Wasserstoff aus der Wüste Namibias soll als Ammoniak im Hafen Kelheim-Saal landen

Von Martina Hutzler · 14. Oktober 2025 um 05:00

Der Kelheimer Hafen soll in einigen Jahren zum Umschlagplatz werden für grüne Energie aus der Wüste. Wie das geht und woran es noch hapert, diskutierten am Montag Firmenvertreter aus Namibia, Belgien und Süddeutschland mit Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger und den Verantwortlichen des Hafen-Zweckverbands Kelheim.

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■ Aufgabe: Der Klimawandel und die europäischen Klimaziele zwingen auch die Industrie zur Abkehr von Erdöl, Braunkohle und anderen fossilen Energiequellen. Eine Herausforderung vor allem energie-intensive Branchen: zum Beispiel die Firma Kelheim Fibres als Hersteller von Hygiene- und Spezialfasern, oder Kalk-Produzenten wie die Fels-Werke Saal (Kreis Kelheim) und Walhalla-Kalk (Regensburg).

Die Industrie geht davon aus, dass die inländisch erzeugte „grüne“ Energie auf absehbare Zeit den Bedarf nicht deckt. So rücken Regionen wie Namibia in den Fokus, wo Solarenergie riesiges Potenzial bietet.

■ Produktion: Im südwestafrikanischen Namibia will Robert Hopperdietzel mit seiner Firma HopHydro Energy bis 2030 eine 7200 Hektar große Anlage fertigstellen: Mit Solarenergie soll dort Atlantik-Wasser entsalzt und daraus per Elektrolyse Wasserstoff (H2) produziert werden. Das H2 wird per Pipeline an die Küste transportiert und dort mit Luft-Stickstoff zu Ammoniak synthetisiert.

Hopperdietzel rechnet fürs erste Ausbau-Stadium mit rund drei Milliarden Euro Investitionen – was kein Problem sei: Wegen der großen Nachfrage nach grüner Energie „stehen die Investoren Schlange“. Allerdings erst, wenn tatsächlich „unterschriebene Abnahmeverträge“ in Europa vorlägen.

■ Transport: Ammoniak, eine weltweit gängige Chemikalie, wird bei minus 35 Grad flüssig und ist dann weit einfacher zu transportieren als H2, ist aber trotzdem als Gefahrgut eingestuft. Vom Tiefseehafen Walvis Bay aus soll es per Tanker via Atlantik und Nordsee nach Antwerpen schippern. Diese sind knapp vier Wochen unterwegs und können Zehntausende Tonnen bunkern.

Neue Tanker können Ammoniak als Treibstoff nutzen

Moderne Tanker können bis zu 90 Prozent Ammoniak als Treibstoff einsetzen, so Benjamin Weinacht, Chef des belgischen See-Schifffahrtsunternehmens CMB Tech. Laut Richard Schröter, H2-Manager des Hafens Antwerpen, soll ab 2028 erstmals „grüner Ammoniak“ dort anlanden. Langfristig wolle man den gesamten belgischen und ein Drittel des deutschen H2-Bedarfs decken, sagte Weinacht in der von Ludwig Friedl (Energieagentur Regensburg-Kelheim) moderierten Veranstaltung.

Der aus Ammoniak rückgewonnene H2 soll ins deutsche Wasserstoff-Kernnetz eingespeist werden. Das dürfte aber erst in Jahren fertig werden und auch dann nicht alle Regionen Deutschlands abdecken. Zusätzlich soll Ammoniak daher per Bahn und Binnenschifffahrt verteilt werden.

■ Ankunft: Der Hafen Kelheim-Saal ist via Rhein und Main-Donau-Kanal an die Nordsee angebunden. „Wir könnten daher zum Drehkreuz für ganz Bayern werden“, zeigte sich Landrat Martin Neumeyer optimistisch. Der Kreis Kelheim betreibt, im Zweckverband mit Kelheim, Saal und Riedenburg, den Hafen.

Hochkarätig besetztes Treffen: Vertreter von Wirtschaft und Politik besprachen im Kelheimer Hafen, wie sich „grüne Energie“ von Afrika nach Kelheim transportieren lässt. - Foto: Hutzler

Um hier das Ammoniak in H2 rückzuwandeln, bräuchte es eine sogenannte Cracking-Anlage. Sie soll nach derzeitiger Planung „mobil“ entstehen, nämlich auf einem Schiff, so Hafen-Geschäftsführer Tobias Schlauderer. Dadurch könnte der Cracker reihum Bayerns Häfen ansteuern und dort angeliefertes Ammoniak spalten.

■ Abnehmer: Direkt neben dem hiesigen Hafen sitzt mit Kelheim Fibres ein Großabnehmer, der bis zu 15.000 Tonnen H2 bzw. 100.000 Tonnen Ammoniak pro Jahr für seine Hygiene- und Spezialfaser-Herstellung benötigt. „Damit könnten wir der weltweit erste klimaneutrale Faserhersteller weltweit werden und so unsere Wettbewerbsfähigkeit steigern“, sagte Wolfgang Ott, Energie-Manager von Fibres.

Großes Interesse in der „Wasserstoffallianz Donauregion Regensburg-Kelheim“

Auch andere Unternehmen der „Wasserstoffallianz Regensburg-Kelheim“ interessieren sich für „grüne Energie“: Chefs und Verantwortliche von BMW, Bayernoil, Fels-Werke Saal, Walhalla Kalk Regensburg, Krones und anderen großen Playern waren in Kelheim dabei. Für Kommunen und deren Nahwärmeplanung sei „grüner H2“ ebenfalls interessant, so die Bürgermeister Christian Nerb (Saal) und Thomas Zehetbauer (Riedenburg).

■ Umsetzung: Der Regensburger OTH-Professor Hans-Peter Rabl plant eine Machbarkeitsstudie fürs Projekt. Vorausgesetzt, man treibe – neben einer 30-prozentigen Förderung durch Bayerns Wirtschaftsministerium – den Rest der rund 150.000 Euro Kosten auf.

Geschäftsführer Martin Dreßen (li.) von der Glatt Maschinenbau GmbH im Gespräch mit Landrat Neumeyer und Wirtschaftsminister Aiwanger. Das Abensberger Unternehmen ist mittlerweile auch im Energiesektor tätig. - Foto: Hutzler

Vor allem aber wird die finanzielle Darstellbarkeit vom „grünen H2“ selbst die große Herausforderung. Zwar ist Solarenergie in Namibia eine kostengünstige und unerschöpfliche Energiequelle. Aber die gesamte Logistik-Kette mache, zumindest in der Anfangsphase, den Wasserstoff letztendlich etwa doppelt so teuer wie die konventionellen Energieträger der Industrie, hieß es.

Mehrere Redner forderten daher, dass der Staat die Anschubfinanzierung fördern müsse. Und äußerten leise Zweifel, dass es schon reiche, diesen Förderbedarf einfach beim Wirtschaftsministerium anzumelden. Dazu hatte Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Aiwanger explizit aufgefordert und betont, der Freistaat sehe H2 als wichtige Zukunftstechnologie.