Mutmaßliches Mafia-Mitglied kauft Auto für 75.000 Euro in bar: Geldwäsche in Kelheim?

Von Martin Rutrecht · 29. Oktober 2025 um 19:00

Ein Auto wechselt seinen Besitzer – ein alltäglicher Vorgang. Aber nicht in diesem Fall im Landkreis Kelheim: Der Käufer wird der Mafia zugerechnet, den Preis von 75.000 Euro brachte er in bar. Das Geld soll aus kriminellen Geschäften stammen. Ein Autohändler und der Pkw-Vorbesitzer standen jetzt vor Gericht. Es enthüllte sich, wie die kalabrische ’Ndrangheta vorgeht.

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Zwei Angeklagte aus dem östlichen Landkreis mussten sich vor dem Amtsgericht Kelheim wegen „leichtfertiger Geldwäsche“ verantworten, die bis zu zwei Jahre Haftstrafe bedeuten kann. „Ich wollte mein Auto verkaufen“, erklärte einer der Männer in seiner Aussage. Das tat er im Sommer 2022 über einen befreundeten, selbstständigen Kfz-Händler. Dieser stellte den Wagen, einen Audi RS Q3, auf ein Verkaufsportal im Internet.

Der Händler erhielt einen Anruf. „Der Interessent stellte sich als Betreiber einer Eisdiele vor“, sagte er vor Gericht. Die Gelateria liege in einer Stadt in Rheinland-Pfalz. Er würde den Wagen gerne kaufen und in bar bezahlen. „Eigentlich habe ich lieber Überweisungen, weil ich nicht so viel Bargeld daheim haben will. Da kriege ich Angst“, so der Autohändler.

Der Käufer reiste „in einem schwarzen SUV“ mit einem Begleiter an. „Beide machten einen vertrauensvollen Eindruck. Ich hatte keine Anhaltspunkte für Zweifel.“ Im Wohnzimmer zählte er die 75.000 Euro ab, die ihm in einer Papiertüte übergeben wurden.

Ein Kaufvertrag wurde abgeschlossen, der Händler kopierte den Ausweis des Käufers. Gemeinsam fuhr man noch zur Zulassung eines Kurzkennzeichens. Der hochpreisige Audi war verkauft. Das Geld brachte der Händler noch am selben Tag seinem Freund vorbei.

Familienbande zelebriert „luxuriösen Lebensstil“

Was die beiden Angeklagten nicht ahnten: Das Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz hatte den Käufer, einen Italiener, bereits im Visier. Er sei der kalabrischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta zuzuordnen und habe sich spätestens im März 2021 mit Familienmitgliedern zu einer Bande vereint, werfen ihm Ermittler vor. Über Firmengeflechte aus Gastronomie und Immobilien würden sie sich illegale Einnahmequellen verschaffen: Steuerhinterziehung, Vorenthalten von Arbeitsentgelt oder Betrug mit Kurzarbeitergeld.

Über Strohmänner würden unter anderem eine Eisdiele und ein Restaurant in Rheinland-Pfalz betrieben. Die Straftaten sicherten der Familie einen „luxuriösen Lebensstil“, so die Staatsanwaltschaft. Bei der Verhandlung war auch von einer „Observation“ des Italieners, der in einem anderen Verfahren (nicht in Kelheim) belangt wird, die Rede. Näher wurde das nicht konkretisiert.

Der Kauf des Autos im Landkreis Kelheim sollte Gelder rein waschen. Die beiden Angeklagten hätten angesichts der hohen Barsumme stutzig werden müssen, zumal der Vorbesitzer des Audi auch in der Autobranche tätig sei, so die Vorwürfe. Sie seien zur Geldwäscheverdachtsmeldung verpflichtet gewesen. „Für Bargeschäfte gibt es aber keine Obergrenze“, entgegnete Verteidiger Michael Haizmann.

Ein Jahr später: Kripo durchsucht Wohnungen

Jedenfalls fuhr den beiden Angeklagten knapp ein Jahr nach dem Geschäft der Schrecken ein: Die Kripo, eingeschaltet vom Amtsgericht Koblenz, erschien zu Hausdurchsuchung und Vernehmung. Beide galten damals noch als Zeugen, „beide waren sehr kooperativ“, sagte ein Kriminalhauptkommissar vor Gericht.

Beim Verkäufer wurden Kaufvertrag und Ausweis-Kopie des Italieners sicher gestellt. Das Geld war nicht mehr vollständig vorhanden. „Ich habe es zum Teil für Lebensunterhalt und Urlaub ausgegeben“, erklärte der Vorbesitzer. Auch ein neues Auto wollte er sich anschaffen.

Die hohe Barsumme und der unübliche Transport in einer Papiertüte hätte die Angeklagten stutzig machen müssen.“Ein Kripo-Beamter

Die hohe Barsumme und das Fehlen von Aufzeichnungen des Verkaufs beim Händler bewogen die Ermittler, die beiden Männer in der Folge über die Staatsanwaltschaft als Beschuldigte zu führen. „Auch der Transport in unüblicher Weise, nämlich in einer Papiertüte, hätte sie stutzig machen müssen“, so der Kripo-Beamte.

Es erging ein Pfändungsbeschluss. Beim Verkäufer wurden die 75.000 Euro eingezogen. Obwohl ein Teil des Geldes schon weg war, konnte er die Summe aufbringen – er wird sie nie mehr wiedersehen. Denn nach einem Rechtsgespräch, das der Staatsanwalt anregte, einigte man sich auf die Einstellung der Verfahren. Mit der Auflage, dass die sicher gestellten 75.000 Euro eingezogen bleiben. Der Auto-Händler muss 100 Arbeitsstunden ableisten. Der Vorwurf der „leichtfertigen Geldwäsche“ wurde damit fallen gelassen.

Der stärkste Arm der Mafia

Kriminalität: Die kalabrische ’Ndrangheta ist laut Bundeskriminalamt derzeit die relevanteste Mafia-Gruppierung, auch in Deutschland. Sie nimmt eine dominante Rolle auf dem Kokainmarkt ein. Mit illegalen Geschäften erzielt sie weltweit einen Jahresumsatz von 50 Milliarden Euro.

Geldwäsche: Die Einnahmen aus Straftaten werden durch Investitionen in Wirtschaftszweige wie Immobilien-, Baugewerbe oder Gastronomie verschleiert. Mit dem Erwerb von Wertgegenständen – etwa teuren Autos – wird „inkriminiertes“ Geld ebenfalls reingewaschen.