90 Millionen Euro pro Jahr: Explodierende Sozialkosten fordern die Stadt Regensburg

Von Marion Koller · 12. November 2025 um 09:00

Mehr hilfsbedürftige Jugendliche und mehr Leistungsbezieher – Viele Rentnerinnen darunter. Jugendhilfe und Sozialhilfe verschlingen in Regensburg doppelt so viel Geld als noch vor zehn Jahren.

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Die finanzielle Lage der Stadt spitzt sich zu. In einem Brandbrief hat Kämmerer und Wirtschaftsreferent Prof. Georg Stephan Barfuß Ende Oktober Alarm geschlagen. Einer der Hauptgründe ist eine Kostenexplosion bei der Sozial- und der Jugendhilfe, die inzwischen rund 90 Millionen Euro im Jahr verschlingen – doppelt so viel wie 2015. Woran das liegt, zeigen einige Entwicklungen.

Josef Parstorfer leitet das Sozialpädagogische Zentrum St. Leonhard in der Altstadt, eines von mehreren Regensburger Heimen für Kinder und Jugendliche. Sie kommen meistens aus schwierigen Verhältnissen, aus Familien, die mit der Erziehung überfordert sind, weil die Eltern selbst Gewalt erfahren haben oder psychisch krank sind. Das Haus ist voll. Laufend fragt das Jugendamt an, ob weitere Kinder untergebracht werden können. „Der Platzmangel ist schlimm“, bedauert Parstorfer.

Heime wie St. Leonhard bieten Sport im Freien, um die Kinder von Social Media fernzuhalten. - Foto: Parstorfer, Zentrum St. Leonhard

Schnelle Aufnahmen nötig

Die Dringlichkeit von schnellen Aufnahmen habe in ganz Regensburg zugenommen. Alle Einrichtungen stehen unter Druck.

2015 kam es zu 263 Kindswohlgefährdungen in der Stadt, 2023 waren es 365. 2014 hat das Jugendamt 155 Inobhutnahmen angeordnet, das heißt, so viele Kinder sind in Heime gebracht worden – vorläufig oder für längere Zeit. 2022 waren es 280 und im Jahr der Flüchtlingswelle 2015, als viele Minderjährige ohne Eltern kamen, sogar 582. Das Jugendamt sucht vor Ort einen Platz, muss sich aber oft auch bundesweit umsehen.

Es sind nicht nur mehr Kinder, die Unterbringung dauert auch länger. Das verursacht höhere Kosten. Josef Parstorfer weiß, warum mehr Kinder die Sicherheit der Einrichtung brauchen: Seit der Corona-Zeit helfe bei vielen nur eine sehr individuelle Förderung. Mehr junge Leute brauchen eine Psychotherapie, leiden an Bindungsstörungen, weil eine verlässliche Bezugsperson fehlte, oder besitzen zu wenig soziale Kompetenzen. Die ausufernde Social-Media-Nutzung hat Folgen. „Die glauben alles, was auf TikTok auftaucht“, erlebt Josef Parstorfer. „Die Realität des Alltags gegenüberzustellen, wird immer schwieriger. Die sagen, sie werden YouTuber.“

„Die sagen, sie werden YouTuber“: Josef Parstorfer leitet das Sozialpädagogische Zentrum St. Leonhard und muss die Jugendlichen aus dem Heim oft in die Realität zurückholen. - Foto: Koller

Stadtsprecherin Juliane von Roenne-Styra bestätigt, dass die Jugendhilfe kostspieliger werde, weil der Bedarf steigt und komplexer wird mit mehr Kinderschutzfällen, psychischen Belastungen und unbegleiteten Minderjährigen. Löhne, Energie und Sachkosten sind deutlich gestiegen. Der Fachkräftemangel treibt die Preise. Und viele Familien können die Kitabeiträge nicht mehr ohne Zuschuss stemmen.

Die Sozialhilfe-Ausgaben legen ebenfalls zu. Dazu zählt etwa die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Vorstandschefin Martina Groh-Schad von den Sozialen Initiativen erfährt bei den Sofa-Treffs in den Stadtteilen vor allem, wie es Rentnerinnen mit kleinem Geldbeutel geht. 75 kommen regelmäßig. Bei den Rengschburger Herzen sind es Hunderte. „Wer Grundsicherung bezieht, hat eine Mindestversorgung“, sagt die 49-Jährige. „Die können sich keine Weihnachtssachen kaufen. Die kommen zum Frühstück, damit sie etwas Vernünftiges zum Essen kriegen.“ Wenn Wurst übrigbleibe, werde darum gerangelt. Die Rentnerinnen bitten Groh-Schad, ob sie Weihnachtsschokolade auftreiben kann. Im „Kaufhaus für Erwachsene“ in der Guerickestraße steht ein Schrank mit Essen, den Foodsharing Regensburg laufend füllt. „Viele versuchen, über diese Fairteilerschränke ihre Lebensmittelkosten zu senken“, sagt Groh-Schad. Etwa 1900 Regensburger beziehen Grundsicherung im Alter.

Rund 7150 leben vom Bürgergeld, darunter Kinder und Menschen, die nicht arbeiten können, aber auch 5500 Erwerbsfähige – 3000 davon ohne deutschen Pass. „Wir haben durch die Zuwanderung von Asylbewerbern und Ukrainern mehr Leute, die Gelder beantragen“, sagt die Chefin der Sozialen Initiativen.

Höchstens ein Bier

Sie wird mit Schicksalen wie dem von Markus Riedmann konfrontiert. Ohne Sozialleistungen kommt er nicht über die Runden, weil er wegen einer schweren Psychose nicht mehr als Pflegeassistent arbeiten kann. Der 46-Jährige ist in Regensburg aufgewachsen. Er besitzt die indische und deutsche Staatsangehörigkeit. Seine Erwerbsminderungsrente beträgt 800 Euro, doch allein die Miete verschlingt mit Nebenkosten 550 Euro. Mit Wohngeld, Energieförderung und dem Verkauf der Obdachlosen-Zeitung Donaustrudl hält sich Riedmann gerade so über Wasser. „Ich bleibe immer bei einem Bier“, sagt er. „Und kann nicht einfach spontan sagen, ich gehe ins Kino.“

Markus Riedmann kann wegen einer Psychose nicht mehr arbeiten und ist deshalb auf eine Erwerbsminderungsrente angewiesen. - Foto: Riedmann

Die Ausgabenentwicklung beim Sozialamt seit 2015 hängt laut Juliane von Roenne-Styra auch von bundespolitischen Entscheidungen ab. Die Sozialleistungen werden ständig angepasst. „Die Fallzahlensteigerungen durch die Zuwanderung ab 2015 und den Ukrainekrieg fallen ebenso ins Gewicht wie die höheren Regelsätze.“

Martina Groh-Schad sagt, zwar seien die Sozialleistungen gestiegen, zugleich aber auch alle Kosten, vom Essen bis zum Bus. Doch durch einen zu geringen Abstand zwischen Bürgergeld und Mindestlohn könne gesellschaftlicher Sprengstoff entstehen.

Einen Teil der Sozialleistungen erstatten Freistaat und Bund. Regensburg muss aber die Summe zunächst aufbringen. Gewachsen ist wegen neuer Aufgaben auch das Personal im Sozialamt: von 39 Vollzeitstellen (2015) auf 78 (2025).

Beinahe 90 Millionen Euro

Ausgaben: Die Aufwendungen der Sozial- und der Jugendhilfe liegen 2025 voraussichtlich bei mehr als 89 Millionen Euro.

Einzelbereiche: Etwa 44 Millionen Euro kosten Sozialhilfeleistungen – darunter die klassische Sozialhilfe mit sieben Millionen, die Grundsicherung mit 23 Millionen und Asylbewerberleistungen mit 12 Millionen Euro. Circa 45 Millionen Euro Fließen in Jugendhilfeleistungen, darunter Hilfen zur Erziehung (auch im Heim) mit 22 Millionen Euro, Eingliederungshilfen mit 16 Millionen, Hilfen für junge Volljährige mit vier Millionen und Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche mit 3 Millionen Euro.

Bei der Jugendhilfe kommt hinzu, dass die hier anfallenden Kostensteigerungen ohne nennenswerte Kompensationsleistungen seitens Bund oder Land einhergehen und somit den Haushalt der Stadt Regensburg stark belasten.