Lisa-Maria Reitinger (26) aus Rötz ist Kammersiegerin in einer Männerdomäne mit Zukunft

„Das höre ich tatsächlich ab und zu: Dass man einen Handwerker mit lackierten Fingernägeln nicht so häufig sieht“, sagt Lisa-Maria Reitinger aus Rötz (Landkreis Cham). Sie fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Aber ein bisschen Mädel muss man schon bleiben.“ Vor kurzem wurde die 26-Jährige für ihre Leistungen bei der Gesellenprüfung von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz ausgezeichnet – und zwar in einem typischen „Männerberuf“.
Lisa-Maria, die im August mit ihrem Freund zusammen nach Rötz gezogen ist, ist Elektronikerin mit Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik. Mit einer Abschlussnote von 1,3 gewann sie auf Kammerebene in ihrem Beruf und durfte eine Urkunde und eine Medaille aus den Händen von Kammerpräsident Dr. Georg Haber entgegennehmen.
Trotz ihres jungen Alters hat sie einiges an Berufserfahrung vorzuweisen. Doch so vorgezeichnet, wie Lisa-Marias Berufsweg auf den ersten Blick scheint, war er in Wirklichkeit gar nicht. Ihre Großeltern Marianne und Anton Reitinger legten vor über einem halben Jahrhundert den Grundstein für ein Elektro-Unternehmen in Winklarn, das so erfolgreich war, dass drei ihrer Söhne sich jeweils spezialisierten und eigene Firmen im selben Ort gründeten. Eine davon ist die Reitinger GmbH & Co. KG, bei der die 26-Jährige im Februar ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Auch ihre Eltern Marion und Anton, die die Firma leiten, leben in Rötz.
Die Entscheidung, den Betrieb einmal weiterzuführen, habe sie erst relativ spät getroffen, erzählt Lisa-Maria – obwohl ihre zwei Brüder sich bereits für andere berufliche Wege entschieden hatten.
Nach ihrem Realschul-Abschluss in Neunburg vorm Wald machte sie zunächst eine erste Ausbildung zur Informatikkauffrau im Bereich Software-Entwicklung. Von Anfang an merkte sie allerdings, dass die „reine Büroarbeit“ ihr gar nicht liegt: „Das hat mich nicht glücklich gemacht.“
Bald in die Meisterschule
Trotzdem zog sie die Ausbildung durch, war mit 18 Jahren damit fertig und begann, einem lang gehegten Berufswunsch nachzugehen: Sie zog nach Regensburg und arbeitete dort als Rettungssanitäterin.
Langfristig gesehen sei für sie jedoch damals schon klar gewesen, dass sie die körperlich und mental immens herausfordernde Tätigkeit nicht für immer ausüben werde. Für ihr Vorhaben, Medizin zu studieren, holte sie deshalb ihr Abitur nach.
Obwohl sie die Zulassung geschafft hätte, entschied sie sich aber noch während der Berufsoberschule gegen ein Studium. Letztlich sei ihre Technik-Begeisterung ausschlaggebend gewesen – und so begann sie im September 2022 ihre Ausbildung zur Elektronikerin.
„Weil ich immer noch Sanka gefahren bin zwischendurch, haben die Jungs im Betrieb in der Übergangszeit zwischen BOS und dem Start der Ausbildung schon gefragt, ob ich da bleibe“, erzählt sie. Sie ist geblieben, und nicht nur das: Ab dem 20. Oktober geht es für etwa ein Jahr mit der Meisterschule in Schwandorf weiter.
Bei ihrer täglichen Arbeit im elterlichen Betrieb kümmert sich Lisa-Maria hauptsächlich um die Montage und den Service von PV-Anlagen, um Energiemanagement in Häusern und Wohnungen, wie Videoüberwachung, Alarmanlagen, aber auch um Glasfasertechnik. Als Elektronikerin baut sie sowohl die PV-Anlagen aufs Dach und installiert auch die zugehörige Elektronik im Keller. Ein Arbeitstag auf dem Dach, vor allem bei Hitze, sei körperlich natürlich richtig anstrengend.
Das ist wohl auch der Hauptgrund, warum das, was die 26-Jährige macht, allgemein als „Männerdomäne“ gilt. Manchmal merke man, dass die Leute voreingenommen seien und man sich dann ein Stück weit mehr beweisen müsse als männliche Kollegen. „Aber wenn man zeigt, was man kann, ist die anfängliche Skepsis bald verschwunden“, hat sie festgestellt.

Und: „Wenn wir auf Baustellen mit anderen Gewerken zusammenarbeiten, sind das auch fast nur Jungs.“ Abgehalten von ihren Plänen hat Lisa-Maria das nie: „Zum einen helfen wir auf der Baustelle sowieso alle zusammen.“ Und zum anderen könne man für manche Aufgabenstellungen durch Nachdenken auch einen anderen Weg finden, wenn es an der körperlich benötigten Kraft fehle, so die Erfahrung der zierlichen 26-Jährigen.
Brief kam überraschend
Sie ist überzeugt, dass Frauen auch in klassischen „Männerberufen“ ihre Erfüllung finden können. „Ich würde mich freuen, wenn ein Mädel seine Ausbildung bei uns beginnen würde, von mir gäbe es dann natürlich auch die volle Unterstützung.“
Obwohl sie zuvor schon von der Kreishandwerkerschaft Amberg-Sulzbach ausgezeichnet worden war, habe sie der Brief der Handwerkskammer mit der Einladung zur Feier anlässlich der Deutschen Meisterschaft im Handwerk überrascht, so Lisa-Maria.

Die Abschlussprüfung, bei der sie so gut abgeschnitten hat, habe sie relativ entspannt angehen können – einerseits wegen ihrer beruflichen Vorerfahrung, andererseits, weil sie mit der Tätigkeit aufgewachsen sei – wenn sie zum Beispiel schon als Kind mit dabei war, wenn ihr Vater einen Fernseher ausgeliefert hat. Beim praktischen Teil der Prüfung erstellte sie einen kleinen Projektaufbau zu einem virtuellen Sägewerk auf einem 3D-Brett inklusive Verkabelung und Förderband, beim theoretischen Teil mussten unter anderem Schaltpläne gezeichnet werden.
Dass das gute Abschneiden der Gesellen von der Handwerkskammer gewürdigt wird, darüber freut sie sich. Schließlich sei es ein großer Aufwand, eine solche Veranstaltung auszurichten. „Es zeigt auch Wertschätzung dafür, dass es wichtig ist, was wir machen.“ In ihrem Fall sei das: Einen Beitrag zu leisten zur Energiewende und zum Klimaschutz und allgemein besser und effizienter mit der Ressource Strom umzugehen.
Nach dieser Ehrung steht übrigens schon wieder die nächste Aufgabe an: Am Mittwoch geht es nach Nürnberg zum Entscheid auf Bayern-Ebene. Für die Prüfung hat die Elektronikerin vorab eine Materialliste zugeschickt bekommen – Werkzeugkoffer inklusive Laptop und Messgerät sind schon gepackt.