Per Himmelslift in die Herzen: Julius Grimm zeigt Jenseits-Komödie in Regensburg

„Zweigstelle“ entfaltet bei der Preview ihren Reiz als bayerische Himmelspforten-Komödie der Gegenwart.
Angesichts der peniblen Ordnung, die in dieser „Zweigstelle“ herrscht, droben, im weißblauen Himmel, da hätte der Brandner Kaspar – Gott hab ihn selig! – mit seinen trivialen Tricks glatt einpacken können. Und er hätte definitiv den Kürzeren gezogen bei Verlängerungswünschen, was sein Dasein hienieden anbelangt. Denn weder Rita (grandios und auf leise Weise krachert: Luise Kinseher) noch Silvia (brillant und auf präzise Weise Münchnerisch: Johanna Bittenbinder), die zwei Sachbearbeiterinnen für irdische Sterbefälle, ließen sich in ihrer strikt aufs Analoge schwörenden Vermittlungsstelle ins Jenseits jemals hinters ewige Licht führen. Nicht einmal nach Kirschwasser-Attacken könnte man diesen beiden, sämtlichen Amtsstuben-Usancen genügenden Kostümträgerinnen eine Eichel-Sau unterjubeln. Anstatt eines Gras-Obers.
Nein, nein: Jeder Antragsteller wird hier streng und objektiv nach seiner speziellen religiösen Façon abgeurteilt. Sodass sich das juvenile Quartett, bestehend aus den vier Zentralfiguren Resi, Sophie, Fipsi und Mel, das gerade per Himmelslift eingetroffen ist, erst einmal einer Gewissensprüfung unterziehen muss. Schließlich kann jeder Antragsteller nur ein Kreuz, äh, nur einen seinem Glauben gemäßen Platz beanspruchen. Atheisten dagegen? Denen blüht das bloße Nichts!
Manchmal zieht sich’s
Ja, recht hübsch ausgedacht hat sich Regisseur Julius Grimm mit seinem Drehbuch-Kompagnon Fabian Krebs für sein Debüt dieses Update bayerischer Himmelspfortenträume. Was ganz gewiss nicht schadet, ist doch Marcus H. Rosenmüllers 2006er-Klassiker „Wer früher stirbt…“ auch schon in die Jahre gekommen und hat Patina angesetzt.
Auch wenn sich die Handlung von „Zweigstelle“ manchmal etwas zieht, sich Figuren entweder gegenseitig auf die Füße treten (dass Mel mehrfach vom Notarzt zurückgeholt wird, trägt zwar groteske Züge, schärft aber die Konturen dieser Figur nicht unbedingt) oder dass im Falle von Michi (sehr liab: Julian Guttmann) nicht ganz klar wird, weshalb sich Resi (die in der Zweigstelle „Nulli“ heißt und von Sarah Mahita insgesamt doch ein wenig blass interpretiert wird) partout von ihm trennen möchte. Obwohl ein Wunder dafür sorgt, dass den beiden nach Michis letalen Tumorerkrankung eine Zukunft auf Erden zustünde – Schwamm drüber.
Lesen Sie mehr: Besser hätt's kaum laufen können: Julius Grimm über sein Spielfilm-Debüt
Dieses Low-Budget-Debüt (das nicht nur im Sommer beim Filmfest München, sondern auch kürzlich bei der Filmkunstmesse in Leipzig mit dem Publikumspreis bedacht wurde), es überzeugt neben schon erwähntem Klamauk vor allem durch grandiose Schauspielerleistungen. Da ist allen voran Maxi Schafroth zu nennen, der als nerdiger Experte für die Auslösung von Wundern seinen persönlichen Kampf mit der ersten Generation mausloser Computer und dazugehöriger Druckertreiber ausficht. Auch Roy Bianco und seine Abbrunzati Boys sind ganz wunderbare, im Zehnminutentakt auftauchende Entertainer. Rainer Bock (was für eine tiefsinniger Charakterdarsteller, der vor Jahren schon in „Bornholmer Straße“ an der Seite von Charly Hübner brillierte) gibt den „Hausmeister“ – und interpretiert diesen als Shakespeare’sche Figur, die auf leise und eindringliche Art Kernfragen des „Sein oder Nicht-Seins“ in den Fokus rückt.
Supersympathisch auch der Auftritt von Julius Grimm, hier vor einem Publikum, das zu großen Teilen auch seinen Vater Wolfgang Grimm (1959-2007) kannte, den Künstler und Gründer des Kunstvereins Graz. „Ich war Dein Babysitter, Julius!“, ist am Sonntagabend, bei der Premiere im Regina-Kino, aus dem Publikum zu hören. Von der Bühne herunter gesteht der Regisseur den Gästen im gut gefüllten Saal, dass einer der Impulse für diese Komödie gewesen sei, dass ihn „der Tod schon sehr lang begleitet“. Worauf die Stimme der Babysitterin antwortet, dass ihr während der 90 Minuten ohnehin die „Tränen in die Augen gestiegen“ sind.
Der Vergänglichkeit bewusst
Damit wären wir also im Kernbereich des Ganzen gelandet: Dieser Film hat ein Anliegen – und das zielt keineswegs in erster Linie oder direkt aufs Zwerchfell. Sondern – Julius Grimm sagt das mit großem Ernst: „Es lohnt sich, in Zeiten wie diesen, wenn man sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst ist!“ Sagt’s. Lächelt weise. Und freut sich auf den bundesweiten Filmstart seiner „Zweigstelle“ am 9. Oktober.