Oscar-Preisträger in Regensburg: „Ich bin der Beethoven-Typ“

Den Mozarts fliegt alles zu. Bei John Corigliano dauert es manchmal, bis er vollständig zufrieden ist mit einem Werk. Dafür holt er auch berühmte Auszeichnungen. Im Interview erzählt er, was seine Musik so besonders macht - und schwärmt von ersten Eindrücken in Regensburg. Hier inszeniert Intendant Sebastian Ritschel seine Oper „The Ghosts of Versailles“. Am Samstag ist Premiere.
Mr. Corigliano, Ihre Werke werden an Häusern wie der Met in New York gespielt. Warum gefiel Ihnen die Idee, dass Ihre Oper „The Ghosts of Versailles“ nun an einem Stadttheater in der Oberpfalz zu sehen ist?
John Corigliano: Ich hörte von einer Kollegin in New York wunderbare Dinge über das Haus. Es ist ein wunderschönes Theater. Großartig, ein Haus zu haben, das ein Orchester dieser Größe besitzt und dennoch einen Zuschauerraum, der klein genug ist, um die Intimität der Oper zuzulassen. Und der Klang ist wunderbar.
Die Story um den Geist der geköpften Marie Antoinette ist verrückt. Was hat Sie inspiriert?
Corigliano: Lange Geschichte! Sie fing nicht bei Marie Antoinette an. James Levine, der Dirigent der Met, kontaktierte mich für ein Auftragswerk. Ich wollte ein Stück für Sopranistin Renata Scotto und Orchester schreiben – keine Oper. Denn eine Oper ist wahnsinnig viel Arbeit. In dieser Zeit kann man drei Sinfonien schreiben, die auch öfter gespielt werden als eine Oper. Als Jimmy insistierte, schlug ich eine Opera Buffa vor. Ich liebe große komische Opern. Ich wollte etwas, das Arien bietet, aber auch Duette, Terzette, alle Formen. Ich bezog mich auf Beaumarchais, der drei Stücke schrieb: Figaro, Barbier von Sevilla und „La mère coupable“, und nahm die dritte, die in der französischen Revolution angesiedelt ist und eine verrückte Liebesgeschichte erzählt. So fing es an.
Wie eng war die Arbeit mit Librettist William M. Hoffman?
Corigliano: Bill war mein guter Freund für 25 Jahre. Er war ein ganz bemerkenswerter Schriftsteller. Ein Librettist muss zwei Dinge sein: ein guter Poet und ein guter Dramatiker. Und Bill war beides!
„Ghosts“ spielt in zwei Zeitebenen. Warum?
Corigliano: Ich wollte klassische, nicht neoklassische Musik, und sie überlagern mit Einschüben in anderen Stilen. Deshalb brauchte ich zwei Ebenen. Ich sagte Bill: Was kannst du mir geben, damit wir in die Opera Buffa hineinsehen, sie aber auch wieder verlassen können? Er meinte: die Welt der Träume oder der Geister. Wir wählten Geister. Erst dann brachten wir Marie Antoinette und Beaumarchais ins Spiel. Es funktionierte für uns sehr gut, zwei Welten zu verbinden, als Oper in der Oper.
Aber der Anti-Royalist liebte die Königin ja nicht wirklich.
Corigliano: Dass er sich in sie verliebte, ist natürlich Fiktion. Aber er kannte sie tatsächlich. Nur: Er überlebte die Revolution; sie offensichtlich nicht. In „Ghosts“ schreibt er eine Oper für sie und versucht, sie vor der Guillotine zu retten. Es gab ja damals wirklich den Plan, die Königin in einem Ballon von Montgolfier nach Pennsylvania zu fliegen.

Ihre Kompositionen sind getränkt von der Musiktradition auf dem alten Kontinent, auch gut hörbar für europäische Ohren. Trotzdem sind Sie in den USA ein Star, aber hier wenig bekannt. Warum, meinen Sie?
Corigliano: Die meisten Europäer halten nicht viel von amerikanischer Musik. Sie interessiert sie einfach nicht. Höchstens die Minimalisten, Philip Glass, John Adams. Das können wir leider nicht ändern. Ich wünschte, es wäre anders.
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Es gibt Zigtausende Opernkomponisten – aber kaum einer hat wie Sie einen Oscar, einen Pulitzerpreis und fünf Grammys gewonnen. Was also machen Sie so außerordentlich gut?
Corigliano: Nun, ich schreibe die beste Musik, die ich schreiben kann. Was ich liebe: Das Beste aus europäischer Musiktradition zu nehmen und darauf die Klangfarben der Avantgarde zu applizieren. Und ich hoffe, dass es mir gelingt, diese Klangwelten zu verbinden und daraus eine dritte Art von Musik zu kreieren – Musik der Vergangenheit und der Zukunft in der Gegenwart zu vereinen.
Manchmal dauert es lange, bis eines Ihrer Werke fertig ist. Sie zweifeln. Wie schwierig ist die Balance von Zweifeln und Tun?
Corigliano: Ich tue mich schwer beim Komponieren. Es gibt zwei Arten von Komponisten: die Mozarts und die Beethovens. Mozart setzte sich hin und schrieb Tonnen und Tonnen von Musik. Ich wäre für mein Leben gern Mozart. Aber ich bin der Beethoven-Typ. Er komponierte viel weniger als Mozart, obwohl er viel länger lebte. Er machte sich über alles Gedanken, er korrigierte wieder und wieder. Unglücklicherweise habe ich nicht spontane Ideen, die mir zufliegen. Ich brauche eine Weile, um über Dinge nachzudenken, und eine Weile, um diese Dinge umzusetzen. Für „Ghosts“ brauchte ich zwölf Jahre. Eine lange Zeit.

Wann waren Sie in Deutschland?
Corigliano: Ich war mehrfach hier, etwa in Hannover, zur Aufführung von „Ghosts“, oder 1964 in München, um einen Freund zu besuchen.
Sie sind am Dienstag aus New York gekommen. Haben Sie schon erste Eindrücke von Regensburg sammeln können?
Corigliano: Ich liebe es! Es ist fantastisch schön. Das Pflaster, die Fassaden der historischen Häuser, die Kathedrale. Ich hatte keine Vorstellung davon. Wirklich ein Juwel von einer Stadt, alles so perfekt erhalten und nicht vom Krieg zerstört.
Und die Eindrücke von der Inszenierung hier, kurz vor der Premiere am Samstag?
Corigliano: Ich war bei einer Probe am Abend meiner Ankunft und bin sehr sehr angetan. Einige Sänger waren ausgefallen, aber andere Künstler sprangen ein. Beeindruckend: Fabiana Locke, sie machte einen tollen Job. Eine schöne Produktion!
Sie sind 87. Planen Sie neue Projekte?
Corigliano: Gute Frage! Es sind einige schreckliche Dinge passiert. Ich bin drei Mal gestürzt in den letzten fünf Jahren. Ich brach mir auch das rechte Handgelenk. Ich hatte vier OPs, aber es heilt nicht. Und ich notiere die Noten nicht am Computer, sondern per Hand. Und darüber hinaus: Es gibt nichts mehr, was ich komponieren möchte. – Aber ich unterrichte, an der Juilliard School. Ich liebe meine talentierten Studenten. Einige sind sehr erfolgreich! Sie halten mich lebendig.
Interview: Marianne Sperb
John Corigliano persönlich begegnen
John Corigliano erhielt von der New Yorker Met den Auftrag für eine Oper, zum 100. Geburtstag des Hauses 1983. „The Ghosts of Versailles“ wurde aber erst viel später fertig und an der Met 1991 uraufgeführt. In Deutschland wurde die Oper nur ein Mal inszeniert: vor 25 Jahren in Hannover. Jetzt ist „Ghosts“ in Regie von Intendant Sebastian Ritschel am Theater Regensburg zu sehen. Am Samstag (19.30 Uhr) ist Premiere. Vorab (18.45 Uhr) kann man dem Komponisten persönlich begegnen, bei einer Einführung zur Oper. John Corigliano, Jahrgang 1938, ist einer der bedeutendsten US-Komponisten der Zeit. Gleich seine erste Filmmusik war 1981 für den Oscar nominiert, mit der Musik zu „The Red Violin“ holte er die Trophäe dann 2000. Seine berühmte erste, düstere Sinfonie widmete er 1989 Freunden, die an Aids gestorben waren. Für seine zweite Sinfonie erhielt er 2001 den Pulitzerpreis. Außerdem gewann er fünf Grammys.