Schaeffler-Chef Rosenfeld im Interview: „Wir haben nicht unendlich viele Chancen“

Von Christian Eckl, Lorenz Nix · 1. November 2025 um 05:00

Im Interview mit der Mediengruppe Bayern fordert der Vorstandsvorsitzende der Schaeffler AG, Klaus Rosenfeld, klarere Kante von der Politik. Wirtschaftlich sieht er Deutschland in einer entscheidenden Phase – mit großen Herausforderungen, aber auch beträchtlichen Chancen. Im Rahmen der Reihe MENSCHEN in EUROPA nimmt er auch an einer Diskussionsrunde in Passau teil.

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Rosenfeld wird am Montag, 10. November, im Rahmen der Veranstaltungsreihe MENSCHEN in EUROPA an einer Diskussionsrunde zum Thema „Made in Germany – Comeback oder Nostalgie?“ in Passau teilnehmen. Weitere Informationen dazu finden Sie am Ende des Interviews.

Herr Rosenfeld, denken Sie an den Wirtschaftsstandort Deutschland in der Nacht, sind Sie dann um den Schlaf gebracht?

Rosenfeld: Ich schlafe grundsätzlich immer gut. Aber das ist vielleicht auch eine Frage der Einstellung. Natürlich stehen wir vor großen Herausforderungen. Aber auch vor genauso vielen Chancen. Es geht um unsere Wettbewerbsfähigkeit. Die kann und muss man sich erarbeiten. Das ist mühsam. Wettbewerbsfähigkeit fällt leider nicht vom Himmel.

Wie kann Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen?

Rosenfeld: Unsere Chance liegt in der Verbindung von Technologie und Innovation mit der hervorragend ausgebildeten Belegschaft, die wir im Land haben. Dieses Potenzial müssen wir nutzen. Dazu braucht es Optimismus, Zuversicht – und Biss. Ich gehöre nicht zu denen, die klagen, wie schlimm alles ist. Wir sollten positiv denken. Und gemeinsam mit der Politik die Kraft aufbringen, unser Land wieder nach vorne zu bringen.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Rosenfeld: Ich wünsche mir mehr Klarheit, mehr Tatkraft und vor allem mehr Umsetzung. Wir haben nicht unendlich viele Chancen, um die Weichen richtig zu stellen.

Schaeffler beschäftigt weltweit rund 120.000 Menschen. Was zeichnet deutsche Ingenieure und Fachkräfte besonders aus?

Rosenfeld: Wir haben hervorragend ausgebildete Fachleute, engagierte Führungskräfte und Unternehmen, die gelernt haben, auch schwierige Zeiten durchzustehen. Bei Schaeffler hilft uns der langfristige Blick und die Tatsache, dass wir ein Familienunternehmen geblieben sind. Unsere Stärke liegt in der Kombination aus Knowhow und jahrzehntelanger Erfahrung, Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein. Natürlich können wir von anderen lernen, aber wir dürfen uns im globalen Wettbewerb, gerade mit China, nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

China hat in den vergangenen Jahren enorm aufgeholt. In welchen Bereichen zeigt sich das besonders?

Rosenfeld: Wir hatten lange die Vorstellung, dass wir hier in Deutschland die Technologiekompetenz haben und anderswo produziert wird. Das hat sich stark verändert. In China gibt es heute Wettbewerber, gerade in der Automobilindustrie, die nicht nur effizienter, sondern in vielen Bereichen auch innovativer und pragmatischer sind.

Wie reagiert Schaeffler darauf?

Rosenfeld: Indem wir das nicht als Bedrohung, sondern als Ansporn sehen. Wir pflegen ganz bewusst unsere Beziehungen nach China. Seit dreißig Jahren sind wir dort aktiv, und das sehr erfolgreich. Natürlich leben wir heute in einer Welt voller Konflikte und Unwägbarkeiten, die wir nicht steuern können. Damit müssen wir umgehen.

Nexperia-Krise: „Wir kommen mit der Situation bislang zurecht“

Wie stark trifft Schaeffler die Halbleiter-Krise mit Nexperia-Chips? Sie hatten das Unternehmen kürzlich als Top-Lieferanten ausgezeichnet.

Rosenfeld: Wir kommen mit der Situation bislang zurecht. Aber natürlich ist das Thema noch nicht durch. Es handelt sich hier nicht um eine klassische Chipkrise wie vor ein paar Jahren. Die Lage ist speziell. Auch weil sie durch den übergeordneten Zollstreit ausgelöst ist.

Wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus?

Rosenfeld: Die Automobilindustrie ist extrem komplex. Wenn in der Lieferkette irgendwo ein Teil ausfällt – etwa ein Bauteil für die Leistungselektronik – dann stehen im schlimmsten Fall irgendwo Bänder still. Und wenn daraufhin ein großer Kunde nicht produzieren kann, dann kann es - auch wenn das eigentliche Probleme gar nicht von uns ausgelöst ist - auch uns und unsere Top-Produkte treffen. Diese Branche funktioniert nur mit hoher Resilienz, Planbarkeit und enger Abstimmung. Wir müssen jeden Tag sicherstellen, dass die Räder ineinandergreifen.

Lange galt die EU als wirtschaftlicher Stabilitätsanker. Beim Thema Verbrenner-Aus wirkt die Politik jedoch planlos. Wie sehen Sie das?

Rosenfeld: Es gibt auf EU-Ebene viel Gesprächsbedarf. Der globale Wettbewerb, gerade mit Asien und den USA, ist deutlich härter geworden. Wir sind überzeugte Europäer. Aber Europa muss wirtschaftlich handlungsfähig bleiben.

Was läuft da schief?

Rosenfeld: Die Diskussion über den Verbrenner wurde zu sehr vereinfacht – nach dem Motto: Wenn hinten am Auspuff CO2 rauskommt, ist das schlecht, wenn nicht, ist alles gut. Das war schon damals zu kurz gedacht. Nachhaltigkeit und CO2-Reduktion sind zentrale Ziele, aber sie müssen realistisch, effizient und global wettbewerbsfähig umgesetzt werden.

Schaeffler sieht sich „hervorragend aufgestellt“

Wie positioniert sich Schaeffler in dieser Debatte?

Rosenfeld: Wir sind nach der Akquisition von Vitesco hervorragend aufgestellt, um die gesamte Bandbreite des Antriebsstrangs abzudecken. Verbrenner wie Elektromobilität. Dabei sind wir große Befürworter der E-Mobilität. Sie wird kommen. Aber sie muss sich rechnen. E-Autos werden sich nur dann durchsetzen, wenn sie für den Verbraucher günstiger und alltagstauglich sind. Beim Laden, bei der Reparatur, beim Recycling. Die EU sollte diese Transformation zielorientiert und mit viel Sachverstand begleiten und nicht ideologisch. Aber lassen Sie mich noch ein weiteres europäisches Thema ansprechen.

Welches?

Rosenfeld: Seit Jahren ist überfällig, dass wir in Europa einen gemeinsamen Kapitalmarkt schaffen. Es kann nicht sein, dass ein großer Teil unserer europäische Spargelder in den USA angelegt werden, unser Kapitalmarkt in Europa kleinteilig und zersplittert ist und wir zusehen, wie unsere eigenen Unternehmen für ihre Börsengänge nach Amerika gehen.

Was müsste also geschehen?

Rosenfeld: Wir brauchen ein starkes Signal und einen verbindlichen Zeitplan, wann es losgeht. Ein starkes Signal wäre die Entscheidung, wo die europäische Börse künftig sitzt und wer sie führt. Das ist sicherlich keine einfache Entscheidung, mit der man es allen recht machen kann. Aber es wäre eine Entscheidung. Ohne klare Festlegung bewegt sich nun mal nichts. Es ist höchste Zeit, dass wir in Europa vorankommen.

Wie hat die Integration von Vitesco Schaeffler vorangebracht?

Rosenfeld: Früher haben wir bei Schaeffler vor allem in Sektoren gedacht. Automotive hier, Industrie dort. Mit Vitesco haben wir diese Logik geändert. Heute denken wir in Produkt- und Kompetenzfeldern: E-Mobilität, Powertrain and Chassis, Vehicle Lifetime Solutions, also Ersatzteil- und Reparaturlösungen, und Lagertechnik. Vier produktorientierte Sparten, die grundsätzlich sektorübergreifend agieren. Das schafft neue Möglichkeiten und neue Dynamik – intern wie im Kundengeschäft

Wo lief es gut – wo hat es gehakt?

Rosenfeld: Bei dieser Frage sollten wir zwischen Transaktion und Integration unterscheiden. Die Transaktion selbst lief, bei aller Bescheidenheit, ausgesprochen gut. Das war ein komplexer Prozess – vom öffentlichen Angebot bis hin zur rechtlichen Verschmelzung mit all dem, was es dafür braucht. Das hat etwas länger gedauert als bei anderen Transaktionen. Aber es war gründlich vorbereitet und zielsicher umgesetzt.

Und die Integration?

Rosenfeld: Die ist naturgemäß anspruchsvoller. Seit dem 1. Oktober 2024 sind wir formal ein Unternehmen. Aber die Zusammenführung braucht noch Zeit. Auch, weil sie mit einer größeren Transformation einhergeht. Natürlich gab und gibt es da Kritik. Manche Mitarbeiter fühlten sich anfangs abgehängt oder unsicher, wo sie künftig hingehören. Wir haben versucht, möglichst schnell neue Führungsstrukturen zu etablieren, um Klarheit zu schaffen. Aber letztlich lebt jede Integration vom Zuhören und vom Miteinander.

Was bleibt noch zu tun?

Rosenfeld: Die Liste ist noch lang. Ein gutes Beispiel ist die Infrastruktur. Wir haben noch viel zu viele unterschiedliche Systeme. An manchen Standorten gibt es immer noch zwei E-Mail-Systeme. Solche Dinge klingen banal, sind aber entscheidend für das tägliche Arbeiten.

Rosenfeld: „Wir müssen Autos bauen, die die Menschen wollen und brauchen“

Deutsche Elektroautos fallen zurück gegenüber denen aus China. Was müssen wir tun?

Rosenfeld: Ich bin bekanntlich kein Autokonstrukteur. Nach meinem Verständnis ist das Autogeschäft vor allem ein Konsumentengeschäft. Wir müssen Autos bauen, die die Menschen wollen und brauchen. Am besten weltweit.

Also kein Grund, chinesischen Herstellern das Feld zu überlassen?

Rosenfeld: Nein, der Wettbewerb ist offen. Ein Auto ist nicht nur Technik, sondern auch Marke, Service und Vertrauen. Natürlich haben die Chinesen enorme Fortschritte gemacht, vor allem im Batteriebereich. Aber deutsche Hersteller wie BMW, Mercedes oder VW sind längst wieder auf Angriffskurs. Das ist gut so!

Schaeffler investiert in Robotik und humanoide Roboter. Wieso?

Rosenfeld: Weil das ein faszinierender Bereich ist, der Zukunft hat. Humanoide Roboter bewegen sich wie Menschen – mit Gelenken, Aktuatoren, E-Motoren, Sensorik, Präzisionslagern. Genau das ist unser Terrain. Wir wollen Zulieferer für diese neue Technologie sein, aber auch humanoide Roboter in der eigenen Produktion einsetzen. Da steckt enormes Potenzial. Wirtschaftlich wie technologisch.

Sie waren Funker bei der Marine. Wie sehen Sie die aktuelle Debatte um die Wehrpflicht?

Rosenfeld: Ich halte die Wehrpflicht grundsätzlich für richtig. Alle jungen Menschen sollten lernen, Verantwortung zu übernehmen und einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten – ob als Wehrdienst oder Ersatzdienst. Das war früher selbstverständlich. Natürlich müssen heute erst wieder die Voraussetzungen geschaffen werden, damit das praktisch funktioniert. Aber die Grundidee, dass jeder eine Zeit lang ein Stück Mitverantwortung für das eigene Land tragen kann und sollte, bleibt deswegen trotzdem richtig, Nicht zuletzt für eine funktionierende Demokratie.

Klaus Rosenfeld bei MENSCHEN in EUROPA

• Person: Klaus Rosenfeld ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender von Schaeffler mit Sitz in Herzogenaurach. Das Unternehmen hat 120 000 Mitarbeiter weltweit, am Stammsitz sind es 8000. Durch die Übernahme von Vitesco 2024 wuchs das Unternehmen zuletzt enorm.

• Podium: Am Montag, 10. November, um 18 Uhr ist Rosenfeld mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Siemens Energy und Daimler Truck, Joe Kaeser, bei MENSCHEN in EUROPA. Zudem diskutiert Klaus Ernst, langjähriger IG Metall-Funktionär und Landesvorsitzender des BSW Bayern mit.

• Tickets: Der Kartenvorverkauf für diese und alle weitere MiE-Veranstaltungen ist ausschließlich über den Online-Ticketshop unter www.menschen-in-europa.de unter dem Reiter „Programm 2025“ möglich.