„Das Juwel Alpen ist in großer Gefahr“: Diskussion mit Felix Neureuther in Passau

120 interessante, nachdenklich machende und sympathisch unterhaltende Minuten bot die Veranstaltung von MENSCHEN in EUROPA. Im Passauer Medienzentrum diskutierten Felix Neureuther, Roland Stierle, Michael Ruhland und Bernd Ritschel über das „Juwel Alpen“.
Hier finden Sie einen zum Thema passenden Inhalt von YouTube. Klicken Sie auf "Beitrag ansehen", um den Inhalt anzuzeigen.
Mit dem Klick auf "Beitrag ansehen" erklären Sie sich damit einverstanden, dass personenbezogene Daten an den Drittanbieter übermittelt werden. Weitere Infos finden Sie unter www.mittelbayerische.de /datenschutzerklärung
Erfrischend geht es schon los. Felix Neureuther marschiert mitten durch die Besucherreihen vor zu seinem Platz, die Akteure des Abends folgen ihm nach. Noch bevor er selbst begrüßt wird, ruft der ehemalige Skirennläufer allen ein herzliches „Servus“ zu. Und der 41-Jährige nimmt sofort das Publikum für sich ein. Als ihn der Moderator des Abends, BR-Journalist Tilmann Schöberl, auf die Bühne bittet, fühlt er sich dort daheim wie im eigenen Wohnzimmer. Dunkler Pulli, Jeans und Ringelsocken – leger gekleidet und fröhlich in die Runde lachend, punktet er mit sympathischer Lockerheit.
Auf dem Reifen in der Partnachklamm unterwegs
Noch bevor es zum Thema des Abends „Die Alpen – Ein Juwel“ kommt, entlockt Schöberl dem ehemaligen Ski-Weltcupsieger so manche Anekdote aus seinem Privatleben. Einem einfachen „Passt scho“ auf die Frage, wie es ihm denn so gehe nach dem Leben als Hochleistungssportler, folgen ehrliche Erkenntnisse. „Ich durfte meinen Kindheitstraum leben. Ich habe so tolle Momente erlebt, so viele tolle Menschen kennengelernt.“ Eine Schule fürs Leben, nennt er die Zeit im Skizirkus, betont bewusst, dass es ohne Smartphone und soziale Medien noch viel einfacher, menschlicher gewesen sei. Er erwähnt einen vierwöchigen Neuseeland-Aufenthalt mit dem „unfassbaren“ Bode Miller und dem perfektionistischen Aksel Lund Svindal: „Ich bin heilfroh, dass da nicht alles ans Tageslicht gekommen ist.“
Mehr zur Veranstaltungsreihe MENSCHEN in EUROPA lesen Sie auch auf unserer Sonderseite.
„Ich bin ein rundum dankbarer Mensch“
Schnell wird klar, Felix Neureuther ist ein Familienmensch, Mama Rosi und Papa Christian haben ihm das vorgelebt. Er hält es mit seiner Frau Miriam, ehemalige Spitzenbiathletin, nicht anders. Vier tolle Kinder habe ihm „Miri“ geschenkt, „ich bin ein rundum dankbarer Mensch“. Er erzählt, wie er seine spätere Frau beim 2. Date schon zum Königstand in den Ammergauer Alpen geführt hat, direkt hinter seinem Elternhaus. Er wusste: „Das ist sie.“ Schmunzelnd erzählt er, dass er sich da – damals noch aktiver Athlet – nach einem Luftsprung drei Bänder angerissen hat, wovon keiner wissen durfte. „Aber das war jeden Bänderriss wert.“
Er möchte mit 80 Jahren mit seiner Frau und den Kindern noch oben auf dem Berg stehen, „runterschauen und sagen können, allen geht es gut, die Welt da unten schaut gar nicht so schlimm aus.“ Mit Erinnerungen an sein Aufwachsen in der Garmischer Gebirgswelt, dem Rumtoben in der Partnachklamm, lässt sich gut Überleiten zum Thema des Abends. Tilmann Schöberl bittet den Präsidenten des Deutschen Alpenvereins, Roland Stierle, und den Journalisten und langjährigen Chefredakteur des Magazins „Bergsteiger“, Michael Ruhland, auf die Bühne.
Große anstehende Veränderungen durch den Klimawandel
Neureuther gibt die Marschrichtung vor, spricht von der Notwendigkeit des „größten Kraftaktes, den schönsten Platz auf dem Planeten“, das Ökosystem der Alpen, für nachfolgende Generationen zu erhalten. Michael Ruhland, der zusammen mit Felix und Christian Neureuther und Bernd Ritschel das Buch „Das Wasser der Alpen. Der kostbarste Schatz der Berge und wie wir ihn bewahren können“ verfasst hat, hakt hier ein. „Es gibt nichts zu beschönigen, das Juwel ist in großer Gefahr. Es gibt reale Gefahren, die mehr werden.“ Er nennt die vielen Bergstürze, ausgelöst durch den Temperaturanstieg und den schwindenden Permafrost, der nicht nur Bergsteiger und Touristen, sondern vor allem 14 Millionen Alpenbewohner bedroht. Man werde nicht alle schützen können und wohl ganze Dörfer evakuieren müssen. „Viele Routen gehen im Sommer nicht mehr. Die Berge werden instabil. Es wird viel Geld kosten, die Täler zu schützen.“ Aber, so der Autor, man dürfe die Alpen nicht unter eine Glaskuppel setzen. Es seien Lösungsmodelle zu finden, wie man diesen Schatz bewahren könne.
Roland Stierle, der als Präsident dem Deutschen Alpenverein mit 1,5 Millionen Mitgliedern vorsteht, spricht von großen anstehenden Veränderungen durch den Klimawandel. „Auch 2050 gehen wir noch Bergsteigen, aber wir werden keine Steigeisen mehr brauchen.“ Steinschlag, Felsstürze, Extremwetterlagen, nennt er. „Starkregen wird Wege zerstören, ganze Berghänge werden abrutschen.“ Man müsse über die Instabilität der Berge reden, aber auch über die Situation auf den vielen Hütten. Da gebe es z.B. große Wasser- oder Zugangsprobleme. Das ist ein Stichwort für Neureuther, der ein Bewusstsein für mehr Einfachheit einfordert. Der Gang zur Toilette, zur Dusche, große Speisekarte, freie Wege, das ist nicht selbstverständlich. „Es muss nicht immer nach Rosen duften“, und ja, die Wiederentdeckung des Waschlappens sei angesagt. Alle Diskutanten fordern einen Schritt zurück zur Demut, weg vom Jammern. Bernd Ritschel ergänzt: „Wir alle kommen nicht um Verzicht drumherum.“
„Es macht keinen Sinn, ganze Hochtäler zu fluten“
Der Autor berichtete, wie er und Felix Neureuther zwei Jahre lang hin- und hergerissen gewesen seien, was der beste Weg für den Schutz der Alpen sei. Er erzählte vom Bau eines riesigen Stausees mit Pumpspeicherkraftwerk im Kühtai in den Stubaier Alpen auf 2325 Metern Höhe mit einer 149 Meter hohen Staumauer und einem Fassungsvermögen von 60 Millionen Kubikmeter Wasser. Am Anfang seien sie sprachlos gewesen angesichts der Dimension, für 1,3 Milliarden Euro ein ganzes Tal auszuheben und einen Berg auszuhöhlen. Neureuther, Ritschel und Ruhland können dem Megaprojekt aber durchaus Positives abgewinnen. So betont Ruhland: „Vielleicht muss so etwas da passieren, wo es sinnvoll ist, wo man langfristig denkt und man Kompromisse eingehen kann mit dem Naturschutz. Klimaschutz heißt auch Alpenschutz.“
Alpen-Vereinschef Stierle widerspricht da deutlich. „Die Möglichkeiten der Topographie der Alpen, Energie zu erzeugen sind erschöpft. Der Strom, den man braucht, kann nicht aus den Alpen kommen. Das geben die Alpen gar nicht her. Es macht keinen Sinn, ganze Hochtäler zu fluten und die Alpen zu verschandeln.“ Den Strom, den wir brauchen, müsse man anderswo erzeugen. Stierle macht keinen Hehl daraus, dass er das Geschehen am Kühtai für unsäglich hält. Zerstörung der schönsten Plätze wegen Wirtschaftlichkeit, da müsse man aufpassen.
Dass die Alpen tatsächlich ein zu erhaltender und schützender Schatz für die Menschheit sind, diese Einsicht eint sie alle. Der letzte Teil des Abends ist ein Multivisionsvortrag mit Kostproben aus dem schon genannten Bildband. Nach einem ansprechenden Parforceritt durch die Schönheiten der Bergwelt mit schwindelnd machend schönen Bildern, aber auch mit weniger angenehmen von schwindenden Gletschern, apokalyptisch anmutenden Felswüsten nach Bergstürzen, fasst Neureuther als Fazit zusammen: „Ohne Wasser kein Leben, genießt die Berge, so wie sie euch gefallen und hinterlasst sie so, wie ihr sie vorgefunden habt.“
