Seltener Tumor bei Säugling Lisa (5 Monate) aus dem Bayerwald entfernt

Von Isolde Stöcker-Gietl · 25. September 2025 um 05:00

Fünf Monate ist Lisa alt, als eine Diagnose Familie und die KUNO Klinik St. Hedwig vor eine große Aufgabe stellt. Nach Beratungen mit dem nationalen Tumor-Board wagt ein klinikübergreifendes Regensburger Team den komplizierten Eingriff.

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Lisa erkundet die Welt. Sie krabbelt durch Küche und Wohnzimmer, lutscht an ihren Spielsachen und gluckst vor Freude, als ihr Papa sie auf den Arm nimmt. Das kürzlich ein Jahr alt gewordene Mädchen aus dem Landkreis Cham, das eigentlich einen anderen Vornamen trägt, ist zu einem aufgeweckten Kleinkind herangewachsen. Noch vor wenigen Monaten war diese Entwicklung mit einem großen Fragezeichen versehen. Denn eine Schockdiagnose forderte Eltern und Ärzte der KUNO Klinik St. Hedwig in Regensburg. Ein sieben Zentimeter großer Tumor, wie er noch nie bei einem Säugling im deutschsprachigen Raum entdeckt worden war, hatte sich im Magen gebildet. Er musste so schnell wie möglich entfernt werden. Die Frage war nur, wie?

Eine Biopsie wollten die Ärzte nicht wagen

Die Eltern, die ebenfalls anonym bleiben wollen, sitzen in ihrer Wohnküche und erinnern sich an Tage voller Ungewissheit, die im Januar dieses Jahres begannen. Zunächst fiel Lisas blasse Gesichtsfarbe auf, erzählt der Vater. Und innerhalb der folgenden zwei Tage sei zudem der Stuhlgang dunkel geworden. „Wenn sie nicht fröhlich und aufgeweckt wie immer gewesen wäre, wären wir vermutlich sofort in die Klinik gefahren“, sagen sie. So suchten sie ihren Kinderarzt auf, der richtig reagierte und die sofortige Kontaktaufnahme mit einer Kinderklinik empfahl. „Das war eine weise Entscheidung“, sagen die Eltern heute. Denn Lisa kam mit einer ausgeprägten Anämie, also einer Blutarmut, auf die Intensivstation. Und schnell war klar, dass das Mädchen eine Magenblutung hatte, was eine Magenspiegelung bestätigte. Doch was die Ärzte zunächst nicht genau bestimmen konnten, war der riesige Tumor, der in der Nähe des Mageneingangs gewuchert war. Und eine Biopsie wollten sie wegen der Gefahr einer weiteren schweren Blutung nicht wagen. „Und so wurden wir mit zunächst unklarer Diagnose nach Hause entlassen“, berichten die Eltern.

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Dr. Jochen Kittel war damals der behandelnde Oberarzt in der Klinik. Er spricht von einem „extrem außergewöhnlichen Befund“, der schließlich anhand von Bildern und einer MRT-Untersuchung gestellt wurde. „Wir haben uns deutschlandweit mit Experten beim nationalen Tumorboard besprochen“, schildert er die zwei Wochen, in denen nach Behandlungsmöglichkeiten für Lisa gesucht wurde. „Selbst im Erwachsenenbereich wäre ein Sieben-Zentimeter-Tumor schon als groß eingestuft worden, bei einem fünf Kilogramm schweren Säugling ist das noch einmal eine ganz andere Größenordnung“, unterstreicht Chefarzt Prof. Oliver Pech, der im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Regensburg die Gastroenterologie leitet und als ausgewiesener Experte für endoskopische Eingriffe gilt. „Der Tumor hatte den Magen des Mädchens förmlich ausgefüllt.“ Das hätte mit dem Beginn der Beikost zu massiven Problemen bei der Versorgung des Babys geführt, ergänzt Kittel.

Im Team bewahrten Kinderarzt Dr. Kittel (l.) und Endoskopie-Experte Prof. Pech den Säugling vor einer Bauch-OP. - Foto: Stöcker-Gietl

Weil sie Lisa eine riskante Bauch-Operation ersparen wollten, bot Pech an, ausgestattet mit Spezialequipment eine Entfernung mit dem Endoskop zu versuchen. Ein Kinderchirurg stand für den Fall bereit, dass der Tumor nicht minimalinvasiv erreicht werden konnte. In 14 Einzelteilen holte Pech mit einer Stromschlinge das gutartige Gewebe aus dem Magen. „Die Herausforderung war nicht nur die schwer zugängliche Lage, sondern auch das Mischgewebe, in dem zum Teil Muskelmasse enthalten war und entsprechend aufwändig abzutragen war“, sagt er rückblickend.

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„Ich war einfach nur erleichtert, als der Kinderchirurg vor den OP-Saal trat und uns mitteilte, dass er nicht mehr benötigt würde“, sagt Lisas Mutter. Nach zwei Kontrollterminen sind die Ärzte sicher, dass Lisa gesund aufwachsen wird. „Wir gehen davon aus, dass sich der Tumor erledigt hat“, sagt Kinderarzt Kittel. Für die Familie der bestmögliche Ausgang, für den sie den Ärzten zutiefst dankbar sind. „Sie haben wirklich alles gegeben“, sagen die Eltern. Und Lisa hat den Eingriff auch nicht in schlechter Erinnerung behalten. „Sie ist weiterhin unser kleiner Sonnenschein und begrüßt das Klinikpersonal stets mit einem strahlenden Lächeln.“

Was ist ein Teratom?

• Tumorart: Der bei Lisa entfernte Tumor ist ein sogenanntes Teratom. Dabei handelt es sich um eine überwiegend gutartige Geschwulst, die sich in der Embryonalzeit an falscher Stelle angesiedelt hatte. Laut Kinderarzt Kittel gibt es solche Tumore häufiger, allerdings nicht im Magen. Besonderheit: In Teratomen können sich auch Zähne, Nägel oder Haare befinden.

• Entfernung: Der Tumor wurde mittels interventioneller Endoskopie entfernt. Bei diesem Verfahren führt der Arzt ein kleines Gerät mit einem dünnen flexiblen Schlauch und einer Kamera, das so genannte Endoskop, über natürliche Körperöffnungen ein. Bei Lisa wurde dann mit einer Schlaufe, die unter Strom gesetzt ist, der Tumor abgetragen.