Von Cham nach Kalifornien: Eine Odyssee mit Zug und Deutschlandticket

Von Johannes Lesser · 20. September 2025 um 05:00

Eine Reise von Cham nach Kalifornien – mit dem Zug: Das klingt im ersten Moment nach einem Witz. Der US-Staat ist aber gar nicht gemeint, sondern ein Ortsteil der Gemeinde Schönberg in Schleswig-Holstein in der Nähe von Kiel. Wie das große liegt auch das kleine Kalifornien am Meer – und da will ich unbedingt hin. Kostengünstig und an einem Tag. Die Lösung lautet Deutschlandticket. 15 Stunden dauert die Fahrt planmäßig.

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Cham – Schwandorf (Abfahrt: 5.42 Uhr): Um 5.30 Uhr stehe ich am Chamer Bahnhof. Das bevorstehende Abenteuer beschäftigt mich noch nicht so sehr, schon eher die Frage, wo und wann es den ersten Kaffee gibt. War das Ganze wirklich eine schlaue Idee? Größere Sorgen bereitet mir der Bahnhof Neudietendorf in Thüringen. Ganze sechs Minuten beträgt da die Umsteigezeit. Nicht viel. Außerdem: „Neudietendorf“. Da will man jetzt auch nicht unbedingt festsitzen.

Immerhin: Die gelbe Oberpfalzbahn ist pünktlich. Mit ihr geht es nach Schwandorf. Es ist überraschend viel los. Sichtlich gute Laune hat unser Zugbegleiter: Mit einem „Guten Morgen“ begrüßt er jeden Reisenden. Vor dem Fenster gleiten die vertrauten dichten Wälder des Landkreises vorbei. Die erste von vielen Fahrkartenkontrollen heute: „Guten Morgen“, „Pieps“, „Dankeschön“.

Schwandorf – Nürnberg (6.24 Uhr):Noch ist alles pünktlich. Aussteigen, Zug suchen, weiter geht's. Draußen wird es langsam hell, der Himmel ist bedeckt. Kurzer Blick aufs Handy, aber um die Zeit antwortet mir noch keiner. Gedankenverloren schaue ich hinaus und schlafe ein.

Schmerzen im Nacken, trockener Mund – und der Zug steht. „Eingeschränkte Verfügbarkeit der Gleise.“ Super. Bitte nicht jetzt schon. Jede Minute fühlt sich endlos an. Dann endlich: Bewegung, kurz darauf die Einfahrt in den Nürnberger Hauptbahnhof. Kurzer Sprint, Treppen runter, Treppen rauf, grüner Knopf, geschafft!

Am Würzburger Hauptbahnhof ist Zeit für eine erste kleine Pause - Foto: Johannes Lesser

Nürnberg – Würzburg (8.05 Uhr): Nächste Runde. Immerhin gibt es genug freie Plätze. Meine Mitfahrer kommen zum Großteil aus der Berufspendler-Fraktion: Laptop, Airpods, großer Kaffeebecher mit einem Logo, das seine Kosten auf mehr als vier Euro einordnet. Hinter mir telefoniert jemand. Faszinierend, was für Firmendetails ungeniert am Telefon mitgeteilt werden. „Die wissen gar nicht, wie viel Kohle da so rumliegt“, sagt der Mann. Unfreiwillig lerne ich etwas über die Auswirkungen der EU-Sanktionspakete. Jemand sollte ihm sagen, dass Englisch schon länger keine Geheimsprache mehr ist.

Würzburg – Neudietendorf (10.09 Uhr): 40 Minuten Pause. Zeit, um ein kalorienreiches Frühstück zu suchen. Wer weiß, wann das nächste Mal so viel Zeit ist. Einziger Wermutstropfen: Für einen Abstecher in die Altstadt fehlt dann doch die Zeit.

In den ersten Stunden ist der Blick aus dem Fenster nicht immer - Foto: Johannes Lesser

Frisch gestärkt wartet die große Hürde Neudietendorf. Und wie immer, wenn etwas wirklich nicht passieren sollte, bewegt sich der Zug auf Gleis 11 in Würzburg keinen Zentimeter. Die Minuten verstreichen. Ich versuche, mich abzulenken. „Das wird nix, lass los“, schreibt mein Kollege in Cham. Immerhin gibt es hier Strom. Nach acht Minuten setzen sich die Räder in Bewegung.

Eine Mini-Resthoffnung bleibt. Nach und nach holen wir Minute um Minute auf. Eine Mitreisende fragt den Zugbegleiter, was mit ihrem Ticket passiert, wenn sie den ICE in Erfurt nicht erreicht. Der gut gelaunte ältere Herr gibt sich optimistisch. Kurzer Leidgenossen-Smalltalk über den Mittelgang. Vor dem Fenster ziehen Wälder und markante Felsformationen vorüber – willkommen in Thüringen. Die Müdigkeit des Morgens ist einem stärker werdenden Tatendrang gewichen. Mittlerweile hätte ich zwei Minuten Zeit.

Wer von Cham nach Kalifornien will, muss auch über Neudietendorf - Foto: Johannes Lesser

Neudietendorf – Göttingen (12.21 Uhr): Tür auf, raus, sprinten. Ich habe ein Déjà-vu. Einige andere Fahrgäste folgen mir. Der Zug fährt ein. Tür auf, rein, Thema erledigt. Spätestens jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück. Mit der Geschwindigkeit eines handelsüblichen landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugs fahren wir durch das Mittelgebirge. Die Umgebung hat mit den bewaldeten sanften Hügeln etwas von zuhause. Ein Tunnel nimmt mir den Ausblick. Der Zug fährt, draußen bleibt es dunkel. Mir kommt eine düstere Kurzgeschichte von Dürrenmatt aus der Schulzeit in den Kopf. Irre ich mich oder wird der Zug immer schneller?

Göttingen – Hannover (14.07 Uhr): „So ein Kack-Internet“, schimpft eine Piepsstimme hinter mir. Eine deutlich ältere Person antwortet: „Lass das sein, ey.“ In Dialekt, Tonlage und Betonung der Silben hört es sich so an, als würde da Udo Lindenberg sitzen. „Du lässt mich einfach nicht ausreden“, fährt er resigniert fort. Stille. Kurz darauf: „Zum Kotzen, Alter“. Udo antwortet in Seelenruhe: „Hör auf, dich aufzuregen.“ „Hier“, fährt er fort: „eins für dich, eins für mich“, bietet er dem Piepston etwas an. „Nein.“ „Gut, dann beide für mich.“ Stoisch fahren wir immer weiter Richtung Norden.

Hannover – Hamburg (15.40 Uhr): Der Bahnhof in Hannover hat eher etwas von einer Einkaufsmeile mit Gleisanschluss. Zweieinhalb Stunden geht es jetzt über Uelzen nach Hamburg. Proppenvoller Zug, Stehplatz, keine Klimaanlage. In Großburgwedel – ich lerne munter neue Ortsnamen – wird ein Fensterplatz frei, es geht doch. Etwas später steht der Zug mal wieder. In Uelzen. Lange. Der Bahnhof sieht ganz schön aus. Eine kurze Onlinerecherche ergibt, dass er in Zusammenarbeit mit dem Künstler Hundertwasser entstanden ist. Dennoch: In Kombination mit Flachdach-Supermarkt auf der gegenüberliegenden Seite ergibt sich ein trostloses Bild.

Gerade ist eine Schulklasse eingestiegen. Selbst die Schüler wirken fertig. Einige haben sich einzeln auf Zweierplätze gesetzt und versuchen zu schlafen oder tippen mit Kopfhörern über den Ohren auf ihren Tablets herum. Diverse ICEs überholen uns. Nach 25 Minuten geht es endlich weiter, die Schüler jubeln. Meine Freude hält sich in Grenzen: Der vorgesehene Anschluss in Hamburg wird auf jeden Fall nichts. Im Kopf gehe ich immer wieder die letzten Abschnitte durch.

In Hamburg ist ein großes Zwischenziel erreicht - Foto: Johannes Lesser
Der letzte Zug des Tages ist der nach Kiel - Foto: Johannes Lesser

Die Einfahrt in die Hansestadt entschädigt: Über die Elbe, vorbei an Brücken, Wohngebieten und Kneipen auf der anderen Seite. Ein vorletztes Mal umsteigen und dabei schauen, dass ich nicht versehentlich im Zugteil nach Flensburg lande.

Hamburg – Kiel (18.38 Uhr): So schnell wie wir die Stadt erreicht haben, so schnell ist sie Vergangenheit. Während die Sonne untergeht, fahren wir durch Elmshorn. Noch ist es schwer zu realisieren, dass es bald geschafft ist.

Die späte Sommersonne auf dem Abschnitt nach Kiel - Foto: Johannes Lesser
Ich erreiche rechtzeitig die Kieler Förde um von dort den Sonnenuntergang zu verfolgen - Foto: Johannes Lesser

Kiel – Kalifornien (19.40 Uhr): Fehlt nur noch eine Busfahrt. Die ist mit einer Stunde aber ein würdiger Endgegner. Ich organisiere mir einen Riesenburger als Abendessen und mache einen Spaziergang zur Kieler Förde. Möwen kreischen, in einiger Entfernung leuchtet eine Gewitterwolke im Abendrot, das Gefühl entschädigt für alle Mühen. Es wäre so entspannt, mir hier ein Hotel zu suchen. Doch mein Plan sieht etwas anderes vor. Der Bus kommt fast pünktlich.

In der ersten halben Stunde verlassen wir kaum die Stadt, alle paar hundert Meter steigen Passagiere ein und aus. Nach 45 Minuten sind wir aber nur noch zu dritt. Schönberg, Abzweigung Kalifornien: meine Endstation. Es ist stockdunkel, nur der dunkelorangefarbene Mond wirft ein schwaches Licht auf die Nebelfelder.

Kalifornien – Brasilien: 16 Stunden unterwegs, jetzt ist es geschafft. Kalifornien ist nicht mehr als ein paar Häuser und Campingplätze. Und ein Strand hinter einem Deich. „Welcome to the hotel California“, zitiert ein Schriftzug im Strandhotel die Eagels. Keine Menschenseele weit und breit.

Müde, aber glücklich: Nach 16 Stunden ist das Ziel erreicht. - Foto: Johannes Lesser

Ich gehe ans Meer, höre das gleichmäßige Rauschen der Wellen. Die 14 Grad wirken im Wind eher wie fünf. Euphorie macht sich breit. Es hat wirklich geklappt! Doch was jetzt? Sieben Stunden muss ich mich wachhalten, bis es zurückgeht. Zeit, um die Gegend zu erkunden. 50 Minuten entfernt soll ein Leuchtturm sein. In der Hoffnung auf ein gutes Foto mache ich mich entlang der Promenade auf den Weg. Der Mond geht über den Nebelfeldern unter.

Meine Taschenlampe liegt – wo sonst – zuhause. Die Promenadenbeleuchtung liegt längst kilometerweit in meinem Rücken. Ich finde den Turm, er ist nicht in Betrieb. Ein dunkler Schatten in der Dunkelheit. Über uns ist die Milchstraße gut zu erkennen.

Über den Nebelfeldern geht der orange gefärbte Vollmond unter. - Foto: Johannes Lesser
Der dunkle Leuchtturm vor dem Sternenhimmel - Foto: Johannes Lesser
Mit dem Licht der Taschenlampe ist er schon besser zu erkennen. - Foto: Johannes Lesser

An der Wasserkante entlang gehe ich zurück. Auf einem Foto, das ich gerade von ein paar Strandkörben aufgenommen habe, sehe ich etwas magentafarbenes am Himmel. Ich drehe mich in Richtung Ostsee. Ganz leicht ist am Horizont ein Leuchten zu erkennen. Ein Blick ins Internet bestätigt den Eindruck: Aurora Borealis – Polarlichter. Nur das Meer, das Leuchten und der Sternenhimmel – und ein kleiner Volontär irgendwo mittendrin. Mehrmals zucken Sternschnuppen über die schwarze Leinwand. In einem strömungsgeschützten Bereich schnappe ich mir meine Schwimmsachen – „ich würde es bereuen, wenn nicht“ – denke ich mir. Beim Kontakt beginnt das Wasser um mich zu leuchten.

Die richtigen Worte für diesen Moment zu finden ist schwer. Eine Mischung aus surreal und... ...einfach Wahnsinn. Ich tauche unter, mache die Augen auf, alles leuchtet in der Dunkelheit gut sichtbar in schwachem Hellblau. Ich tauche auf, lasse mich auf dem Rücken treiben. Augen zu, Augen auf, kein Traum.

Zurück an Land wandere ich weiter den Strand entlang: Was war das gerade? Ich schaue im benachbarten Brasilien vorbei – ein anderer Ortsteil von Schönberg. „Jetzt auf Welttournee“, geht es mir durch den Kopf. Dann setzte ich mich an die Bushaltestelle und schlafe auf der Stelle ein.