Brand in Neumarkter Wohnblock war nicht der erste Vorfall – Gericht hat entschieden

Sie war den Nachbarn seit Jahren ein Dorn im Auge – laut und unberechenbar. Dann legte die 45-Jährige aus Neumarkt Feuer in ihrer Wohnung. Nun hat das Landgericht Nürnberg-Fürth entschieden, wie es mit ihr weitergeht – und der Gutachter warnt: „Es kann jederzeit wieder passieren.“
Eine 45-Jährige aus Neumarkt muss ihr Leben vorerst weiter in der forensischen Psychiatrie verbringen. Das hat das Landgericht Nürnberg-Fürth am Mittwoch entschieden. Zuvor waren andere skurrile und gefährliche Vorfälle in Neumarkt Thema gewesen.
Die Frau ist keine Unbekannte für die Behörden. Landratsamt, Polizei und gerichtlich eingesetzte Betreuerinnen hatten immer wieder mit ihr und den Folgen von Situationen zu tun, die sie in aller Regel in psychischen Krisen verursacht hatte. In der Wohnung in der Seelstraße, wo sie schließlich Ende Dezember 2024 das Feuer legte, sei sie immer wieder laut gewesen, habe geschrien und mehrfach auch Gegenstände wie ein Fahrrad oder eine Matratze vom Balkon geworfen. Nicht ungefährlich bei der Höhe im dritten Stock, vor allem aber offenbar ein Ärgernis für die Nachbarn.
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Die aktuelle Betreuerin der Beschuldigten berichtete vor Gericht, dass sogar Unterschriften gesammelt worden waren, um die schwierige Mieterin zum Auszug zu bewegen. Ein dreiviertel Jahr vor dem Brand habe die Frau, offenbar ebenfalls im Wahn, ihre gesamte Wohnung unter Wasser gesetzt, Schlitze in Wände und Decke geschlagen und alle Kabel abgeschnitten. Die Betreuerin hatte daraufhin einmal mehr die Einweisung ihrer Klientin ins Bezirksklinikum beantragt.
Vorsitzender Richter Claas Werner blickte noch weiter in die Vergangenheit. Er hörte eine junge Autofahrerin aus dem Landkreis Neumarkt, der die Beschuldigte im August 2020 an der Amberger Straße so unvermittelt vor das fahrende Auto gesprungen war, dass diese einen Unfall nur mit einem riskanten Ausweichmanöver auf die Gegenspur verhindern konnte. Bei der Polizei sprach die Beschuldigte damals davon, dass die Autofahrerin und ihre Begleiterinnen vom Teufel geschickt worden seien.
Im April 2021 versetzte sie einer jungen, ihr unbekannten Frau, die ihr auf dem Gehweg entgegenkam, kommentarlos und völlig unvermittelt eine Ohrfeige. Diese erlitt eine Kopfprellung.
Es braucht keinen äußeren Anlass, damit so etwas wieder passieren kann.
Dr. Michael Wörthmüller, Forensicher Psychiater
Das Leben der 45-Jährigen scheint von zahllosen Schicksalsschlägen geprägt: früher Drogenmissbrauch, der möglicherweise die Schizophrenie ausgelöst hat, Sucht, Suizid der Mutter, der Verlust der eigenen Kinder, Prostitution. Über viele Jahre führte sie ein Leben zwischen Klinikaufenthalten, zum Teil ein Jahr lang, und dem Versuch, den Alltag zu Hause alleine zu meistern. Das klappte mehr schlecht als recht.
Feuerwehr stolperte beim Löschen über Möbel hinter der Wohnungstür
Als der Angriffstrupp der Feuerwehr Neumarkt die Wohnung vom Flur aus betrat, wäre einer der Ehrenamtlichen fast über ein TV-Bord gestolpert, schilderte dieser vor Gericht. Offenbar war die Wohnungstür von innen mit Möbeln verrammelt worden.
Ob sie beim Brand Stimmen gehört habe, wusste sie nicht mehr. Das aber sei auch Teil der Krankheit, erklärte die Beschuldigte auf Nachfrage von Richter Werner: „Man weiß manchmal nicht, was ist real und was ist Stimmen hören, wenn man schon so lange krank ist.“
Psychiatrischer Gutachter: Feuer als Möglichkeit, um Spannung abzubauen
Das deckte sich auch mit der Wahrnehmung des forensischen Psychiaters Dr. Michael Wörthmüller. Für ihn war klar: Durch die Krankheit konnte sie nicht anders handeln, wenn ihr auch klar ist, wie gefährlich das Feuer war. In seinem Gutachten geht er davon aus, dass auch weiterhin eine Gefahr von der 45-Jährigen ausgeht: „Es braucht keinen äußeren Anlass, damit so etwas wieder passieren kann.“ Häufig sei Feuer in solchen Fällen eine Option, um Spannung abzubauen. Das könnte auch hier so gewesen sein.
Einer ihrer behandelnden Ärzte berichtete über die Behandlung. Die Beschuldigte mache weitgehend gut mit, erleide aber immer wieder Rückschläge. Das sei aber nicht ungewöhnlich bei dieser Diagnose. Bei der Patientin werde es aber immer darum gehen, die Behandlung zu optimieren. Verschwinden werde eine so lange währende Schizophrenie wohl nicht mehr.
Sie selbst hatte die Einweisung als Glück im Unglück betrachtet. Im letzten Wort sagte sie zaghaft: „Irgendwie würde ich gerne in Taufkirchen bleiben.“ Dort ist die Klinik, in der sie derzeit untergebracht ist.