Immer nur online? Nein – in einem Dorf im Landkreis Kelheim ist ein Spielzeugladen entstanden

Jahrelang wanderten Einzelhandelsgeschäfte mit ihren Produkten ins Internet ab, verkauft wurde immer mehr online. Das schien der einzige Weg und abänderlich. Ein Händler im Landkreis Kelheim geht jetzt den umgekehrten Weg.
Es ist ein sonniger Nachmittag in Heiligenstadt, einem der kleinen Neustädter Ortsteile. Eine junge Mutter kommt mit zwei Kindern in den Laden mit der weitläufigen Schaufensterfront. „Wir sind zufällig vorbeigeradelt. Da ist uns das Geschäft aufgefallen“, sagt sie zu Thomas Gratzke (36), dem Ladeninhaber. Vor allem, sagt die zweifache Mutter weiter, sei ihr und ihren Kindern die „Lego“-Werbefigur aufgefallen.
So geht es vielen in diesen Tagen. Die Figur vor den Schaufenstern weckt das Interesse der Passanten, sie halten an und wollen wissen, was es in dem Geschäft gibt. Jahrzehntelang wurden hier Küchen verkauft, zuletzt stand der Laden an der Durchgangsstraße – mal wieder – leer. Seit Kurzem hat Thomas Gratzke mit seiner Frau den Laden gemietet. Gratzke und seine Frau handeln mit Sammelkarten und mit Klemmbausteinen, wobei „Lego“ nicht die einzige Marke ist.

Das merken auch die Kunden im Geschäft ganz schnell. Gerade erklärt Gratzke wieder einem Vater und seinen Kindern, dass die Angebote der unterschiedlichen Hersteller untereinander kompatibel sind. Die Wahl des Vaters, seiner Tochter und seines Sohnes fällt auf zwei Bausätze. Die Kinder sind begeistert.
Spielzeugladen nicht nur für Kinder
Ein Geschäft für Kinder? Der erste Eindruck täuscht. „Poke-Brick“, wie der Laden aufgrund seines Angebots heißt, ist mehr als ein Kinderparadies. „Mit Klemmbausteinen spielen alle Altersgruppen. Ganz viele Kunden sind im Rentenalter“, sagt der 36-Jährige Inhaber. Das Interesse der Kundschaft, gerade auch der älteren, ist unterschiedlich. Manche bauen ganz Städte, andere regelrechte Landschaften oder aufwendige Modelle. Oder sie lassen ihrer Fantasie freien Lauf und schauen, was das Sammelsurium an Steinen, das sie besitzen, an Möglichkeiten hergibt.
Klemmbausteine sind angesagt. In München – wo sonst – gibt es sogar einen Club für die Fans der Klemmbausteine. Er hat 200 Mitglieder und organisiert auch Ausstellungen.

Thomas Gratzke ist schon als Kind mit dem „Lego“-Bazillus infiziert worden. Seiner Frau hatten es die Sammelkarten angetan. Vor rund zehn Jahren entschieden die beiden, die in St. Johann mit ihren sieben Kindern leben, dass die Hobbys mehr sein könnten als sammeln und spielen. Sie gründeten einen Online-Handel. Erst diente ein Kinderzimmer als lager und Büro, dann der Dachboden und schließlich wurde eine Halle gemietet. „Seit 2018 bin ich voll selbstständig“, sagt der 36-Jährige. Der Handel habe mehrere Mitarbeiter und ernähre die Familie. Irgendwann reifte die Idee, dass ein richtiger Laden sinnvoll sei.
„Das war mein Traum. Online hat man keinen Kontakt zu den Kunden und man kann die Ware besser präsentieren“, erklärt Gratzke. Und damit gibt es jetzt neben dem Online-Handel auch den stationären Handel. Der 36-Jährige ist mit seiner Frau im Gegensatz zu sehr vielen Geschäftsinhabern den umgekehrten Weg gegangen. Gratzke ist überzeugt, dass ein klassischer Laden auch heute noch seine Berechtigung hat. „Die Kunden können sich die Produkte in aller Ruhe ansehen. Sie können Fragen stellen, ich kann sie beraten.“
Ein kleiner Junge, der an diesem Nachmittag mit seiner Mutter ins Geschäft kommt, braucht diese Beratung nicht. Er war bereits hier und kennt das Angebot. Zielgerichtet steuert er den Wühltisch mit Klemmbausteinen an. Die gibt es hier zum Kilopreis. Nach einigem Suchen ersteht der Bub exakt 80 Gramm „Lego“ zum Preis von 3,20 Euro.
Geschäft ist seit vier Wochen geöffnet
Das ist Einzelhandel, wie er früher in vielen Orten typisch war, in Reinform. Bei „Poke-Brick“ wird er wiederbelebt. Während viele Innenstädte veröden und immer mehr Läden leerstehen, haben die Gratzkes ein Spielzeugparadies in Heiligenstadt, direkt am Ortsende zum Kurort Bad Gögging, geschaffen. Dabei war die Entscheidung für Heiligenstadt auch vom Zufall geprägt.
„Wir haben uns umgeschaut, welche Geschäfte angeboten werden. Dieses war frei.“ Der 36-Jährige ist zufrieden. Seine Bilanz vier Wochen nach der Eröffnung fällt positiv aus. „Ich bin völlig überrascht, wie die Leute das Geschäft annehmen. Im ganzen Landkreis bin ich, glaube ich, der einzige, der dieses Programm anbietet.
