Der amerikanische Traum ist längst geplatzt

Das Theater Regensburg zeigt eine packende Inszenierung von Arthur Millers modernem Klassiker.
Sie habe noch jahrelang unter der deprimierenden Stimmung von „Tod eines Handlungsreisenden“ gelitten, erzählte eine Freundin, nachdem sie vor Jahrzehnten eine Produktion des Dramas gesehen hatte. Ob sie der Inszenierung von Christoph Diem etwas abgewinnen könnte, die am Samstagabend im Theater am Haidplatz eine lebhaft beklatschte Premiere erlebte, ist noch offen.
Der 55-jährige Regisseur verlegte den Fokus weg vom kapitalistischen System – auf das, was sich im Zuhause von Willy Loman abspielt. Wie verläuft der sich beschleunigende Verfall der Familie bei den Beteiligten? Bei der Ehefrau Linda (Natascha Weigang) und den beiden so unterschiedlichen Söhnen Biff (Jonas Julian Niemann) und Happy (Gabriel Kähler)? Und: Hätte diese Zersetzung zu irgendeinem Zeitpunkt durch eines der Familienmitglieder, durch den wohlmeinenden Nachbarn Charlie oder den asozialen Vorgesetzten Howard Wagner (beide: Guido Wachter) aufgehalten werden können?
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Eine einfache Antwort auf die letzte Frage würde auf den Vorgesetzten zielen. Chef Howard Wagner hätte den unrentabel gewordenen Mitarbeiter Willy – mit einer großen Portion aus Wut, Verzweiflung und Selbsttäuschung von Thomas Mehldorn gespielt – in den Innendienst versetzen können. Dann wäre zwar der ökonomische Niedergang aufgehalten worden, kaum aber die innere Zerrüttung dieser Zelle kleinbürgerlicher Träume und Selbstbetrügereien. Denn die Gründe für die Katastrophe sind schon früher entstanden, liegen zumindest teilweise in der Familie selbst. Da ist einmal die Gnadenlosigkeit eines marktradikalen Systems, dazu kommen unrealistisch hohe Erwartungen an die erfolglos gebliebenen Söhne, eine allzu loyale Ehefrau – und Lügen, um persönliche Fehltritte und Misserfolge zu verschleiern.
Der Ehrlichste unter den Beteiligten ist der vorbestrafte, kleinkriminelle Sohn Biff, ein früheres Sportass. Zwar lässt auch er sich vom Bruder und vom Vater mitreißen, auch er entwickelt wirklichkeitsferne Luftblasen von Großtaten. Zugleich findet Biff aber klare Worte, mit denen er seine eigenes verhunztes Leben und das der anderen analytisch seziert. Auch die Mutter, Ehefrau Linda, rechnet mit den Söhnen ab, während sie das zunehmende Abdriften und die Fehlhandlungen ihres Mannes im Alltag, im Straßenverkehr und beim Umgang mit anderen kleinredet und entschuldigt.
Reduziertes Bühnenbild
Das Setting, in dem Regisseur Diem das nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika angesiedelte Drama spielen lässt, entspricht seiner Intention. Ein auf Fadenvorhänge und Lichtkammern im Boden reduziertes Bühnenbild (Ausstattung: Kristopher Kempf) lenkt die Konzentration auf die Darsteller, auf die inneren Monologe von Willy und seine Traumdialoge mit seinem verstorbenen Bruder Ben (in einer Doppelrolle von Gabriel Kähler gespielt), die als Projektion auf den Vorhängen auftauchen.
Close-Ups und Verdoppelungen von Auftritten vor und hinter den Vorhängen mittels Camcorder bilden ein tragendes Element der zeitlich wie räumlich diffus gehaltenen, packenden Inszenierung. Das gibt der kargen Bühne den Anschein von verschiedenen Räumen im Eigenheim der Lomans, für das noch die letzte Rate fällig ist. Linda möchte die Restsumme mit Willys Lohn aus seinen Provisionen als Handelsvertreter begleichen, kommt aber nicht mehr dazu. Beim verzweifelten Versuch, von Howard eine andere Stelle im Unternehmen zu bekommen, wird Willy gefeuert und steht plötzlich völlig ohne Einkommen da.
Eine komische Note bekommt die Tragödie um den abgekämpften Vertreter, der sich am längst geplatzten amerikanischen Traum festklammert, wenn er in der vorletzten Szene auf Zehenspitzen von der Bühne tänzelt. Dröhnendes Zuggeratter walzt alle Illusionen unbarmherzig nieder. Wie schäbig der Mythos vom amerikanischen Traum ist, offenbart sich bei der Beerdigung, die vom Lärm vorbeirauschender Fahrzeuge begleitet wird und zu der fast keiner von Willys Weggefährten kommt.
Parallelen zur Gegenwart
Auch wenn an Stellen wie der Höhe des wöchentlichen Einkommens ablesbar ist, dass das Stück einer anderen Zeit entstammt, finden sich durchaus Parallelen in der Gegenwart. Im sogenannten Shutdown in der USA müssen – auch wenn sich am gestrigen Montag eine Lösung abzeichnete – gerade Hunderttausende von amerikanischen Staatsbediensteten ohne Gehalt über die Runden kommen.
Sixpack am Haidplatz
„Tod eines Handlungsreisenden“ ist Teil eines neuen Formats: Im Theater am Haidplatz sind in dieser Saison sechs Inszenierungen zum Thema Altern und Erinnern zu sehen, die auf einem gemeinsamen Bühnenbild aufbauen. Auftakt war mit „Fischer Fritz“, weitere Produktionen sind etwa „Lucidity“ oder „Dance Lab 4.0“. Im Juni kann man das Sixpack im Marathon an zwei Tagen erleben.