Im Rausch animalischer Kräfte: Wagner Moreiras Tanzabend wird heftig gefeiert

„Sacre – ein Rausch“ heißt die neue Choreografie des Chefs der Tanzcompany, mit der er aktuelle Fragen aufwirft.
Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Oder, um im Bild des Abends zu bleiben, ein Tanz auf dem Vulkan. Ein schweißtreibender Tanz, körperhaft, poetisch, animalisch und beklemmend. „Sacre – ein Rausch“, das neue Tanzstück von Chefchoreograf Wagner Moreira, hat eine heftig gefeierte Premiere im Theater am Bismarckplatz erlebt. Es beginnt in einem silbrig-grauen Bühnenbild mit Palmen, Treppen und Drehtüren als ausgelassene Party, bei der das weiße Gold aus der Luft rieselt. Eine schillernd bunt gestylte Gruppe junger Leute kokettiert, flirtet und gibt sich zur großartigen, stil- und genreübergreifenden Musik des Argentiniers Osvaldo Golijovs Nazareno dem leichten Leben hin. Das entpuppt sich nach und nach als bloßer Schein und verliert nicht nur an ausgelassener Energie, Leidenschaft und Beschwingtheit, sondern auch an Farbe.
Dopamingesteuerte Ekstase
Nach kurzem Verschwinden hinter Drehtüren, die als Spiegel(-bild) für die Kehrseite dienen, erscheinen die Tanzenden in weißen Kostümen, die identisch mit den bunten Klamotten sind, die sie vorher trugen. Statt großer Sprünge stolpern und fallen sie über die Bühne. Noch einmal rappeln sie sich zum mitreißenden Mambo auf, nur um endgültig im todbringenden Rausch der gepuderten Nasen aus den Latschen zu kippen. Soweit, so vorhersehbar. Es ist fraglich, ob mit diesem spiegelbildlichen Gegenstück zur mythischen Tiefe des folgenden Tanzrausches von Sacre du Printemps ein moralischer Appell oder eine Verachtung für die lebensverachtende Leichtfertigkeit einer Jeunesse dorée zum Ausdruck kommen soll. Eine Verbindung bildet das kontrastierende Element im Zustand einer künstlichen und einer dopamingesteuerten Ekstase.
Nach einer etwas längeren Umbaupause steuert die Tanzcompagnie in diese in der nachfolgenden „Frühlingsweihe“ oder des „Frühlingsopfers“, wie Strawinskys Ballettmusik Sacre du Printemps von 1913 übersetzt wird. Videoprojektionen von Tanzenden, oft in starker Vergrößerung, vervielfachen anfänglich das Tanzgeschehen auf der fast leeren Bühne zu einem wogenden Leibermeer. Auf und über der Bühne bildet ein schwerer Ring mit Scheinwerfern als Symbol eines ewigen Kreislaufes einen dominanten Blickfang. In der Mitte stehend, steigen und springen die Tanzenden anfänglich ins Geschehen. Wie bei einem Initiationsritual klatschen sie auf Arme und ihre nackte Brust, bekleidet nur in weit schwingende Lederröcke.
Diese und andere Gesten, die für eine Gabe an eine mythische Kraft oder Wesenheit und für Hingabe stehen können, tauchen in der stark ritualisierten und ungemein kraftvollen Choreografie Moreiras immer wieder auf. Damit bekräftigen und beschwören die Tänzer, die durch Nacktheit und Röcke ihre Geschlechtlichkeit nahezu aufgeben, ihr Opfer.
Ein bislang unerwähnt gebliebener Akteur, der maßgeblich zu beiden Teilen des ein wenig auseinander fallenden Tanzabends beiträgt, ist das Orchester. Unter Führung von Tom Woods, der über Video auch die im Haus verteilten Gruppen präzise und straff im Griff hat, agiert es mit leidenschaftlicher Kraft.
Hochaktuelle Fragen
Sowohl die jazzorchestralen Passagen und lateinamerikanischen Einflüsse im ersten, wie die extremen rhythmischen und klanglichen Vorgaben im zweiten Teil meistert das Orchester mit geradezu bewundernswerter Prägnanz.
Das Tanzensemble übersetzt die scharfkantigen Klangattacken in synchrone Kulthandlungen und Beschwörungsgesten. In der Verknüpfung mit der funkensprühenden, unruhigen Musik schlagen sie das Publikum von Anfang an in Bann. Nach über hundert Jahren hat diese Musik nichts von ihrer außergewöhnlichen Spannung und harschen Suggestion verloren.
Die Fragen, die Moreira mit seiner an animalische Kräfte und Triebe gemahnende Choreografie aufwirft, lassen einen auch lange nach dem atemberaubenden Tanzabend nicht leicht wieder los. Es sind Fragen, die heute, wo Menschengruppen zu Opfern gemacht werden und andere ihre Individualität zugunsten von Gemeinschaften aufzugeben bereit sind, verstärkt aktuell sind.