Jahn-Ultras vs. „Alt-Hooligans“: Sind Fans des SSV regelmäßig auf der Jagd in „ihrer Stadt“?

Von André Baumgarten · 11. September 2025 um 18:20

Fünf Anklagen gegen 28-Jährigen: Ein Prozess am Amtsgericht in Regensburg gewährt tiefe Einblicke in eine sonst äußerst verschwiegene Szene. Nicht mit der Polizei zu reden, „liegt denen im Blut“, sagt ein Polizist. Weil das aber nicht immer so ist, beschäftigen Attacken und Vorfälle von 2023 bis Februar 2025 nun die Justiz in der Domstadt.

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Im Februar 2023, nach einem Jahn-Spiel gegen Hannover 96, kommt es in der Altstadt zu einer Gewalttat. Ultras des SSV sollen Fans aus Niedersachsen attackiert und verletzt haben. Ein 28-Jähriger (nicht 29, wie zunächst berichtet) steht deshalb und wegen vier weiterer Anklagen vor Gericht. Verbindendes Element ist der Fußballverein in der Domstadt. Der Angeklagte soll ein SSV-Ultra „der ersten Reihe“ sein, so ein Polizist. Der Prozess gibt Einblicke in eine Szene, die solche sonst nie gewähren will.

Schläge mit Quarzhandschuhen und Tritte sind nur ein Vorwurf gegen den 28-Jährigen. Die Schmiererei im August 2023 in der Malergasse ist das Einzige, was der Regensburger von Verteidiger Tim Fischer voll und ganz einräumen lässt. Ein Sprung übers Drehkreuz im Jahn-Stadion im Februar 2024 wirkt fast nebensächlich, sieht man die Vorfälle von April 2024 und Februar dieses Jahres: Es geht laut der Anklagen um Nötigung, Bedrohung, Sachbeschädigung und Körperverletzung.

Auto von 60er-Fans eingekesselt und Mann beim Frisör bedroht?

Einmal sollen fünf „Problem-Fans“, so nennt die Polizei Jahn-Ultras, am Obermünsterplatz einen Mercedes eingekesselt, die 1860-Fans im Inneren bedroht und das Auto beschädigt haben. Der 28-Jährige soll im Quintett gewesen sein und schweigt dazu. Im jüngsten Fall soll er beim Friseur einen Mann wegen eines Graffito bedroht und gewürgt haben – Anwalt Fischer betonte, der Griff mit zwei Fingern war nur am Kinn.

Fall eins vom Februar 2023, angeklagt als gefährliche Körperverletzung in drei Fällen, landete vor Gericht, weil ein 32-Jähriger etwas tat, was sonst nie passiert: Er lieferte Ermittlern ein Bild von der Internetseite der Ultras, auf dem er den Täter wiedererkannte. Wegen der „markanten Augenpartie und den Brauen“ des Angeklagten, wiederholte der Zeuge vor Gericht. Genau der sei „Rädelsführer“ der Gruppe gewesen und habe seinen Kumpel mit Tritten traktiert. Zwei Wochen sei der Zeuge danach krankgeschrieben gewesen und leide unter psychischen Folgen.

Geschädigter flog im eigenen Fanclub raus – weil er geredet hat

Mehr noch: Er flog aus dem Fanclub des eigenen Vereins. Ultras von Hannover 96 hätten Monate nach der Tat den Vorstand „unter Druck“ gesetzt – „weil man redet nicht mit der Polizei in der Szene“. Das weiß der 32-Jährige eigentlich: Laut dem Regensburger Ermittler seien der Mann und seine drei Begleiter „Alt-Hooligans“, die seit „zehn, zwölf Jahren brav sind“ und „mittlerweile gestandene Familienväter“ seien.

Dass nach Heimspielen in Regensburger Lokalen quasi Jagd auf auswärtige Fans gemacht werde, sei üblich. Nach dem Motto „ihr habt hier nichts verloren, das ist unsere Stadt“ laufe sowas meistens ab, erklärte der Polizeibeamte vor Gericht. Mit Behörden kooperiere die verschwiegene Szene eigentlich nie. Das liege „denen im Blut“, sagte er.

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Es war nicht der einzige interessante Aspekt, den der Polizist offenbarte. Mit dem Angeklagten habe er dienstlich „sehr oft“ zu tun. Die von Zeugen ihm zugeschriebene Rolle als „Rädelsführer“ passe auch: „Er steht immer in der ersten Reihe.“ Der 28-Jährige gehöre „da schon zu Vorderen“ der Jahn-Ultras. Ob sich die Einschätzung des Ermittlers auch bei den übrigen Anklagepunkten bestätigt, wird sich zeigen müssen.

Zwei weitere Prozesstage hat Amtsrichter Charitopoulos bislang dafür angesetzt.