Invasion von Waldameisen in Seligenporten: Experten stoßen bei Umsiedlung an Grenzen

Von Nicole Selendt · 29. August 2025 um 15:00

Grundsätzlich gelten Ameisen im Garten als wichtige Nützlinge. Doch auf einem Grundstück nahe des Kindergartens in Seligenporten waren Hauswand und Wiese schwarz vor lauter Waldameisen. Anwohner riefen deshalb den Ameisenheger des Landkreises Neumarkt zu Hilfe.

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Bei den Ameisen, die auf Grundstücken nahe des Kindergartens in Seligenporten aufgetaucht sind, handelt es sich um sogenannte „Kahlrückige Waldameisen“. Es gibt rund 100 verschiedene Arten von Waldameisen – und allen ist eine Sache gemein: Sie sind besonders geschützt. Denn sie gelten als „Gesundheitspolizei des Waldes": Sie lockern den Boden, fressen tote Tiere und dienen größeren Tieren wie Vögeln und Wildschweinen als Nahrung. Sie können sogar eine Hilfe im Kampf gegen den Borkenkäfer sein. Man darf sie nicht einfach töten.

Tauchen sie allerdings außerhalb des Waldes auf, ist guter Rat teuer. In Seligenporten hatten die drei Ameisenheger nach mehrmaligen Besuchen gleich zahlreiche Nester ausgemacht – und arbeiten seit Wochen daran, die Tiere in den Wald umzusiedeln. Über einen Zentimeter groß können die Ameisen in Seligenporten werden und sie sind „mehrspurig – wie auf einer Autobahn“ in einem Radius von bis zu 100 Metern um ihren Bau herum aktiv, wie Reif die Tierchen beschreibt. In großer Zahl schaffen sie Nahrung und Nistmaterial in ihre Nester.

Bis zu 11,5 Millimeter kann die Waldameise, die sich in Seligenporten ausgebreitet hat, groß werden - Foto: Christian Reif

Eine Umsiedlung ist eigentlich in der Regel nicht so kompliziert, sagt Reif. Die Nester werden per Hand oder mit einer Schaufel in ein Kunststofffass befördert, das luftdicht abgeschlossen und mit dem Auto in den Wald gefahren wird, wo das Nistmaterial mitsamt den Tieren wieder ausgesetzt wird. „Wir markieren und registrieren diese neuen Nester dann und beobachten in der Folgezeit, ob die Umsiedlung geglückt ist“, erklärt Reif.

Hauptnest der Waldameisen in einem Weißdornbaum – der muss jetzt weg

Doch bei der Umsiedlung der Ameisen aus Seligenporten stoßen die Ameisenheger des Landkreises mittlerweile an ihre Grenzen: Insgesamt 4000 Liter an Nistmaterial und Ameisen – also Hunderte Eimer voll – haben sie in den letzten Wochen schon abtransportiert. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Denn: Den Hauptsitz der Tiere haben die Ameisenheger im Wurzelballen eines Weißdornbaums auf einer Brache in der der Nähe der befallenen Grundstücke ausgemacht.

Eimer für Eimer fährt Christian Reif die Ameisen in den Wald, damit sich die Tiere dort wieder ansiedeln können. - Foto: Reif

Um die Ameisen erfolgreich umzusiedeln, müsste der Baum auf einer Höhe von etwa 1,20 Metern gefällt, der Wurzelstock fachgerecht aus dem Boden geholt und das gesamte Material mit dem Transporter oder Lkw in den Wald gebracht werden. Das Landratsamt ist nicht verpflichtet, diese Aufgabe zu übernehmen. Die Gemeinde grundsätzlich auch nicht.

Und der Eigentümer des Grundstücks, auf dem der Baum steht, ebenso wenig: Er wohnt nicht vor Ort, ihn stören die Ameisen ja nicht. Sollte der Eigentümer sich trotzdem dafür entscheiden, den Anwohnern zuliebe die Entfernung des Baums zu veranlassen, müsste er voraussichtlich teuer dafür bezahlen. Das kann laut Reif schnell einen vierstelligen Betrag kosten – „und das wird der Eigentümer wohl kaum machen, wenn er es nicht muss“. Jetzt sind die Ameisenheger händeringend auf der Suche nach Rettung. „Denn wir sind kurz vorm Aufgeben“, sagt Reif.

Warum breiten sich Waldameisen in Wohngebieten wie Seligenporten aus?

In der letzten Augustwoche ist der Ameisenheger nun fündig geworden. Die Gemeinde Pyrbaum wird das Nest mit einem Bagger und einem Lkw vom Grundstück fortschaffen. Denn die Gemeinde habe wegen der Nähe zum Kindergarten ein Interesse daran, der Lage Herr zu werden. Darüber hinaus darf die Gemeinde in Absprache mit dem Eigentümer einen Teil der Brache als Parkfläche für den Kindergarten nutzen. Da sei es nur logisch, wenn sie sich mit dem Arbeitseinsatz „revanchieren“ würde, sagen Christian Lösch vom Bauhof und Daniel Fiegl von der Verwaltung.

Die Waldameisen krabbeln auf der Suche nach Nahrung und Nistmaterial an einem Gartenzaun entlang. - Foto: Nicole Selendt

Die beiden trafen sich am Donnerstag mit Reif in Seligenporten, um den Abtransport zu besprechen. Lösch hat sogar schon eine Idee, wo die Tiere hingebracht werden können, damit sie sich neu ansiedeln können. Die Waldameisen brauchen ein Waldstück, das dennoch lichtdurchflutet und ein wenig durchfeuchtet ist. Auch Totholz um das neue Nest herum nehmen die Tiere gerne an.

Waldameisen verteidigen ihren Bau mit Mann und Maus.

Christian Reif, ehrenamtlicher Ameisenheger im Landkreis Neumarkt

In der ersten Septemberwoche könnte es schon losgehen. Reif sprach für den Arbeitseinsatz allerdings eine Warnung aus: „Zieht eine Mütze oder einen Hut auf.“ Sobald in einem Ameisenstaat Eindringlinge registriert werden, lösen „Wächterameisen“ einen stillen Alarm aus, wie Reif erklärt. Sofort lassen sich dann alle Ameisen, die grade oben im Baum auf Nahrungssuche sind, von den Ästen fallen und gehen über in den Angriffsmodus. „Die verteidigen ihren Bau mit Mann und Maus“, sagt Reif. Gefährlich sei das für den Menschen nicht – nur unangenehm.

Christian Lösch vom Bauhof in Pyrbaum, Ameisenheger Christian Reif und Daniel Fiegl von der Verwaltung in Pyrbaum (v.l.) beraten darüber, wie und wohin die Waldameisen aus Seligenporten umgesiedelt werden können. - Foto: Nicole Selendt

Dass sich die Tiere überhaupt außerhalb ihres eigentlichen Lebensraums ausgebreitet haben, führt Reif auf den Menschen zurück. Der Lebensraum Wald werde immer kleiner, Waldflächen und -wege würden durch schwere Fahrzeuge zunehmend verdichtet, werden ganz gerodet und fallen Neubaugebieten oder dem Straßenbau zu Opfer. Und so komme es häufig vor, dass sich die Waldameisen andere Lebensräume und Nahrungsquellen suchen – und in Privatgärten fündig werden.

Umgang mit Ameisen im Garten

• Gartenschlauch schafft Abhilfe: Nicht alle Ameisen sind Waldameisen. Für gewöhnlich stellen Ameisen für den Garten keine Bedrohung dar. Ameisenheger Christian Reif empfiehlt, bei einem Befall durch gemeine Ameisen dem Nest mit dem Gartenschlauch zu Leibe zu rücken. Wer die Tierchen über mehrere Tage hinweg mit Nässe und Kälte „belästigt“, veranlasst sie dazu, mit Sack und Pack das Nest zu verlassen und eine andere Bleibe zu suchen. Hausmittel wie Backpulver, Zimt oder andere Methoden, die im Internet kursieren, funktionieren laut Christian Reif – er ist einer der Ameisenheger im Landkreis Neumarkt – nicht.

• Gesetzeslage: Waldameisen sind eine Gattung der Ameisen und sind per Gesetz besonders geschützt. Im Unterschied zu den kleinen Ameisen außerhalb des Waldes, können sie große Nester bauen, ihre „Straßen“ sind mehrspurig, sie sind in der Regel größer. Es ist laut Paragraf 44 des Bundesnaturschutzgesetzes verboten, sie zu fangen, zu töten, ihre Nester zu zerstören oder zu beschädigen, und es gibt ein Besitz- und Handelsverbot.

• Bestände registrieren und kartieren: Christian Reif appelliert an Spaziergänger im Wald, die ein Nest entdecken, dieses bei der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt zu melden. Es sei Ziel, die Bestände der Tiere im heimischen Wald zu kartieren und einen möglichst genauen Überblick über deren Vorkommen zu erhalten. Dieser könne zum Beispiel bei der Suche nach geeigneten Standorten für eine Windkraftanlage hilfreich sein.

• Kontakt bei Ameisenbefall: Wer einen Ameisenbefall in seinem Garten entdeckt, sollte nicht gleich mit der Giftkeule vorgehen, bittet Reif. Ein Anruf bei einem der drei Ameisenheger kann sicherstellen, ob es sich bei dem Befall um die geschützte Waldameise handelt. Die Ehrenamtlichen kommen vorbei, identifizieren die Tiere genau und helfen gegebenenfalls bei der Umsiedlung. Den Kontakt zu den Ehrenamtlichen vermittelt bei Bedarf die untere Naturschutzbehörde. Betroffene können sich dort entweder telefonisch unter (0 91 81) 47 01 615 oder per E-Mail an naturschutz@landkreis-neumarkt.de melden.