Von Bischkek nach Neunburg: Warum junge Kirgisen bei F.EE ihre Ausbildung machen

Eine der längsten Anreisen hatten sicher Aktan Zhekshenov und Abdilla Narzillaev, als sie 2024 ihre Ausbildung im Landkreis Schwandorf angetreten haben. Denn für die Lehre bei F.EE in Neunburg (Landkreis Schwandorf) sind sie aus Kirgistan gekommen. Von der Hauptstadt Bischkek ist Neunburg knapp 4700 Kilometer Luftlinie entfernt. Der Grund? Die beiden nehmen am Projekt „Auszubildende aus Kirgistan“ teil.
Die Idee ist simpel: Junge Menschen finden in Kirgistan keinen Job. In Deutschland fehlt es dagegen an Auszubildenden, vor allem im handwerklichen Bereich. Deswegen werden Narzillaev und Zhekshenov seit September 2024 bei F.EE ausgebildet. Einfach war das erste Jahr für die beiden allerdings nicht.
Eine Herausforderung
Die ersten sechs Monate waren am schwierigsten, berichten die beiden jungen Männer im Gespräch. Nach der ersten Eingewöhnungsphase bis Weihnachten sei es einfacher für sie geworden. Insgesamt dreieinhalb Jahre dauert die Ausbildung in Neunburg. Dann sind sie ausgebildete Elektroniker mit Fachrichtung für Automatisierungs- und Systemtechnik. Nebenbei machen die beiden Azubis noch ihren Führerschein – von ihrer Wohnung in Neunburg gehen sie momentan noch zu Fuß oder fahren mit dem Rad zur Arbeit.
Die Wohnung wird beim Projekt immer vom Ausbildungsbetrieb organisiert, erklärt F.EE-Personalleiter Udo Starck. Für die drei jungen Männer, die vergangenes Jahr ihre Ausbildung begonnen haben, wurde eine WG organisiert. Bei der Verständigung haben die jungen Erwachsenen wenig Probleme: In Kirgistan wird Deutsch als normale Unterrichtssprache gelehrt. „Drei von acht Klassen in meiner Schule haben Deutsch gelernt“, erklärt der 18-jährige Zhekshenov.
Neben Deutsch werde dort vor allem die Sprache des Nachbarlandes unterrichtet: Chinesisch. Grundsätzlich spricht man in Kirgistan sowohl Kirgisisch als auch Russisch. Auch Starck nimmt die Kommunikation nicht als Problem wahr. „Ab und an braucht es eine kurze Übersetzung vom Bayerischen ins Hochdeutsche", sagt er und lacht.
Erstmal aufs Oktoberfest
Die beiden Azubis wollen auch die deutsche Kultur besser kennenlernen: Kurz nach seiner Ankunft war Aktan Zhekshenov auf dem Oktoberfest in München. Er hätte neben der Arbeit auch gern Basketball gespielt, fand aber keinen Verein in der Nähe. Stattdessen spielt er in Neunburg nun Volleyball. „Ich wurde sogar schon auf ein Bier eingeladen“, berichtet er stolz.
Ab und an braucht es eine kurze Übersetzung vom Bayerischen ins Hochdeutsche.Udo Starck, Personalleitung F.EE
Der 21-jährige Narzillaev ist ebenfalls sportlich im Landkreis aktiv: Schon in Kirgistan spielte er leidenschaftlich Fußball. Auch in Deutschland, wo der Sport laut ihm einen höheren Stellenwert habe, fand er eine Mannschaft: Er steht für den SV Seebarn auf dem Platz.
Zwischen 30 und 40 Jugendliche starten bei F.EE laut Starck jedes Jahr ihre Ausbildung. Dabei wird bei der Firma für den Eigenbedarf ausgebildet. Das Projekt sei ein Versuch, einen Teil der Lücke zu schließen, die es bei handwerklichen Berufen gebe, so Starck. Das Projekt falle im Schwandorfer Landkreis etwas anders aus als in Cham: Während in Cham ein sogenannter Kümmerer den Auszubildenden bei ihren alltäglichen Anliegen hilft, übernehmen im Landkreis Schwandorf die Unternehmen selbst diese Aufgabe.
Hoher Besuch in der Firma
Das Projekt erregt sogar international Interesse, auch die Umsetzung in Neunburg. Vor Kurzem besuchte eine Delegation aus Tadschikistan rund um die Ministerin für Arbeit, Migration und Beschäftigung, Solikha Kholmakhmadzoda, verschiedene Firmen in der Region, unter anderem machte sie sich ein Bild von der Arbeit der jungen Kirgisen.
Zweieinhalb Jahre dauert deren Ausbildung noch. Was danach kommt, ist für die beiden noch offen. Der 18-jährige Zhekshenov hat noch keine konkreten Pläne: Für ihn heißt es erst einmal, die Ausbildung zu bestehen. Für Narzillaev steht fest: Er will erst einmal in Deutschland arbeiten. Weil er aber das jüngste Kind seiner Eltern ist, falle die Aufgabe, sich um seine Eltern zu kümmern, auf ihn. So ist es zumindest Tradition in Kirgistan. Deswegen sei es nur eine Frage der Zeit, bis zumindest er zurück in seine Heimat muss.
Das Projekt
• Ursprung: Ins Leben gerufen wurde „Auszubildende aus Kirgistan“ durch den Landkreis Cham. Seit 2023 gibt es das Projekt.
• Erweiterung: Neben dem Landkreis Cham gibt es auch in Schwandorf und Amberg Auszubildende aus Kirgistan.
• Voraussetzungen: Teilnehmer müssen einen Deutschtest auf dem Sprachniveau B1 oder B2 bestehen.
• Kooperation: Dabei sind unter anderem die VHS Cham, die Agentur für Arbeit, Berufsschulen, IHK, die Kreishandwerkerschaft und die jeweiligen Ausbildungsbetriebe.
• Branchen: Die Nachwuchskräfte können im Hotel- und dem Gastrobereich, der Gesundheits- und Pflegebranche, Metall- und Elektroindustrie, Handwerksberufen wie Bäcker und im Handel lernen.