Dieses Stück geht in die Tiefe – und zugleich heftig an die Lachmuskeln

Von Katharina Kellner · 10. November 2025 um 16:00

Melanie Rainer und Tobias Ostermeier spielen Neta und David, alle anderen Figuren rekrutieren sie aus dem Publikum. - Foto: Dieter Popp

Paarbeziehung unter Hochspannung: „Kurzschluss“ heißt die neue Eigenproduktion am Turmtheater. Neben zwei Schauspielern die sich aufs Improvisieren verstehen, übernehmen auch einige Zuschauer Rollen. Ein Stück mit pointierten Dialogen und viel Situationskomik.

Mitmach-Formate haben es in sich: Oft blicken Zuschauer angestrengt zu Boden, um nicht aufgerufen zu werden und die Beteiligung trägt wenig zur Sache bei. Anders war es bei der Premiere von „Kurzschluss“, der neuen Eigenproduktion des Turmtheaters am Samstagabend: Hier glückte zwei Schauspielern mit tatkräftiger Hilfe des Publikums ein lebendiger Abend. Das Stück setzt sich ernsthaft mit familiärer Belastung auseinander - und ist zugleich ein großer Spaß.

Viel Erfahrung mit Improvisationstheater

Warum das so gut funktionierte? Zum einen bewies Regisseur Markus Bartl mit der Wahl von „Kurzschluss“ der israelischen Autorin Noa Lazar-Keinan einen guten Riecher: Die Dialoge sind pointiert und humorvoll, das Stück seziert auf kluge Weise eine Paarbeziehung. Die Publikumsbeteiligung ist hier kein Beiwerk, sondern tragende Säule der Handlung. Ein anfänglicher Zweifel, ob die Zuschauerinterventionen als Stilmittel über den ganzen Abend tragen, verflog schnell. Denn die Schauspieler Melanie Rainer und Tobias Ostermeier haben viel Erfahrung mit Improvisationstheater. Sie bestritten den Abend souverän, zugewandt, mit viel Humor und Flexibilität. Ihre Regieanweisungen an die Mitspieler verteilten sie so, dass alle eingeweiht waren. Aus den durchweg geglückten Interaktionen der Schauspieler mit dem Publikum entstand eine Menge Situationskomik. Mancher Mitspieler zeigte über den bloßen Einsatz hinaus eine humoristische Ader.

In der ersten Szene erleben wir eine Lesung von Kinderbuchautor David Pilz (Ostermeier). Da erzählt er, wie es zur Erfindung seiner „Super-Doktor“-Figur kam: Vor zwei Jahren verschluckte der fünfjährige Itamar den Schlüssel des Tagebuchs seiner neunjährigen Schwester Noga. Nur mithilfe des in höchster Not erfundenen Darm-Helden bringt er ihn dazu, den Schlüssel freizugeben. Während David sich noch selbst lobt, schrillt das Handy – seine Frau Neta (Melanie Rainer) kündigt an, über Nacht nicht nach Hause zu kommen, er müsse die Kinder abholen. Der Autor verfällt in Panik, das Publikum hört alles mit. Oft an diesem Abend muss man schon deshalb lachen: Man kennt solche Situationen völliger Überforderung aus dem eigenen Familienalltag.

Mit einer ganz normalen Familie haben wir es hier zu tun. Den Eltern wird bescheinigt, ihr Kind sei „im Spektrum“: Die Ärztekommission verkündet die Diagnose Autismus wie bei einem Tribunal – bei David und Neta geht da buchstäblich das Licht aus: Kurzschluss! Ihre Reaktionen kommen aus dem echten Leben – Ausstatter Philipp Kiefer unterstreicht ihre konträren Positionen durch die starken Komplementärfarben rot und blau. David weist das Urteil „irgendeiner Diagnostologin“ empört zurück: Die kennt Itamar doch gar nicht! Neta nimmt die Diagnose überaus ernst und will Itamar dazu bringen, sie zu widerlegen – was zu mehr Frust führt, weil das Kind erratisch bleibt, nicht ohne seinen roten Superhelden-Umhang sein kann und weiterhin Blickkontakt meidet.

Der akquirierte Itamar-Darsteller ist ein Glücksfang: Mit verschmitztem Gesicht schmeißt er mit dem Löffel, sobald Papa David ihn auffordert, genau das nicht zu tun. Auch die anderen Mitspieler halten das Paar auf Trab. Die Großmutter ruft bei jedem Löffelwurf: „Bringt dem Kind doch endlich mal Manieren bei!“ Die Rezeptionistin eines Hotels, in das Neta vor der familiären Misere entflieht, schreit, sobald die Klingel am Tresen erklingt, in ein Megaphon: „Du bist eine schlechte Mutter!“ Die Tochter stellt höchst ungemütliche Fragen. Ein Höhepunkt ist die peinliche Befragung von Davids Freund Eitan: Ein Zuschauer soll stets das letzte von Neta und David gesprochene Wort wiederholen, versehen mit Fragezeichen. Köstlich: Im Zusammenhang mit den vorgebrachten Anschuldigungen wirkt das, was Eitan sagt, kurioserweise wie das Geständnis eines Überführten. Da geht dem Paar mal wieder das Licht aus.

Diagnosen verunsichern Eltern

Das Stück hält eine feine Balance zwischen befreitem Lachen und intensiven Momenten, in denen einem dasselbe im Hals stecken bleibt – wenn David ins Publikum fragt: „Was wäre Ihnen lieber: Ein Kind mit Autismus oder eines mit Nussallergie?“ Mit ADHS? Depression? Essstörung? Schizophrenie? Haben nicht alle anderen „das perfekte Kind“, nur man selbst ist gestraft? Das schockiert, unterstreicht aber nachdrücklich die Nöte und Unsicherheiten von Eltern, die sich durch solche Diagnosen stigmatisiert fühlen.

Zum Schluss applaudiert das Publikum lange. Alle bekommen Rosen, auch die Schauspiel-Amateure – solch großartige Mitspieler kann man dem Stück für die weiteren Aufführungen nur wünschen.