„Jedes Zelt ist ein eigenes Universum“: Wiesn-Experte gibt Tipps für die Zeltwahl

Wer die Wiesn in München besucht, hat die Qual der Wahl: Die 14 großen Zelte versprechen zwar alle bayerische Kultur und Tradition, während manche von ihnen für ausgelassenes Feiern bekannt sind, internationale Gäste oder die Glamour-Welt anziehen, geht es anderswo gemütlich und zünftig zu. Hinzu kommen 21 kleine Zelte. Oktoberfest-Experte Christian Rupprecht ist Autor eines neuen Wiesn-Führers und gibt Tipps für die richtige Zeltwahl.
Der Theologe und Kunsthistoriker Christian Rupprecht ist fleißiger Wiesn-Besucher, seit er 1999 von Schleswig-Holstein nach Bayern gezogen ist – 16 von 16 Tagen ist er in den letzten Jahren auf dem Oktoberfest gewesen, wie er sagt. Mit seinem kürzlich erschienenen Buch „Inside Wiesn“ (Plassen Verlag), hat er eine Art Oktoberfest-Führer geschrieben, der Besuchern bei der Wahl des passenden Festzelts helfen soll – angereichert mit Wissenswertem, Anekdoten und Interviews mit Wirten. „Ich finde immer, diese Zelte haben einfach ihre eigenen Universen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.
Bier aus Holzfässern im Augustinerzelt
Da gibt es etwa die Zelte, die ganz besonders „bayerische Bierhaus-Blasmusik-Romantik“, wie es Rupprecht nennt, versprechen. Die finde man insgesamt eher mittags als abends auf der Theresienwiese. „Da ist natürlich Fischer Vroni und das Augustiner Zelt zu empfehlen“, sagt er. Ersteres Zelt sei vor allem für seinen traditionellen Steckerlfisch bekannt und gelte als etwas ruhigeres und familienfreundlicheres Zelt.
Das Augustinerzelt ist dagegen vor allem für das traditionell in Holzfässern gelagerte Bier bekannt. „Das Augustinerzelt ist sicherlich das Zelt, wo es am besinnlichsten zugeht und wo die Sierra Madre schon das höchste der Gefühle ist“, sagt Rupprecht. Die Stimmung? Gemütlich-zünftig. Empathisch und echt sei es im Bräurosl, das Zelt ist sein Tipp für die, die Wert auf echte Tradition legen und auch mächtig feiern wollen. „Wenn ich es eher familiär mag tagsüber, da gibt es zum Beispiel das Marstall-Zelt – das gilt ein bisschen als Familienzelt“, erklärt der Wiesn-Experte. Erst ab 21 Uhr dürfe man hier auf Tische und Bänke steigen. „Es gibt viele Familien, die sagen, dass sie sich sehr wohlfühlen auf der Oiden Wiesn“ – etwa im Festzelt Tradition, sagt Rupprecht. Die ganz großen Menschenmengen könne man vor allem auch in den kleineren Zelten umgehen.
Discokugel-Vibes bei Paulaner
Wer es auf dem Oktoberfest dagegen gerne krachen lässt und ohne unangenehmen aufzufallen, auf der Bierbank stehen will, sei dagegen vor allem im Schottenhamel und im Hackerzelt gut aufgehoben. Vor allem das jüngere Publikum sei in diesen Zelten unterwegs, erklärt Rupprecht. Auch im Schützenzelt werde die Partymusik früher aufgedreht. „Und wenn man abends drauf steht, dass auch noch eine Discokugel von der Decke leuchtet, ist das Paulanerzelt das richtige.“ Und wer sich beim Feiern auch von den internationalen Gästen mitreißen lassen will, dem empfiehlt der Wiesn-Kenner das Löwenbräuzelt. Abends erwarte die Gäste hier vor allem englischsprachige Musik.
Auch Weinliebhaber kommen auf dem Oktoberfest auf ihre Kosten, weiß Rupprecht. Angefangen mit kleinen Ständen und Bodegas ab dem Jahr 1885 hat der Wein sich spätestens 1984 mit dem Kufflers Weinzelt auf dem Oktoberfest etabliert. „Ein schönes Partyzelt mit einem ganz eigenen Charme“, sagt Rupprecht – und ergänzt: „Das Zelt ist für diejenigen, die mehr Weinsorten als Fußballspieler kennen.“ Aber auch anderswo, etwa im Marstall oder im Armbrustschützenzelt, wird neben Bier auch Wein ausgeschenkt. Ebenso lohne sich ein Besuch in vielen der kleinen Zelten, wenn man etwas Abwechslung zum Bier suche, sagt Rupprecht – etwa in der Münchner Stubn oder im Café Theres’. Letzteres könne vor allem mit Spritz dienen.
Glamour-Anstrich in der Käfer-Wiesn-Schänke
Für viele ist das Oktoberfest auch der Ort zum Sehen und gesehen werden. Für diejenigen, die die Wiesn mit gehobenem Glamour-Anstrich wollen, ist die Käfer Wiesn-Schänke der Place-to-be. Die Wahrscheinlichkeit, hier auf einen Promi zu treffen, ist vergleichsweise hoch. Ohne Reservierung brauche man sich jedoch keine Hoffnung auf einen Sitzplatz im Inneren des Käferzelts machen – „es gibt aber auch einen sehr schönen Biergarten“, sagt Rupprecht. Besonders beliebt als Kulisse für Social-Media-Post scheint laut dem Autor übrigens das Marstall-Zelt.
Wer sich spontan einen Platz in einem der Zelte sichern will, für den hat Rupprecht als passionierter Wiesn-Gänger vor allem einen Tipp: „Das Timing ist entscheidend.“ An einem Freitag- oder Samstagabend werde es ohne Reservierung schwierig. „Aber Sonntagabend ist eigentlich, meiner Erfahrung nach in den letzten Jahren, jedes Zelt offen und man findet überall noch einen Platz.“