Was Archäologen unter der künftigen Münstertoilette in Neumarkt entdeckt haben

Eigentlich soll hier nur ein neues öffentliches WC entstehen – doch bevor der Beton gegossen wird, stoßen Archäologen am Münsterplatz in Neumarkt auf Spuren, die tief in die Stadtgeschichte führen. Knochen, alte Mauern, sogar Reste einer mittelalterlichen Latrine. Doch nicht alle Fragen können die Experten heute noch klären.
Es ist historischer Boden, auf dem bis Sommer das neue barrierefreie stille städtische Örtchen mit automatischer Öffnung entstehen soll. Im familienfreundlichen Neubau mit Still- und Wickelraum sollen robuste und langlebige Oberflächen verhindern, dass die neue WC-Anlage wieder zum Objekt für Vandalen werden.
Auf dem Areal hinter dem Ölberg im Garten des barocken Pfarrhauses von St. Johannes am Münsterplatz laufen noch immer die Vorarbeiten dafür. Bevor die Fundamente betoniert werden können, mussten die Archäologen der Parsberger Firma Adilo auf Spurensuche gehen – erfolgreich. „Gleich hinter dem Ölberg entlang der ehemaligen Friedhofsmauer haben wir etwas gefunden“, verrät Adilo-Chef Friedrich Loré.
Aber weil gerade Halloween vor der Tür stand, lag den Archäologen und dem städtischen Auftraggeber daran, dass das erst jetzt in der Zeitung steht, wenn die keltischen Totengeister sich wieder verzogen haben. „Nicht, dass hier über Nacht nennen wir sie mal Helfer auftauchen und heimlich nach Skeletten suchen. Natürlich haben wir auch den einen oder anderen Knochen gefunden – von Tieren, auch von Menschen“, erzählt der Archäologe und deutet auf einen großen Knochenrest eines längst verspeisten Schweins in der Grube.
Einst Latrine, bald wieder ein WC
Dass „versehentlich“ außerhalb der Friedhofmauer vor Jahrhunderten Neumarkter beigesetzt wurden, schließt Lore aber aus. „Eher sind ein paar wenige Knochenreste damals, als der Platz vor St. Johannes gepflastert wurde, im Eifer der Arbeit hier herüber geschaufelt worden“, vermutet er.
Wichtiger sind Loré die Fundamente, die auf eine latrinenartige Struktur unter der künftigen Toilettenanlage hindeuten. „Man hat den Eindruck gewinnen können, dass das Ganze eine zusammenhängende Struktur ist und dann könnte hier möglicherweise ein abgebranntes Fachwerkgebäude gestanden haben, das dann einplaniert wurde und auf das man draufgebaut hat. Auch wo künftig eine neue Pfarrgarage für die Münstergeistlichen stehen soll, ist eine Latrine aufgetaucht, aber „die benutzten ganz anderes Steinmaterial, nämlich einen Jura-Kalk, der nicht so alt ist.
Die ehemalige Latrine ist deutlich an der Einfassung mit Backsteinen zu erkennen. Die Reste aus der alten Zeit sind dagegen aus schwarzem Jura gemauert, „das entspricht auch der Stadtmauer, die aus dem gleichen Material ist. Wir vermuten, vielleicht aus dem 14. oder 15. Jahrhundert.“
Haben hier einst Handwerker gearbeitet?
Natürlich geht es hier im historischen Neumarkter Boden etwas durcheinander. Unter dem dicken Humus des Pfarrgartens sieht man die Folgen der starken Schäden aus den letzten Kriegstagen und später. Der Schutt wurde nach dem Krieg überall zum Auffüllen eingeebnet, erzählt Lore, der seit 1990 an allen Ausgrabungen in Neumarkt beteiligt ist. „Die Funde hier deuten auf gewerbliche Nutzung hin, einschließlich Öfen. Die dienten aber nicht zum Kochen, sondern für handwerkliche Tätigkeiten.
Ganz unten ist der Bagger auf den neumarkttypischen hellen Sand des Jura-Meeres gestoßen. Leider ist über das städtische „Urkataster“ nicht mehr herauszufinden, welche Gebäude hier einst gestanden haben. Aber Lorè kann die Spuren im Sand lesen. „Dem steinernen Neumarkt geht eine Holzbauphase voraus, wie wir sie überall in Deutschland kennen. Nur in Neumarkt war das vor unseren Grabungen unbekannt. Das hier sind sogenannte Pfostengruben“, deutet der Archäologe auf die vielen kleinen dunklen Verfärbungen im Sand, die allesamt mit kleinen Zettelchen mit der Aufschrift „Befund“ gekennzeichnet sind. Wo im Sand eine solche Verfärbung ist, war einmal der Stützpfosten eines Holzhauses, „und der ist halt im Laufe der Zeit verfault“.
Funde werden wieder in der Erde verschwinden
Und wer hat in diesen Häusern gewohnt? „Die Schmelzöfen, die auch den eisenhaltigen Sand zum Schmelzen gebracht haben, gehörten wahrscheinlich einem Handwerker. Öfen zur Eisenschmelze sind hier nicht ungewöhnlich. Der Jura, wo man Eisenerz gewinnen kann, ist ja nicht weit weg. Daneben finden sich andere Verfärbungen, die auf Vorratsgruben hindeuten.
Und was passiert nun mit den Spuren der Vergangenheit? „Man kann hier nicht einfach Beton drauf gießen“, erklärt Lorè. „Über den Befund kommt erst ein Vlies und darauf müssen mindestens 30 Zentimeter ortsfremdes, verdichtbares Material.“ Alles weitere sei Sache des Statikers der neuen WC-Anlage. „Wir Archäologen sind die ersten und auch die letzten, die diese Funde hier sehen.“ Entsprechend hoch sei die Verantwortung bei der Dokumentation.