Die „Golden Boys“ der Kelheimer Friseurs-Zunft: Mit fast 90 Jahren im Salon

Von Martin Rutrecht · 22. Oktober 2025 um 19:00

Andreas Hecker wird im Januar 90 – von seinem Friseur-Handwerk will er dennoch nicht lassen. Auch Anton Gil (87) und Hans Winkelmeier (78) frönen wie in jungen Tagen dieser Zunft. Die drei „Golden Boys“ aus dem Landkreis Kelheim greifen noch immer zur Schere. Als sie begannen, waren Männer und Frauen strikt getrennt in den Salons – die Trends von heute gab es schon damals.

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„Der Doktor hat gesagt, das hält jung“, lacht Gil aus Kelheim, dessen Laden auf das Jahr 1937 zurückgeht und von seinem Sohn Armin in der vierten Generation geführt wird. „Ich bin für die reifere Jugend zuständig“, setzt der 89-jährige Hecker hinzu, der sein Geschäft in Neustadt a. d. Donau auch längst an seinen Sohn übergeben hat. Und Winkelmeier, dessen Mainburger Salon in das Jahr 1890 zurück reicht, sagt schmunzelnd: „Wir machen das bis ins Grab.“

Die drei beneidenswert fitten Senioren gehen seit Jahrzehnten mit Freude ihrem Beruf nach. „Nur etwas bucklig und kleiner bin ich geworden“, erklärt Gil. Im Jahr 1951 begann er seine Lehre, erst drei Jahre später wurde Deutschland zum ersten Mal Fußball-Weltmeister. Hecker legte ein Jahr später los und lernte auch in München („Da bin ich mit dem Moped hin“) und Stuttgart. „Youngster“ Winkelmeier, der später auch Kelheimer Obermeister war, startete 1961 in seine Ausbildung.

In den oft in Holz gehaltenen Salons waren Männer und Frauen strikt getrennt, erzählen sie. „Und jeder Kunde war mit einem Vorhang vor Blicken geschützt.“ Gil lacht: „Frauen wollten nicht, dass jemand sieht, wenn sie ihre Haare färben lassen.“ An männliche Kunden durften nur Friseure ran. „Erst ab den 1960er-Jahren erlaubte man das auch Frauen in unserem Beruf.“

Der Heißwickler brennt

Die drei Friseurmeister entsinnen sich gut „echten Rasiermessern“, Einseifpinseln oder den Heizwicklern für Locken. „Die wurden ins Haar gezwickt. Manchmal zischte es und es roch verbrannt“, erinnert sich Winklmeier an kleinere Malheure. Eine Rasur für Herren wurde zum Preis von 30 Pfennig aufgerufen. „Das war unser Hauptgeschäft. Manche Kunden kamen zweimal in der Woche“, sagt Gil.

Früher wurden Locken mit Heißwicklern ins Haar gebracht. - Foto: Rutrecht

Das akkurate Rasieren finde sich heute in Barbershops wieder. „Das ist keine Erfindung der Gegenwart. Das haben wir vor 60, 70 Jahren schon gemacht.“ Auch der „Undercut“, also extrem kurze Haare an der Seite, sei seinerzeit Standard gewesen. „Damals hieß es halt Tonsur“, sagt Winklmeier. Die Dauerwelle kam erst nach und nach in Mode, ebenso der French Bob (kinnlanger Haarschnitt). „Zuvor hatten die Frauen ihre Haare oft nach hinten gebunden und vorne mit Klemmen festgemacht.“

Wir hatten in München auch einen Filmregisseur und eine Opernsängerin als Kunden.Hans Winklmeier

Der Mainburger hat früh den Spitznamen „Baderwasch“ erhalten. Darin steckt der frühere Begriff für Friseure (vom Baden) – die auch Zähne ziehen durften. „Bei uns gab’s das nicht mehr.“ Die Läden waren aber mitunter Anlaufstellen, wenn jemand Rat in Amtsgeschäften oder bei Behördenschreiben suchte.

Das Wichtigste: der Ratsch

Damals wie heute war die wichtigste Aufgabe: der Ratsch. „Wir Friseure haben viel erfahren und die Kunden waren natürlich neugierig, was sich so tut.“ Die Unterhaltung schätzen auch die drei Altmeister. Der 87-jährige Gil hört gerne als Frage: „Was gibt’s Neues?“ Zum Kelheimer kommt übrigens noch immer eigens ein Kunde aus Regensburg.

Ein Bild von damals: Anton Gil in seinem Laden an der Arbeit

Ausgefallene Wünsche hatte die Klientel früher nicht. „Das Extravagante war nicht angesagt. Es musste hochwertig sein und stimmig im Erscheinungsbild.“ Winklmeier erlebte in einer Zeit in München auch honorige Herrschaften. „Wir hatten einen Filmregisseur und eine Opernsängerin.“ Diese war beim Trinkgeld großzügig. In Mainburg nahm es eine Hoteliersfrau sehr genau: „Eine Strähne musste immer mittig über dem rechten Auge fallen. Sonst war sie nicht zufrieden.“

An den heutigen Stylings stoßen sich die drei Herren nicht. „Wir machen das, was der Kunde wünscht.“ Im Übrigen sei vieles nicht neu in der Welt, wie ihre Erfahrung zeige. Nicht mehr täglich stehen sie in ihren Läden, aber „wir haben noch immer eine ruhige Hand. Sonst würde es nicht klappen mit dem Schneiden.“

Bei Spaziergängen oder Wanderungen atmen die drei Friseure durch. Ans Aufhören denkt keiner von ihnen. „Wir sind fit und machen es, bis es nicht mehr geht.“ Der 89-jährige Hecker ergänzt lachend: „Oder bis uns rausschmeiß’n.“