Regensburger Mittelschulen: Immer mehr verlassen Schule ohne Abschluss

Von Marion Koller · 23. Oktober 2025 um 05:00

In Regensburg steigt der Anteil der Schulabbrecher weiter an. Die Domstadt steht schlechter da als der bayerische Durchschnitt mit knapp über fünf Prozent. Woran liegt das? Die Lehrer stemmen sich mit allen Mitteln dagegen.

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Bundesweit steigt die Zahl der Schulabbrecher. Regensburg hält mit großer Anstrengung und guten Förderprogrammen dagegen. Dennoch hat die Abbrecherquote in den Mittelschulen im Schuljahr 2023/24 sieben Prozent erreicht. Im Landkreis waren es mehr als fünf Prozent. Die Zahlen hat das Staatliche Schulamt ermittelt, für 2025 liegt noch keine Statistik vor.

Die Domstadt steht schlechter da als der bayerische Durchschnitt mit knapp über fünf Prozent. Woran liegt das? Eine Rolle spielt der hohe Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund. Der beträgt an den Regensburger Mittelschulen durchschnittlich 78 Prozent (mit Privatschulen 64 Prozent). Schulamtsleiter Clemens Sieber sagt, die Gründe für die Abbrüche seien vielschichtig, hingen von Lebens- und Sozialbiografien ab, etwa von der möglicherweise fehlenden Bildungsnähe des Elternhauses, dem Zeitpunkt des Zuzugs nach Deutschland, der Motivation, zu lernen und deutsch zu sprechen. Auch Schulvermeidung erwähnt Sieber. 2022/23 lag lag die Quote der Mittelschulabbrecher in der Stadt noch bei rund 4,4 Prozent.

85 Prozent Migrationshintergrund an St.-Wolfgang-Mittelschule

Lehrkräfte und Externe arbeiten am Limit und erzielen auch viele Erfolge. Beispiel St.-Wolfgang-Mittelschule – 289 Schüler, 85 Prozent mit Migrationshintergrund: Im Schuljahr 2024/25 hat ein Mädchen abgebrochen. „Sie hatte keine Lust auf Schule“, sagt Rektor Markus Kehrer. Die Eltern standen „nicht ganz hinter dem Schulsystem“. Die Abbrecherzahlen bewegen sich stets im niedrigen einstelligen Bereich. „Es sind extrem wenige“, betont der 51-Jährige. Die einen, ob deutsch oder mit ausländischen Wurzeln, verlassen die Schule plötzlich, weil sie eine Ausbildungsstelle bei einem kleinen Elektro- oder KfZ-Betrieb bekommen. Die anderen sind Totalverweigerer, die zum Teil aus psychiatrischer Behandlung kommen.

Wir wollen auch bei schwierigen Kandidaten einen Weg finden.Markus Kehrer, Schulleiter

Immer mehr Kinder nehmen die Schulpflicht nicht ernst. Markus Kehrer und das Kollegium stemmen sich mit aller Macht gegen das Scheitern ihrer Schüler. „Wir wollen auch bei schwierigen Kandidaten einen Weg finden. Unser Ziel ist, dass niemand auf der Straße landet.“ Neben den Lehrkräften arbeitet ein multiprofessionelles Team mit, von der Sozialarbeiterin über die Kompetenzagentur für die Bewerbung und Berufsberater der Arbeitsagentur bis zu Ehrenamtlichen, die Kindern mit Migrationshintergrund Wurzeln beim Abschluss helfen.

Tobias Baumann, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, liefert Daten. Die Zahl der Regensburger Schulabbrecher lag demnach in den Abschlussjahren 2020 bis 2024 „jeweils im niedrigen bis mittleren zweistelligen Bereich“, im Abschlussjahr 2024 bei 34 Personen (Landkreis 28). Ein beachtlicher Teil dieser Schüler hole den Abschluss später an beruflichen Bildungseinrichtungen nach. Die bayernweite Abbrecherquote habe im Vorjahr 2,7 Prozent (3300 Personen) erreicht – bezogen auf die gleichaltrige Wohnbevölkerung. Die Bertelsmann-Stiftung rechnet anders und geht deshalb von mehr als fünf Prozent aus (Anteil der Abbrecher an allen Absolventen). Schlusslicht ist laut Bertelsmann Sachsen-Anhalt mit 12,5 Prozent.

Es gibt leider viel zu wenige grundständig ausgebildete Lehrkräfte, die Schüler individuell und gut fördern können.Dr. Christoph Vatter, BLLV

Rektorin Karin Samuelli von der Pestalozzi-Mittelschule stellt fest: „Wenn die Sprache noch nicht so weit ausgebildet ist, schafft man den Abschluss nicht.“ Lernbereitschaft sei unabdingbar. Sie verweist auf die Berufsorientierungsklasse an der Berufsschule II, wo junge Leute den Abschluss nachholen können. „Ich bin überzeugt von der tollen Möglichkeit.“

Wer auch dort nicht zurechtkommt, landet oft bei HASA-Kursleiter Nils Ehrich. HASA heißt „Hauptsache Abschluss“. Anbieter ist die Volkshochschule. Gegenwärtig führt er 26 junge Menschen zur Quali-Prüfung oder zum einfachen Mittelschul-Abschluss. Meist gelingt das bei allen. Die Nachfrage nach den Kursen ist hoch.

Mittelschule Neutraubling: Über Praxisklasse in den Job

An der Mittelschule Neutraubling wird eine Praxisklasse mit bis zu acht Praktika und weniger Theorie angeboten: Für junge Leute aus Stadt und Land, die sich beim Lernen schwertun und durchs Bildungsraster rutschen würden. „60 Prozent kommen in einem Ausbildungsberuf unter“, betont Rektor Herbert Münch. Zurzeit sind es 17 Jugendliche. „Die werden Zahnmedizinische Fachangestellte, Kinderpfleger oder Fachkräfte für Lagerlogistik.“

Der 61-Jährige unterstreicht: „Wir haben seit Jahren keine Schulabbrecher im klassischen Sinn. Wir schauen, dass alle einen Abschluss hinkriegen.“ Er weiß: Weil die Arbeitswelt immer komplexere Anforderungen stellt, landen Menschen ohne Abschluss oft in prekären Jobs. Die Neutraublinger Mittelschule unterrichtet 585 Jugendliche, darunter 72,6 Prozent mit Migrationshintergrund. Nach Urteil von Dr. Christoph Vatter, Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband in Regensburg, ist das größte Problem der Lehrermangel. Es werde viel externes Personal eingesetzt, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.