Rundum eigensinnige „Leid“: Schwafi schlägt poetisch und musikalisch krumme Pfade ein

Von Michael Scheiner · 7. Oktober 2025 um 11:47

Auch wenn die Lieder vor schwarzem Humor triefen und mit dem Härtegrad eines Diamanten zuschlagen: Im Album von Klaus Schwarzfischer trippelt fast immer ein Quäntchen Mitgefühl mit.

Ausgerechnet Portland, die „kriegsverwüstete Stadt“ im Nordwesten der USA! Dort, wo Portugal, The Man, Courtney Love und Sleater-Kinney beheimatet sind, ließ das Regensburger Multitalent Schwafi sein neues Album „Leid“ mischen. Bereits früher hat Kevin Carafa aus der größten Stadt Oregons Alben von Schwafi gemischt, ohne dessen oberpfälzischen Slang auch nur ansatzweise zu verstehen. „It’s just a matter of emotion“, es sei „nur eine Frage der Emotionen“, lautet das Motto des Toningenieurs – und das Ergebnis gibt ihm recht.

Gesang und Musik, die Klaus Schwarzfischer, wie Schwafi mit bürgerlichem Namen heißt, wieder im Alleingang im homerecording aufgenommen hat, sind gleichermaßen gut verständlich und optimal in Balance. Das ist auch unbedingt notwendig, denn die mundartlichen Texte erschließen sich nicht auf Anhieb und sind selten eindeutig. Bereits das Titellied „Leid“ kann als Synonym für „Elend“ aber auch als mundartliche Variante von „Leute“ gelesen werden.

Leis: Das steht hier nicht für leise, sondern für Läuse

Beim Song „Leis“ drängt sich für den hochdeutsch Sozialisierten eine Modifikation für „leise“ auf, gemeint sind aber Läuse, die einem manchmal über die Leber krabbeln. Der Singer-Songwriter hat da eine ganze Läusekolonie losgelassen, um dem Protagonisten, über den er singt, das Leben gründlich zu vermiesen. Tatsächlich haben sich schon Menschen wegen deutlich weniger das Leben genommen. Nun ist der Regensburger kein böser Einflüsterer oder unerbittlicher Mobber, ganz im Gegenteil. Auch wenn seine Lieder vor schwarzem Humor triefen und mit dem Härtegrad eines Diamanten zuschlagen, trippelt fast immer ein Quäntchen Mitgefühl mit.

Schwafi singt über früher, „Seinerzeit“ als „(koaner) iwan Hautkrebs lamentiert hat“ und der Kaplan „gfragt hod, ob d Ministrantn ned kiazane Hosn ozuing kanntn“. Es ist eine düster-makabre Stimmung, die zwischen Blues und Indie-Geklampfe, zwischen Industrial und Americana wabert. Manchmal vernimmt man auch ein entferntes Echo der Volksmusik, der Schwafi als Jugendlicher in der Provinz schreiend entflohen ist. Musikalisch kennt der Texter-Dichter-Sänger kaum Grenzen, der Sound muss einfach zum Song passen.

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Beim Gesang kann Schwafi ohne rot zu werden auf große Vorbilder verweisen, etwa Bob Dylan oder Leonard Cohen. Die können auch nicht singen und haben gerade deshalb einen hohen Wiedererkennungswert. Im Titelsong schreit er geradezu sein „Leid“ über beklagenswerte Zustände heraus, rotzt seinen Zorn, seine Ratlosigkeit und Wirrnis über die Welt und das Wetter heraus. Anders als das Vorgängeralbum „Paula brennt“, das auch in Portland fein getunt wurde, kann Schwafi keine vorgegebene Geschichte zerlegen und umbauen. Mit „Leid“ schafft er seine eigenen Geschichten und Bilder, an die die geneigten Zuhörenden andocken können. Das heißt, wenn sie nicht vorher die CD zerbeißen oder die Files wutentbrannt löschen, weil ihnen die Themen zu nahe gehen oder sie vom Pathos erdrückt zu werden drohen.

Es ist ein typisches tüchtiges Schwafi-Erzeugnis geworden – engagiert, poetisch und rundherum eigensinnig. Da werden Songstrukturen ad absurdum geführt, mit einer Stimme Mehrstimmigkeit zelebriert und der Dialekt gefeiert.

„Leid“ gibt es als Download auf allen gängigen Streamingplattformen oder als Tonträger bei: Klaus Schwarzfischer, schwafi@t-online.de. Alle Details: www.schwafi.com