Still und leise verschwindet Neutraublings einst zweitgrößter Arbeitgeber: Ein Verlust?

Von Daniel Pfeifer · 11. September 2025 um 05:01

Roter Teppich, klirrende Sektgläser, ein fahrendes Buffet auf Gabelstaplern – als 2013 der Logistik-Zulieferer Syncreon sein zehnjähriges Jubiläum in Neutraubling (Landkreis Regensburg) mit der Eröffnung einer neuen Halle feiert, ist die Stimmung ausgelassen. 800 Menschen arbeiten zu diesem Zeitpunkt hier, beim zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt nach Krones. Bald verschwindet das alles spurlos. Was steckt dahinter?

Video ansehen

Vereinzelt surren Gabelstapler über den Asphalt, Lastwagenfahrer unterhalten sich auf dem Parkplatz, ein Angestellter steht rauchend am Rande eines Rasenstückchens, drückt seine Kippe in einem Aschenbecher aus und verlässt das eingezäunte Gelände. Er weiß, dass seine Arbeitszeit hier dem Ende zugeht. Seine und die von über 300 weiteren Menschen. In den kommenden beiden Jahren werden ihre Jobs hier in Neutraubling nach und nach abgewickelt.

Das große Logo der Firma Syncreon ist längst von der Fassade abmontiert, auf Schildern ist der Name mit weißen Balken übermalt. Nur an der Einfahrt ist winzig klein noch ein Logo zu sehen: „dp world“. Das Mega-Konglomerat aus Dubai hatte die US-Firma Syncreon mit ihren Dutzenden Standorten auf fast allen Kontinenten vor vier Jahren für 1,2 Milliarden Dollar gekauft und löst sie augenscheinlich nach und nach auf – vergangene Woche wurde die Website endgültig abgeschaltet. All das geschieht still und leise. Ebenso still und leise wird der Standort Neutraubling aufgegeben.

Mit weißer Farbe ist der Name „Syncreon“ in Neutraubling übertüncht. - Foto: Daniel Pfeifer

BMW baut in Ex-Syncreon-Halle nun Karosserien

Die Firma selbst äußerte sich ebenso wenig wie dp world, sogar die Gewerkschaft hielt aus taktischen Gründen still. „Wir waren nahezu gar nicht eingebunden. Es gab auch keine offiziellen Mitteilungen“, sagt Neutraublings zweiter Bürgermeister Ulrich Brossmann. Schockiert oder überrumpelt fühle man sich bei der Stadt aber nicht. „Natürlich sind wir traurig darüber, dass Syncreon geht, weil sie ja lange Jahre zuverlässig waren aus unserer Sicht“, meint Brossmann. Doch große Angst vor einem Leerstand oder kollabierender Arbeitsplatz-Zahlen habe er nicht. „Klar ist da jetzt erstmal ein Loch, aber wir sind guter Dinge, dass es weitergeht.“

Und so geht es in einem der beiden Neutraublinger Ex-Syncreon-Hallen längst wieder weiter. BMW hat dort auf 40.000 Quadratmetern nach monatelangem Umbau kürzlich einen weiteren Karosseriebau in Betrieb genommen. Jeden Tag fertigen dort die fast 300 Roboter und 150 Mitarbeiter über 120 Fahrzeugkarosserien „und leisten so einen Beitrag zur Erfüllung der hohen Marktnachfrage“, teilt eine Sprecherin von BMW mit.

Für die Halle ist es weniger ein Novum als eine Rückkehr: Schon vor Syncreon war BMW Mieter der 2003 errichteten Halle, bevor sie die Logistikarbeit an Syncreon als sogenannten Kontraktlogistiker auslagerten. Der bediente nur einen Kunden: BMW. Als nun der Kontrakt (Vertrag) nicht mehr erneuert wurde, fiel die komplette Grundlage weg. Dass sowas keine allzugroße Besonderheit ist, kann Rico Irmischer, Chef der Regensburger IG Metall, bestätigen. „Die Kontraktlogistik ist eine sehr spezielle Branche“, sagt er. Neben der ständigen Existenzunsicherheit verdienten die Arbeiter mindestens ein Viertel weniger für dieselbe Logistikarbeit, die sie zuvor bei BMW verrichtet hätten. In der heutigen Wirtschaftswelt sei das aber normal.

Neutraubling 2 – unter diesem Namen läuft der letzte verbliebene Syncreon-Standort in Neutraubling. - Foto: Daniel Pfeifer

Auf dieses harte Umfeld bezieht sich auch die Pressesprecherin von BMW auf Nachfrage zu Ex-Partner Syncreon. „Grundsätzlich stehen die Automobilbranche und deren Zulieferunternehmen in einem starken internationalen Wettbewerb.“ Diesem Wettbewerb müssten sich Autobauer und Zuliefererunternehmen „in gleichem Maße stellen, um erfolgreich zu sein“. Und so bestätigt eine Sprecherin auf Nachfrage, „dass die BMW Group mit einem Partner einen neuen Logistikstandort in der Region Ostrava in Tschechien plant“.

Dass dies nun direkt im Zusammenhang mit dem Ende der Kontraktlogistik in Neutraubling steht, sei aber fraglich, sagt Rico Irmischer, der für die IG Metall in die Abwicklung der Arbeitsplätze eingebunden war. „Es ist ein sehr differenziertes Bild“, sagt er. Schließlich boomt das Regensburger BMW-Werk seit Jahren, war 2024 auch dank E-Auto-Fertigung das volumenstärkste BMW-Werk in ganz Europa. Bei den Verhandlungen zum Ende von Syncreon habe es laut Irmischer sogar Gespräche gegeben, ob Ex-Mitarbeiter bei BMW angestellt werden könnten, doch die meisten seien zu anderen Kontraktlogistikfirmen oder in die Leiharbeit gegangen.

Syncreon galt als umstrittener Arbeitgeber

Ob das Ende für Syncreon abseits des nackten Fakts, dass Hunderte Arbeitsplätze wegfallen, ein Verlust für Neutraubling ist, ist ungewiss. Ja, als 2013 der Standort groß feierte, war die Stimmung gut. Doch schon damals rumorte es. Nach langem Kampf erstritten sich die Beschäftigten 2014 einen Tarifvertrag. Arbeitsbelastung und Drucksituation seien dort lang bekannt, bestätigt Gewerkschaftler Rico Irmischer. Das Unternehmen machte andernorts Schlagzeilen wegen „Union-busting“, also der Verhinderung von Gewerkschaften. Schließlich war es kein familiäres Mittelstandsunternehmen, sondern ein globaler Player. Und auch Neutraublings Vize-Bürgermeister sieht im Ende eine Chance: „Vielleicht ist es ja im Nachhinein ein Mehrwert“, wenn etwas neues käme, sagt er.

Und so sind die Tage gezählt, da noch die Stapler auf diesem Gelände in Neutraubling umherdüsen. Ein Verlust? Auf diese Frage antwortet der junge Mann, der soeben seine Schicht und eine Zigarette beendet hat, nur mit einem müden Lächeln. „Nicht wirklich“, sagt er.