Regensburgerin forscht über religiöse Bilder zwischen Christentum und Judentum

„Wenn ich die drei Werke dazu rechne“, zählt Stephanie Hallinger stolz auf, „dann habe ich bis jetzt 72 Bilder von Caravaggio mit eigenen Augen gesehen“. Insgesamt gebe es 74, klärt die Kunsthistorikerin kurz vor ihrer Abreise nach Syrakus auf Sizilien auf. Über den jähzornigen italienischen Barockmaler hat die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Regensburg ihre Magisterarbeit geschrieben.
Als Ausgangspunkt nahm sie dafür das meterhohe Altargemälde „Das Begräbnis der Hl. Lucia“ in „einer kleinen Kirche am Meer“, welches sie sich aktuell mit den zwei anderen auf der Mittelmeerinsel angesehen hat.
Im Landkreis Kelheim aufgewachsen
Eine weitere Magisterarbeit hat die in Painten aufgewachsene Akademikerin in ihrem zweiten Studienfach Germanistik geschrieben. Nach dem Abi „am Provinzgymnasium in Kelheim“, hatte sie eigentlich ein anderes Ziel vor Augen. Sie wollte in München Kunst studieren. Schon lange war sie in jeder freien Minute mit Stiften, Papier und Gitarre draußen unterwegs. Statt wie viele Mitschülerinnen in die Disco zu gehen, zeichnete sie mit Freunden, redete über Kunst und las viel. Weil sie aber nahe bei den kränkelnden Großeltern bleiben wollte, München zudem zu teuer war, entschied sie sich für Kunstgeschichte in Regensburg.
Verliebt und begeistert in die Kunsthistorik
Im Nachhinein weiß sie, „es war mein Glück. Ich wäre eh keine richtige Künstlerin geworden“. Gleich im ersten Seminar über mittelalterliche Buchmalerei „verliebte ich mich sofort in das Thema“, lacht sie über ihre Begeisterungsfähigkeit, obwohl sie noch nicht einmal immatrikuliert war. Einige Jahre später promovierte sie dennoch über Buchmalerei im Mittelalter, über die Elsässische „Legenda aurea“, die Goldene Legende, eine Sammlung von Geschichten über Heilige auf Latein. Da hatte sie bereits mittelhochdeutsch gelernt, eine von einem Dutzend Sprachen, die sie heute lesen kann. Sprechen dagegen könne sie „nur fünf oder sechs“, wiegelt sie ab. „Sprachen waren immer mein Hobby“, erzählt sie von mehrmonatigen Aufenthalten in Frankreich und Nordengland. Die hatte sie teils eigenständig organisiert, um dort in der Schule und im Alltag die Sprache richtig zu lernen. Ihre Mutter, die wieder geheiratet hat als sie 16 war und mit der sie heute über Kreuz ist, hat ihr damals viel Freiheit gelassen.
Aktuell lernt sie modernes hebräisch. Das benötigt sie am Zentrum „Jenseits des Kanons", das zur theologischen Fakultät gehört, wo sie im Austausch mit Wissenschaftlerin in Israel und anderen Ländern steht. Ihr liegt viel daran, sich mit diesen und israelischen Freunden unterhalten zu können. Zu den wichtigsten zählt der emeritierte Professor Michael Stone aus Jerusalem, den sie während einer Tagung kennengelernt hat. Er zählt heute mit 87 Jahren zu „meinen engsten Freunden und ist ein wichtiger Mentor für mich“. Stone war es auch, „der mich sanft drängte“, in die Forschung zu gehen. Zuvor war Hallinger nach einigen Jahren als Chefredakteurin eines Verlags in Bogen als Akademische Koordinatorin an die Fakultät zurückgekehrt, um Tagungen und Vorträge zu organisieren. Vor zwei Jahren habe „ich die Seite gewechselt.“ Sie sei jetzt so glücklich, blitzen ihre Augen regelrecht vor Freude, „wieder übersetzen, schreiben und Vorträge halten zu können.“
Regensburger Kunsthistorikerin entspannt in der Natur
Entspannung findet sie in der Natur, bei der Gartenarbeit und vor allem im Wald. Es ist sogar ein „notwendiges Gegengewicht zum viele Denken“ und „existentiell notwendig“, um die eigenen Batterien wieder aufzuladen, sagt die zweifache Mutter. Die beiden Kinder leben bei ihr und sind regelmäßig beim Vater, mit dem Hallinger einen Tag nach „meinem 18. Geburtstag“ nach Regensburg gezogen war. Da lebte sie bereist zwei Jahre unter Aufsicht der Großeltern selbständig in einer kleinen Einliegerwohnung. Neben der Schule arbeitete sie in einem Cafe, wusch Teller und anderes Geschirr. Damit unterschied sie sich deutlich von Mitschülern, war ihnen in vielem voraus.
Der jüngere Bruder war nach dem Wegzug der Mutter wieder zum Vater nach Painten zurück. Hallinger aber hatte mit dem Dorfleben abgeschlossen. Die Liebe zum Wald, den Schwarzbeeren, die ihre andere Großmutter – eine Holzfällerin – mitgebracht hatte und die Ruhe, die sie heute noch so oft wie möglich genießt, aber ist ihr geblieben. Diese teilt sie heute mit ihren Kindern und vielleicht fahren die in ein paar Jahren mit nach Dublin und Odessa, um die letzten zwei Bilder Caravaggios anzuschauen, die noch auf Hallingers Liste stehen.