Sie liebt schweres Gerät und Schmiere: Langquaiderin startet bei Gabelstapler-WM

Von Martin Rutrecht · 8. Oktober 2025 um 19:00

Zierlich, adrett: Jessica Ruhstorfer macht äußerlich nicht den Anschein, als würde sie gerne mit schweren Fahrzeugen hantieren. Doch die Langquaiderin hat nicht nur ein Faible für Autos, sondern auch für Gabelstapler. Jetzt hat sie sich für die Stapler-WM qualifiziert. „Völlig überraschend“, sagt die 36-Jährige, und erzählt von einem „schmierigen“ Werdegang.

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„Ich will Kfz-Mechanikerin werden!“ Schon in jugendlichem Alter wusste Ruhstorfer genau, wohin ihr Berufsweg führen sollte. „Mein erster Freund war Mechaniker. Autos und Schmiere habe ich geliebt“, sagt die Langquaiderin. Und erfuhr eine Enttäuschung. Ihr wurde in einer Werkstatt eine Ausbildungsstelle angeboten. „Doch vor 20 Jahren gab es keine eigene Umkleide oder Toilette für Frauen. Ich konnte nicht beschäftigt werden.“

Sie sei „richtig traurig“ gewesen. Aus Frust stieg Ruhstorfer direkt in die Arbeitswelt ein, ohne Ausbildung, und verdingte sich in verschiedenen Jobs, ehe sie bei BMW in Regensburg landete. Dort ist sie heute Fachlageristin. Der Wunsch nach schwerem Gerät erfüllte sich daheim am Bauernhof für Ackerbau. „Bulldog, Anhänger und einen alten Gabelstapler haben wir.“ Auf Letzterem saß sie bereits als 16-Jährige.

„Da kriegt man mich nicht runter“, lacht sie. Bis heute nicht. Den Staplerschein legte sie 2010 ab. Bei BMW manövriert sie einen Fünf-Tonnen-Stapler mit 2,40 Meter langer Gabel. „Je größer, desto besser.“ In ihrem aktuellen Job müsste die 36-Jährige eigentlich nur im Büro sitzen. „Aber bei der Nachtschicht hocke ich mich auch ein, zwei Stunden auf den Gabelstapler.“ Das lasse sie sich nicht nehmen.

Mit einem Finger viel bewegen

Die Begeisterung rührt für die Langquaiderin „aus der filigranen Arbeit mit einem großen Fahrzeug. Mit nur einem Finger bewegt man sehr viel, muss genau steuern.“ Sie fühle sich wohl auf dem Gerät. Dass Ruhstorfer vom 23. bis 25. Oktober 2025 bei der „Forklift World Championship“ in Aschaffenburg startet, kam eher per Zufall, erklärt sie.

„Für eine Anmeldung gab’s ein Handy-Ladekabel als Werbegeschenk – und das wollte ich haben“, gesteht sie offen. Dafür musste die Laabertalerin aber auch beim Qualifikationsturnier in Hagelstadt (Lkr. Regensburg) antreten. „Ausgerechnet habe ich mir gar nichts.“ Aber „ich hab’ mich saugut angestellt“.

Rang eins beim Quali-Turnier: Die Langquaiderin strahlt. - Foto: Rutrecht

Bei einer Aufgabe waren Basketbälle mit der Gabel aufzunehmen und im Korb abzulegen. In einer anderen Challenge galt es Fässer exakt in einem vorgegebenen Kreis zu platzieren. „Als alles vorüber war, hieß es: Du bist auf Platz eins bei den Frauen.“ Ruhstorfer staunte, auch weil sie Rang 46 unter allen 160 Teilnehmern, also auch den männlichen, einnahm. „Die zweitbeste Frau lag auf Platz 120.“

Kollegen haben mir gratuliert, die ich gar nicht kenne.

Jessica Ruhstorfer

Die WM, die sich aus dem 2005 erstmals ausgetragenen Stapler-Cup entwickelt hat, wird eine große Nummer: Tausende Zuschauer in der Halle, Livestreams im Internet und ein internationales Starterfeld von namhaften Unternehmen, auch die US-Army war schon vertreten. Noch bleibt Ruhstorfer ruhig. „Ich lasse mich überraschen. Die Aufregung wird sicher noch kommen.“

Die Herausforderung für die Teilnehmer besteht darin, Moosgummiteile, beispielsweise Reifen, aufeinander zu stapeln und mit diesem Turm, der bis zu vier Meter hoch ist, über eine große Wippe zu fahren und ihn abzustellen. Natürlich sollte nichts runterfallen und die Zeit läuft mit. „Wirklich üben kann ich das daheim oder in der Arbeit nicht“, sagt die WM-Debütantin.

Ein Joystick ist neu für sie

Antreten wird die Langquaiderin als Einzelstarterin. Zudem gibt es Teamwettbewerbe für Firmen und Nationen. „Ich bin nicht über BMW angemeldet, daher fällt der Firmencup für mich flach.“ Ob sie ins deutsche Aufgebot für den Mannschaftsentscheid rückt, weiß sie noch nicht. Die Gabelstapler bei der „Forklift World Championship“ haben eine andere Steuerung, als Ruhstorfer gewohnt ist. „Da wird mit einem Joystick hantiert. Daran muss ich mich erst gewöhnen.“ An einem Simulator in der Halle könne man das üben, habe ihr ein Arbeitskollege geraten.

Mit Benjamin Danker aus Neustadt a. d. Donau tritt auch ein erfahrener WM-Starter aus dem Landkreis Kelheim an. - Foto: Bert Willer

In der Arbeit ging ihre Qualifikation um wie ein Lauffeuer. „Mitarbeiter, die ich gar nicht kenne, gratulieren mir oder wünschen mir Glück bei der WM“, berichtet sie strahlend. Von einem Kollegen wird die 36-Jährige auch nach Aschaffenburg begleitet. „Er ist auch privat ein guter Freund.“

Ein Ziel setzt sich Jessica Ruhstorfer nicht. „Schauen wir mal, was kommt. Ich bin sehr gespannt.“ Bis dahin wird sie auch daheim weiterhin auf schwerem Gerät sitzen. Es geht aber auch ohne Motor: „Ich bin gerne an der frischen Luft, beim Spazieren oder im Garten. Das ist ein guter Ausgleich zum Büro.“ Oder sie hockt sich auf den alten Gabelstapler.

Der Routinier

Dauerbrenner: Qualifiziert für die WM in der Linde MH Arena in Aschaffenburg ist auch Benjamin Danker aus Neustadt a. d. Donau. Der 36-Jährige vom Autozulieferer Samvardhana Motherson Peguform (SMP) hat reichlich Erfahrung beim Stapler-Cup. Schon 2013 startete er erstmals. Mit Platz eins bei der Quali in Hagelstadt löste er souverän das Ticket für 2025.

Erfolge: Höhepunkt bisher war der Gewinn des deutschen Einzel-Titels in 2022, als der Cup noch nicht als WM galt. Zudem holte sich Danker mit SMP Deutschland dreimal den Firmen-Cup und sicherte sich 2019 mit dem Nationalteam den Nationscup (Vorläufer der Team-WM). In 2024 wurde er bei der WM-Premiere mit Deutschland Dritter.