keine Meinung.
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